Nur die Zeichen fehlten

Es dauerte Jahre, bis er in das zweithöchste Amt im Staate aufgestiegen war - und nur 24 Stunden, bis er ins Bodenlose stürzte: Der frühere Bundestagspräsident Philipp Jenninger (CDU) wird morgen 80.

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Steiler Aufstieg, jäher Sturz: Philipp Jenninger wird morgen 80.

Geschichtsbücher kennen keine Gnade: In die Annalen der Bundesrepublik ging der Sohn eines katholischen Buchdruckers aus Rindelbach bei Ellwangen unter der Rubrik "Tragische Figuren" als jener Mann ein, der vor 24 Jahren nach einer überaus umstrittenen Rede im Bundestag in den politischen Abgrund stürzte.

Der gelernte Jurist Philipp-Hariolf Jenninger wurde an diesem 10. November 1988 von einer Erkenntnis eingeholt, die er selbst vier Jahre zuvor bei seiner Wahl zum Bundestagspräsident geradezu prophetisch formuliert hatte: "Nichts zerfrißt die Glaubwürdigkeit der Politiker erbarmungsloser als die Heuchelei". Deshalb wollte er wohl mit seiner 26-Seiten-Rede zur 50. Wiederkehr der Reichspogromnacht fernab von den zur Routine erstarrten Betroffenheitsritualen eine ungeschminkte Bilanz dessen ziehen, was die Deutschen kollektiv in die Arme von Adolf Hitler trieb und was 1938 hinter dem staatlichen Terror gegen die Juden stand. Doch Philipp Jenninger zählte im Bundestag nicht unbedingt zur Riege der begnadeten Rhetoriker - und das wurde ihm letztlich zum Verhängnis. Seine Rede entsprach zwar bis ins letzte Detail hinein den historischen Tatsachen. Aber er zitierte die einschlägigen NS-Dokumente scheinbar kühl und distanziert, ohne hörbare Anführungszeichen - das war Jenningers einziger Fehler.

Dennoch brach weltweit vor allem in den Medien ein Sturm der Entrüstung los, "besinnungslose Schnellurteile" (so der NDR-Journalist Werner Hill), bestimmten die Debatte, an der auch die enge Männerfreundschaft zwischen dem "Don Philippo" und seinem "Helle" zerbrach: Kanzler Helmut Kohl ließ seinen alten Freund im Regen stehen, versorgte ihn aber wenigstens noch mit dem Botschafter-Posten in Wien und beim Vatikan.

Als Jenninger 1997 in den Ruhestand ging und sich für den Chefsessel des Instituts für Auslandsbeziehungen (IFA) in Stuttgart interessierte, holte ihn ein anderer Skandal aus dem Jahr 1976 ein: Bei einer Ausstellung in Bonn zerriss Jenninger wutentbrannt ein Plakat des Grafikers Klaus Staeck. Nach Protesten von SPD, Grünen und etlichen Künstlern verzichtete Jenninger auf den IFA-Posten.

"November-Rede" und "Bilderstürmerei" drängen die eigentliche politische Arbeit von Dr. Philipp Jenninger, der heute in Stuttgart lebt, in den Hintergrund. Die Farben des Hohenloher und Limpurger Landes und die Interessen der Menschen in hiesigen Breiten hat er seit dem Jahr 1969 nicht nur als CDU-Bundestagsabgeordneter mit Verve vertreten. Auch als Staatsminister im Bundeskanzleramt (1982 bis 1984) und als Präsident des Bundestages (1984 bis 1988) hat er sich an einen Ratschlag seiner Mutter gehalten - nämlich auch in mächtigsten Rollen auf der politischen Bühne "nicht die Leut im Wahlkreis zu vergessen".

Wertvolle Zuarbeit in eben diesem Wahlkreis leistete damals auch Hans König. Der einstige Gaildorfer Rathauschef machte für Jenninger die Pressearbeit.

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