Rückkehr aus der Unterwelt

Albrecht Fischer war im Widerstand gegen Hitler aktiv, wurde verhaftet – und überlebte. Nach der Entlassung in die Freiheit schlug er sich zu seiner Familie ins Limpurger Land durch.

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Baurat Albrecht Fischer im Jahr 1946: Damals war er Aufsichtsrat bei Bosch, bis 1948 Vorsitzender des Gremiums.  Foto: 

Am 3. April 1945 holten zwei SS-Soldaten Albrecht Fischer ab und brachten ihn ins SS-Hauptquartier nach Berlin, wo ihn SS-General Gottlob Berger mit den Worten begrüßt haben soll: "So, Baurat, da bist du ja. Ihr Schwaben habt eben immer besondere Dickköpfe, und dann macht ihr hin und wieder eine Dummheit (. . .) Wenn dich der alte Bosch nicht so geschätzt hätte, so hätte ich auch nichts für dich tun können!"

Ausgestattet mit Papieren Bergers, konnte Fischer mit der Eisenbahn und per Anhalter seine beschwerliche Reise nach Ottendorf antreten.

„Wenn dich der alte Bosch nicht so geschätzt hätte . . .“

Warum aber Ottendorf? Als während des Zweiten Weltkriegs die Luftangriffe auf größere Städte zunahmen, wurden immer mehr Familien - entweder weil sie bombengeschädigt waren oder als Vorsichtsmaßnahme - aufs Land in Sicherheit gebracht. Oder sie fanden selbst bei Verwandten oder Bekannten eine Unterkunft.

So kam am 11. August 1943 die einzige Tochter der Familie Fischer, Inge Hundt, mit ihren Kindern Peter und Dorothea und dem 23-jährigen Dienstmädchen Else Koch nach Ottendorf in das neu erbaute Haus der Familie Friedrich Nübel. Das Haus Nübel, heute Magdeburger Straße 3, war kurz vor Kriegsbeginn fertiggestellt worden. Rosa Nübel (geborene Rothmer) war vor ihrer Heirat mit Landwirt Friedrich Nübel im Jahr 1938 einige Jahre Dienstmädchen im Hause Fischer gewesen. Albrecht Fischers aus dem Elsass stammende Ehefrau Elisabeth (geborene Schiedt) fand ab 7. August 1944 ebenfalls Unterschlupf in diesem Haus, in dem Albrecht Fischer am 8. April 1945 seine Familie wiederfinden sollte.

Interessant in diesem Zusammenhang: Beim Bürgermeisteramt Ottendorf wurden in einem Buch sämtliche Zu- und Wegzüge peinlich genau festgehalten. Nur einen Namen findet man nicht: den von Albrecht Fischer. Da Fischer befürchtet hatte, abermals von der Gestapo abgeholt zu werden, blieb er bis Kriegsende untergetaucht. Ab 18. Juni 1945 waren Fischers wieder zurück in ihrem Haus Hauptmannsreute 131 in Stuttgart und auch dort gemeldet.

Da Albrecht Fischer von 1933 bis 1939 mit einem Monatsbeitrag von 10 Reichsmark förderndes Mitglied der SS war, aber sonst keiner NS-Organisation angehörte, schlug der öffentliche Kläger mangels Beweises die Einstellung des Entnazifizierungsverfahrens gegen ihn vor. Die Spruchkammer 11 Stuttgart folgte diesem Vorschlag und stellte damit am 16. Mai 1947 fest, dass Fischer durch das "Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus" nicht betroffen sei.

Mit Schreiben vom 18. September 1946 forderte der Betriebsratsvorsitzende der Robert Bosch GmbH, Eugen Eberle (1908-1996), vergeblich den Minister für politische Befreiung, Gottlob Kamm (1887-1973), auf, eine genaue Überprüfung der Spruchkammerverfahren gegen die entlassenen Bosch-Direktoren durchzuführen.

Das kurze Gastspiel Boschs im Limpurger Land

Von Juni bis September 1945 war Albrecht Fischer als Landesdirektor für Arbeit und Sozialversicherung eingesetzt. Im September 1945 wurde er als Mitglied des Aufsichtsrats der Robert Bosch GmbH berufen und hatte während der Kriegsgefangenschaft von Direktor Hans Walz bis 1948 auch den Vorsitz des Aufsichtsrates inne, dem er noch bis 1959 angehörte. Von 1950 bis 1957 war er außerdem Mitglied des so genannten Testamentsvollstreckerkollegiums Robert Bosch.

