Rasten, wo einst Raketen drohten

Ein Rastplatz mitten im Wald bei Rotenhar zieht Wanderer in seinen Bann - am "großen Tisch des Friedens". Wer etwas über dessen strategische Bedeutung während des Kalten Krieges erfährt, bekommt Gänsehaut.

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  • Dieses Bild aus dem Film "Unser Mut wird langen" von Isabell Huber zeigt eine der Raketen, die im Pücklerwald aufgerichtet wurden. Heute können sich dort Wanderer am "großen Tisch des Friedens" stärken. Fotos: Pressehütte Mutlangen/Oßwald 1/4
    Dieses Bild aus dem Film "Unser Mut wird langen" von Isabell Huber zeigt eine der Raketen, die im Pücklerwald aufgerichtet wurden. Heute können sich dort Wanderer am "großen Tisch des Friedens" stärken. Fotos: Pressehütte Mutlangen/Oßwald Foto: 
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Die 20-köpfige Gruppe aus dem Raum Reutlingen freut sich auf die Rast am "WeiterWeg" im wildromantischen Wald der Graf von Pückler und Limpurg'schen Wohltätigkeitsstiftung. Am "großen Tisch des Friedens" packen die Wanderer ihr Vesper aus. Weitere Menschen, die hier unterwegs sind, gesellen sich dazu. Man kommt schnell ins Gespräch, tauscht Gedanken aus - stärkt sich gemeinsam. Die Sorgen des Alltags scheinen wie weggewischt.

Dieser Rastplatz im Pücklerwald bei Gschwend-Rotenhar ist eine von zehn Stationen des fünf Kilometer langen "WeiterWeg", eine Mischung aus Kunstpfad und Besinnungsweg. Dort werden Besucher eingeladen, "über die zentralen Fragen des Lebens nachzudenken", wie es Matthias Rebel, Geschäftsführer der Stiftung und Initiator des Projekts, formuliert. An jeder der Stationen ist ein Kunstwerk aufgebaut. Texttafeln regen an, innezuhalten - zum einen mit Lebensweisheiten, zum anderen mit christlichem Inhalt. Für die künstlerische Konzeption und die Gestaltung im Jahr 2007 sorgte der Tübinger Künstler Martin Burchard.

Dass nun der Friedenstisch genau 16 Meter lang ist - an seinen beiden gleich langen Bänken finden bis zu 60 Personen Platz -, kommt nicht von ungefähr: Genau so lang waren die mobilen Abschussrampen für die im Zuge des Nato-Doppelbeschlusses insgesamt 108 in Baden-Württemberg stationierten US-Mittelstreckenraketen vom Typ Pershing II. Solche mit atomaren Sprengköpfen bestückte Waffensysteme waren oft an dieser Stelle positioniert und in Richtung Sowjetunion gerichtet. Von dem friedlich anmutenden Waldstück aus in Marsch gesetzt, hätten sie in fünf Minuten ihre Ziele - eines davon war Moskau - erreicht und dort für Tod und Verwüstung gesorgt.

Die entsprechenden zwei- bis dreitägigen Manöver spielten sich hauptsächlich zwischen 1984 und 1988 ab - zumindest wurden sie in diesem Zeitraum durch die von 1983 bis 1990 auf der Mutlanger Heide stationierte "56th Field Artillery Brigade" offiziell angemeldet.

Wie Matthias Rebel im Gespräch mit Zeitzeugen erfahren konnte, waren dazu auf dem heutigen "WeiterWeg"-Parkplatz an der Kreisstraße 3330/2662 - an der Grenze zwischen den Landkreisen Hall und Ostalb gelegen - ein Militär-Jeep postiert. Ein Soldat, die Maschinenpistole im Anschlag, besorgte Bewachung und Kontrolle, während die Raketen in den Wald hinein gezogen und bei der "Grünen Hütte" auf der sternförmig zulaufenden Wegkreuzung aufgerichtet wurden.

