Seit einer Woche auf Tour: Curtis Salgado serviert den Blues zum Jazzfrühschoppen

Draußen kämpft sich die Wintersonne durch zu einem strahlenden Pferdemarktsonntag. Drinnen im ausverkauften Kernersaal braut sich was zusammen: Der Jazzfrühschoppen wird zur Bluesorgie.

|
Vorherige Inhalte
  • Harpspieler, Sänger, Bandleader, Little Walter-Bewunderer: Curtis Salgado beim Jazzfrühschoppen der Kulturschmiede im Kernersaal der Limpurghalle. Weitere Bilder: www.rundschau-gaildorf.de Fotos: Richard Färber 1/4
    Harpspieler, Sänger, Bandleader, Little Walter-Bewunderer: Curtis Salgado beim Jazzfrühschoppen der Kulturschmiede im Kernersaal der Limpurghalle. Weitere Bilder: www.rundschau-gaildorf.de Fotos: Richard Färber
  • Seit einer Woche zusammen: Curtis Salgado mit (von links) Bassist Mig Toquereau und den Bläsern Tommy Schneller, Gary Winters und Dieter Kuhlmann. 2/4
    Seit einer Woche zusammen: Curtis Salgado mit (von links) Bassist Mig Toquereau und den Bläsern Tommy Schneller, Gary Winters und Dieter Kuhlmann.
  • Mitreißender Solist: der Saxophonist Tommy Schneller. 3/4
    Mitreißender Solist: der Saxophonist Tommy Schneller.
  • Tremolo auf den "tiefen" Tasten: Julien Brunetaud am Klavier. 4/4
    Tremolo auf den "tiefen" Tasten: Julien Brunetaud am Klavier.
Nächste Inhalte

Es ist nicht nur das Publikum, das am Morgen des Pferdemarktsonntags aus kleinen Äuglein blinzelt. Auch die Musiker, die seit einer Woche auf Tour sind und sich noch gar nicht richtig kennen, haben eine lange Nacht hinter sich. Am Samstagabend haben sie noch in Paris gespielt, danach fuhren sie nach Gaildorf. "Wir schlafen nach dem Auftritt", sagt der Schlagzeuger Fabrice Bessouat.

Heute Abend kann man die Band in Brüssel hören. Und vielleicht erzählt Curtis Salgado dem belgischen Publikum dann vom Angeln am Kocher. Nach dem Auftritt in Gaildorf ist er nämlich noch mit Wolfgang "Turkey" Frey auf Hecht gegangen.

In Gaildorf erzählt Salgado die Geschichte vom Bluesplattensammler: Weil er sich mehr mit der Musik von B.B. King als mit seiner Frau befasst, läuft sie ihm irgendwann davon. Zwei Wochen später trifft er sie wieder. Er habe, erklärt er ihr, in dieser kurzen Zeit mehr über den Blues gelernt als in seinem ganzen Leben als Bluesplattensammler.

Die Geschichte gehört zum zweiten Stück im zweiten Set, einer veritablen Blueshymne. Salgados siebenköpfige Band ist hellwach, die dreiköpfige Bläsergruppe kantet strahlende Klangflächen in einen saugenden Groove, und im Publikum saugt man mit beziehungsweise schnappt entzückt nach Luft, wenn die Band kollektiv Atem holt.

Curtis Salgado ist zum zweiten Mal in Gaildorf. Vor zwei Jahren ist der Sänger und Harpspieler beim Bluesfest aufgetreten, er ist einer dieser Musiker, die einer wie auch immer gearteten reinen Lehre nichts abgewinnen können, die das Genre öffnen und erweitern. Man könne diese Musik nennen wie man will, sagt er im Kernersaal, Blues, Soul, Rhythm'n Blues, Rock'n'Roll. "Wir nennen es Spaß haben."

Als einer der gefühlvollsten und ehrlichsten Blues-, Soul- und R&B-Sänger der Musikgeschichte werde Salgado von der internationalen Presse bezeichnet, schreibt die Kulturschmiede auf ihrer Homepage. Abgesehen davon, dass einen dann schon interessieren würde, wer denn nun der gefühlloseste und unehrlichste Sänger ist, wird der schräge Superlativ durchaus verständlich, wenn man Salgado live erlebt, als Sänger, als Harpspieler und - als Bandleader. Es sind die Interaktionen zwischen ihm und seinen Musikern, die den Jazzfrühschoppen zum Erlebnis machen: Das Zurücktreten, damit der Gitarrist Josh Fulero einen Chorus wiederholen und steigern kann; die Aufforderung an Julien Bruneteaud, das Piano-Solo bei Muddy Waters "Too Young to Know" im Bass zu tremolieren; der Wink, der den Saxophonisten Tommy Schneller zum Solo nach vorne holt, wo Salgado bereits mit dem Mikrophon wartet. Denn der Bandleader ist nicht der Star, seine Band, oder noch besser: seine Musik ist der Star - man gewinnt den Eindruck, er kann sich selbst nicht satthören.

Weit zurück, bis zu Bobby "Blue" Bland, Muddy Waters und Little Milton führt das Konzert, und quer über den amerikanischen Kontinent. Das neueste Stück dürfte "Both sorry over nothing" von Salgados Kumpels von "Tower of Power" gewesen sein.

Die zeitliche Einordnung spielt freilich keine Rolle, wenn die Musik selbst zeitlos ist. Womit wir bei Little Walter wären, dem Schutzheiligen des Harpspielers Salgado. Mehrmals wird an den "Charlie Parker der Bluesharp" erinnert, mehrmals nutzt Salgado die Harp, um seiner ausufernden Phantasie ihren Lauf zu lassen. "You're so Fine" heißt einer dieser Klassiker, dem sich Salgado in aller Hochachtung annähert: "Wish me luck - wünscht mir Glück", sagt er, ehe er die Harp ansetzt. Selten hat man den Blues so gefühlvoll und ehrlich gehört.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Themenschwerpunkt

Pferdemarkt in Gaildorf

Der Pferdemarkt lockte am Wochenende nach Gaildorf. Ein Video, Bilder und Texte gibt es hier.

mehr zum Thema

Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Bosch-Manager ist in Ottendorf Nazis entkommen

Albrecht Fischer hatte Glück im Unglück. Jetzt erinnert die Landeszentrale für politische Bildung an den NS-Widerständler. weiter lesen