Zu seinem 75. Geburtstag am 27. März 1952 wurde Albrecht Fischer mit dem Großen Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Fischer starb am 19. Januar 1965 in Stuttgart.

Die Firma Robert Bosch GmbH erwarb in den 1970er-Jahren die Firma Höfliger & Karg in Kleinaltdorf und schloss bald darauf den Betrieb. Ob der Standort für das Limpurger Land hätte erhalten werden können, hätte man damals gewusst, dass einer der führenden Männer bei Bosch 1945 im Limpurger Land Zuflucht gefunden hatte und daran hier erinnert werden könnte, ist wohl nicht anzunehmen.
 


„. . . und wir feierten im Morgengrauen das Wiedersehen“

Nach seiner Entlassung aus dem KZ Sachsenhausen im April 1945 und einer viertägigen Reise voller Abenteuer stand Albrecht Fischer endlich auf dem Bahnhof in Stuttgart und erkundigte sich nach den Zügen in Richtung Gaildorf und Hall:

„Man sagte mir, dass abends um 9 Uhr ein Zug abgehe, aber nur bis Murrhardt. Ich entschloss mich, ihn zu nehmen und in Murrhardt zu sehen, wie ich weiterkomme. Zuerst machte ich den Versuch, über den Bahntelegraph in Murrhardt einen Wagen zu bestellen, das wurde aber abgelehnt.

So setzte ich mich in den schon bereitstehenden Zug und aß von den Vorräten (Hartwurst und Brot), die ich von Berlin mitgebracht hatte. Der Zug kam etwa um Mitternacht in Murrhardt an. Am Bahnhof stellte ich fest, dass ein Warteraum hoch mit Strohschütten belegt war, dass man also notfalls dort schlafen konnte. Zunächst stellte ich mich mit anderen Wartenden an der Murr-Brücke auf, um vorüber kommende Fahrzeuge anzuhalten. Es kamen auch zahlreiche Wehrmachtsfahrzeuge, aber alle mit Order Gschwend-Gmünd. Endlich kam ein Lastwagen mit Ziel Gaildorf, der ein halbes Dutzend Leute und auch mich mitnahm. Der Fahrer – ein norddeutscher Soldat – hatte keine Ahnung vom Weg, und wir im Wagen konnten wegen der Plane, die sich über uns wölbte, nicht sehen, wohin er fuhr. Als Gaildorf ewig nicht kam, veranlassten wir ihn zum Halten und stellten fest, dass der Fahrer fehlgefahren war; er hatte sich den vor ihm fahrenden Wagen angeschlossen, und wir standen deshalb kurz vor Gschwend. Man setzte nun einen Ortskundigen neben den Fahrer, und so kamen wir wieder vom Berg herunter und etwa um 3 Uhr morgens nach Gaildorf. Dort blieb der Wagen stehen, und wir sollten nun warten, ob am Morgen sich eine Gelegenheit zum Weiterkommen bieten würde.

Ein junger Mann und ich entschlossen uns, jetzt einfach zu Fuß weiter zu pilgern. Wir setzten uns in Marsch und waren etwa einen Kilometer heraus, als hinter uns ein Lastwagen auftauchte, den wir zum Halten veranlassten. Er wollte nach Ottendorf und ließ uns aufsteigen, so kamen wir rasch weiter. Als er durch Ottendorf durchfuhr, ließ ich ihn halten und stieg ab. Er hatte Befehl, den Wagen in der Ortsmitte abzustellen. Ich dirigierte ihn noch dorthin (Platz vor der Kirche) und dann auf das Siedlungshäuschen zu, in das meine Familie verlagert war. Dort klopfte ich morgens um 4 Uhr an die Haustüre, und wir feierten im Morgengrauen das Wiedersehen meiner Rückkehr aus der Unterwelt.“

So endet der ausführliche Bericht Albrecht Fischers „Erlebnisse vom 20. Juli 1944 bis 8. April 1945“ über seine Inhaftierung im KZ Sachsenhausen und seine Entlassung.
 

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