Respekt vor dem kulturellen Erbe

Für den im Jahr 2003 aus der Taufe gehobenen Gaildorfer Kinoverein Sonnenlichtspiele war der Fall schnell klar: „Wir machen dort weiter, wo Heiner Langanke aufgehört hat“. - Teil 4 unserer Serie „70 Jahre Gaildorfer Kino“ heute in der RUNDSCHAU.

|
Vorherige Inhalte
  • Eine Premiere feierte der Kinoverein im Sommer 2008: das erste Open-Air-Kino im Hof des Alten Schlosses. In diesem Jahr gab es die zehnte Auflage. 1/3
    Eine Premiere feierte der Kinoverein im Sommer 2008: das erste Open-Air-Kino im Hof des Alten Schlosses. In diesem Jahr gab es die zehnte Auflage. Foto: 
  • Heiner Langanke Anfang des Jahres 2001 in seinem Kino: Bild rechts: Martin Zecha, Gründungsvorsitzender des Kinovereins, und seine Nachfolgerin Margarete John im Oktober 2002. 2/3
    Heiner Langanke Anfang des Jahres 2001 in seinem Kino: Bild rechts: Martin Zecha, Gründungsvorsitzender des Kinovereins, und seine Nachfolgerin Margarete John im Oktober 2002. Foto: 
  • 1.Vorsitzender Martin Zecha mit Schriftführerin Margarete Nagel-John. 3/3
    1.Vorsitzender Martin Zecha mit Schriftführerin Margarete Nagel-John. Foto: 
Nächste Inhalte

Emma und Heiner Langanke,  Eltern von drei Kindern, hätten ihren Lebensabend durchaus anders verbringen können – gemütlicher, ohne den täglichen Kampf ums Überleben ihres Kinos. Stattdessen rackerten sie sich ab und investierten auch kräftig, um die Sonnenlichtspiele zu erhalten und der Stadt Gaildorf ein wichtiges Stück kultureller Zentralität zu sichern.

„Moderner Musentempel“

Als Heiner Langanke 1991 in den Ruhestand trat, genoss die Institution Kino wieder Kultstatus. Die Sonnenlichtspiele erfuhren allen Unkenrufen zum Trotz einen in dieser Form nicht erwarteten Aufschwung. Den Erfolg durfte das fleißige Ehepaar nicht lange teilen: An Heiligabend 1994 verstarb Emma Langanke im Alter von 73 Jahren. Für die Familie war es Ehrensache, das Lebenswerk der großen Dame der Gaildorfer Kinogeschichte weiterzuführen.

Heiner Langanke ließ sich nicht entmutigen und packte zu. Er steckte viel Zeit und Geld in die Renovierung der Lichtspiele, die er fortan auch für andere Veranstaltungen öffnete: Modenschau und Diavortrag, Film-Woche der Kirche oder RUNDSCHAU-Kinofestival – die Sonnenlichtspiele waren „zum modernen Musentempel geworden“, wie es der Chronist unserer Zeitung einmal formulierte.

Mit preußischer Zielstrebigkeit führte der naturverbundene Geschäftsmann und passionierte Jäger sein Unternehmen, offen für alles Neue und mit zunehmendem Erfolg auch interessant für die Branche der Film-Verleiher: Lang-
anke wurde in den Kreis derer aufgenommen, die – nicht immer, aber immer öfter – Filme gleich mit dem Bundesstart vorführen durften. Was ihm sehr wichtig war: Er wollte ein ausgewogenes Programm zeigen. Dazu musste er, was ihm oft auch gut gelang, viel verhandeln.

Dies brachte ihm 1995 nicht nur den Zuspruch des Publikums ein, sondern auch der Kulturpolitik des Landes: Klaus Trotha, Minister für Wissenschaft, Forschung und Kunst, zeichnete die Sonnenlichtspiele für ihr „kulturell herausragendes Filmprogramm“ aus. Für Heiner Langanke war dies Ansporn, noch mehr zu arbeiten. Ungebrochen war er am Organisieren und Planen, stets gut ausgerüstet mit „mobilem Büro“ und Handy.