Bekannt war damals, dass die Raketen-Einheiten permanent in Bewegung waren und zwischen den Standorten Mutlangen und Waldheide bei Heilbronn pendelten. Entlang der wichtigsten Routen gab es immer wieder spektakuläre Blockaden - etwa am 6. Mai 1987 im Gaildorfer Teilort Reippersberg, wo Friedensaktivisten einen Konvoi mit 15 Raketen stoppten, einen Tag später im Wald bei Winzenweiler. Dort nahm die Polizei zwei Dutzend Demonstranten vorübergehend fest.

In Kreisen der damaligen Friedensbewegung wird vermutet, dass es sich bei den ungewöhnlich offenen Fahrten über Land um reine Ablenkungsmanöver der Militärs handelte: Während die gut vernetzten Demonstranten zu den publik gemachten Brennpunkten eilten, konnten die Streitkräfte im Pücklerwald ungestört "für den Ernstfall üben". Tatsächlich findet sich in den einschlägigen Archiven keine Notiz über eine "offizielle" Truppenbewegung oder gar eine Protestaktion in dem weitläufigen Waldgebiet zwischen Gschwend und Gaildorf. Nicht einmal in der von Volker Nick, Volker Scheub und Christof Then erarbeiteten Dokumentation der Pershing-Ära in Mutlangen ist von Rotenhar die Rede, obwohl dieser Standort offensichtlich zu den wichtigsten im Land zählte.

Nur einmal geriet der Wald, in dem die Grenze zwischen Krieg und Frieden dramatisch fließend war, in die Schlagzeilen: Am 9. Mai 1989, mitten in der Phase der Umsetzung der zwischen den Supermächten USA und Sowjetunion vereinbarten Abrüstung, kippte ein mit einer Pershing beladener Sattelzug auf einem Waldweg um. Ein Soldat erlitt dabei eine Rückenverletzung. Der damalige Presseoffizier, Major Gerard Hart, bezeichnete gegenüber unserer Zeitung den Zwischenfall als "harmloses Unglück". Die Raketen seien nur mit "nicht explosiven Sprengköpfen" bestückt gewesen.

Fakt ist: Die in Mutlangen stationierte Einheit war damals mit Mann und Maus und sämtlichen 27 verbliebenen Raketen - neun Pershings waren bereits abgezogen - im Pücklerwald unterwegs. Gleich nach dem Unfall wurde das Gelände weiträumig abgeriegelt.

Das ist der Wald rund um den "WeiterWeg", der Graf Gottfried von Pückler und Limpurg (1871-1957) einst gehörte, heute freilich nicht mehr. Und so ist die Freude der Wanderer - auch der Reutlinger Gruppe - über die großzügig angelegte Rastmöglichkeit am "großen Tisch des Friedens" ungetrübt. Nur der Gedanke an die frühere Zweckbestimmung des Ortes lässt Eingeweihte frösteln. Weil hier deutlich wird, dass Frieden eben keine Selbstverständlichkeit ist. Eine Erfahrung, die schon Graf Gottfried als überzeugter und friedliebender Christ machen musste: In den letzten Kriegstagen des Jahres 1945 sank sein Schloss in Schutt und Asche.

Info Alle bereits erschienenen Teile unserer Serie "Geheimnisvolle Orte" gibt es im Internet auf einen Blick unter www.swp.de/geheimnisse

Waldfantasie

Die Musik zum "WeiterWeg! - die Waldfantasie" - hat Günther Franz Kasseckert (Öhringen) im Jahr 2011 komponiert. Das dem "großen Tisch des Friedens" gewidmete Stück erinnert an die Stationierung der Pershing-Raketen. Kasseckert verarbeitete dazu die Nationalhymnen von Deutschland, den USA und der Sowjetunion zu einer musikalischen "Bedrohungsszenerie". Unmittelbar danach folgt die friedliche Alternative: Die drei Hymen finden zu einer harmonischen Einheit.

Die CD kann zum Preis von 15 Euro (ab zwei Stück 10 Euro) erworben werden bei der Graf von Pückler und Limpurg'schen Wohltätigkeitsstiftung, Graf-Pückler-Straße 19 in 74405 Gaildorf. E-Mail info@graf-pueckler.de. Internet: www.graf-pueckler.de.

SWP

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