Eines Tages – es war der 20. Dezember 2002 – machte eine traurige Nachricht die Runde im Städtle: Heiner Langanke, durch sein freundliches und korrektes Auftreten als Gentleman über die Stadtgrenzen hinaus beliebt und geschätzt, hatte den kurzen Kampf gegen eine schwere Krankheit verloren. Die bange Frage, ob sein Tod nun auch das Ende des Gaildorfer Kinos bedeutete, konnte bald beantwortet werden: Tochter Andrea und Sohn Heiner zögerten nicht lange und ließen die Stadt wissen, dass sie das Vermächtnis der Eltern „unbedingt erhalten“ wollten und das mit den acht Mitarbeitern, einer „tollen Truppe“, auch schaffen werden.

Das hat zunächst auch gut geklappt.  Langanke-Tochter Andrea Leitner versuchte, das kleine, aber feine Kino von München aus zu führen. Doch die Belastung war einfach zu groß. Sie und ihr Bruder Heiner entschlossen sich deshalb, nach einem Käufer zu suchen. Das verunsicherte offensichtlich viele treue Kinogänger. Die Besucherzahlen sanken – bis schließlich Anfang 2003 die RUNDSCHAU berichtete, dass der Verkauf der Sonnenlichtspiele an deren Weiterführung geknüpft sein werde: Schlagartig ging es wieder bergauf.

Dem Vernehmen nach sollen mehrere Interessenten vorgesprochen haben, darunter auch Branchenkenner und Kinobetreiber. „Wir spielen auf jeden Fall weiter, bis eine geregelte Übernahme erfolgen kann“, versichert Birgit Langanke, Frau von Lang-
anke-Sohn Heiner. Schließlich habe ihr Schwiegervater eine Verfügung hinterlassen, wonach das Kino weitergeführt werden solle.

Das war allerdings ein schwieriges Unterfangen. Interessierte Investoren sprangen der Reihe nach wieder ab, nachdem sie erkannt hatten, dass ein professioneller Kinobetrieb in einer Kleinstadt vom Format Gaildorfs mit rund 16 000 Kinobesuchern im Jahr schnell an seine Grenzen stoßen würde. Plötzlich – kurz vor den Sommerferien 2003 – stand das Vorhaben auf der Kippe.

Eine neue Ära beginnt

Zeitsprung: „Wir machen dort weiter, wo Heiner Langanke aufgehört hat“, kündigte Martin Zecha am 24. September an. Der Vorsitzende des am 4. September auf Initiative des damaligen Bürgermeisters Ralf Eggert von mehr als 50 Bürgern aus allen Teilen des Limpurger Landes neugegründeten Kinovereins „Sonnenlichtspiele Gaildorf e.V.“ konnte auch gleich den Startschuss bekanntgeben: Die allererste Vorstellung war für den 2. Oktober terminiert – allerdings nur für den Verein und seine Gäste.

Danach wurde das neue alte Kino sozusagen öffentlich: Drei Filme standen in der ersten Kinowoche des Vereins auf dem Programm: für Kinder Trickfilm „Sindbad“, für Jugendliche und junge Erwachsene gab es „American Pie II“ und für die „Großen“ flimmerte „Good Bye Lenin“.

Wenige Wochen zuvor, am
17. September, hatte der Gemeinderat den Kauf des Kinogebäudes durch die Stadt beschlossen, die nun das Gebäude sanierte und einen Pacht- und Betreibervertrag mit dem Kinoverein abschloss.

„Wenn ich euch so anguck’ . . . das muss einfach laufen!“ Diese legendäre Gefühlsäußerung von Martin Zecha – der nach der Anfangsphase die Verantwortung an Margarete John weitergab – während der Gründungsversammlung vor fast 14 Jahren markierte den Beginn einer neuen Erfolgsgeschichte, die bis heute von viel ehrenamtlichem Engagement geprägt ist.

Info Unsere kleine Kinoserie endet heute. Im Mittelpunkt stand das Lebenswerk des Betreiber-Ehepaares Langanke. Was der Kinoverein Sonnenlichtspiele seit 2003 geleistet hat, böte zu gegebener Zeit Stoff für eine separate Darstellung.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

„Man muss es nur wollen“

Die Stadtverwaltung lehnt Tempo 30 für die Tüngentaler Straße und für den Langen Graben ab. weiter lesen