Nichts von der Strahlkraft verloren

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In Kooperation mit diversen christlichen Bildungseinrichtungen hatte die Volkshochschule Murrhardt zu einem politischen Abend mit Robert Antretter und Stefanie Behrens eingeladen.  Foto: 

Es herrscht eine Gluthitze im Casino der Kreissparkasse Murrhardt. Ausgerechnet an diesem Abend fällt die Klimaanlage aus. Doch das scheint Robert Antretter nicht aus der Ruhe zu bringen. Alles Drumherum gerät ohnehin zur Nebensache in Anbetracht des munteren Frage-Antwort-Spiels. Allein seine politische Biographie hätte ausgereicht, den Abend zu füllen, doch dann hätte das Publikum zwei spannende, aufschluss- und lehrreiche Stunden verpasst.

Ihm gegenüber sitzt nicht, wie ursprünglich angekündigt, die Murrhardter Unternehmerin und langjährige Kommunal- und Landespolitikerin Rosely Schweizer, sondern Stefanie Behrens. Die gelernte Juristin aus Waldenbuch ist als Referentin für die Konrad-Adenauer-Stiftung unterwegs und versteht sich als Moderatorin prima darauf, präzise und mitunter auch kitzelige Fragen zu stellen. „Demokratie – Macht – Freiheit: Wie frei sind unsere Politiker?“ lautet das Thema des Abends. Antretter antwortet unverkrampft, freundlich, ehrlich. Das Alter von 78 Jahren ist in diesem Fall nur eine Zahl. Seiner Aufzählung nach zu schließen ist er an mehreren Tagen in der Woche in diversen Missionen unterwegs. Ob er denn die Zeit als Berufspolitiker nicht vermisse, will die Fragestellerin wissen. Nein, antwortet er, aktiv mitmischen, das wolle er nicht mehr.

Demokratie in Gefahr?

„Schade, dass sie nicht da ist“, bedauert Antretter und meint Rosely Schweizer. Ihr gelte seit Jahren seine Wertschätzung. Oftmals habe man im selben Zug gesessen und diskutiert. Sie, die reiche Tochter aus dem Hause Oetker, und er, der an der Mindelheimer Stadtmauer großgeworden sei – es hätte unter dem Aspekt „Arm gegen Reich“ eine reizvolle Sache werden können, sagt er lächelnd. „Ist unsere Demokratie in Gefahr?“ lautet dagegen die Kernfrage der Moderatorin, zumal vielfach die Frage auftauche, ob denn in der Politik wirklich so viel gestritten werden müsse. „Streit gehört zur Demokratie“, so Antretters erste Lektion, aber der müsse immer anständig bleiben. Man solle ihm nicht aus dem Weg gehen, aber letztlich auch bereit sein, Kompromisse zu schließen. Nein, er habe sich nicht gescheut, auch mal seinem Gewissen statt dem Fraktionszwang zu gehorchen. Schon Churchill habe gesagt, dass von allen Regierungsformen die Demokratie die am wenigsten schlechte sei.

Einfluss durch Argumente

Über Angela Merkel komme ihm kein schlechtes Wort über die Lippen, so Antretter weiter. Nächstenliebe und Barmherzigkeit seien für ihn die höchsten Werte. Dass er sich für den Schutz des ungeborenen Lebens einsetze, bringe viele Frauen auf die Barrikaden. Die Deutschen dürften nicht vergessen, was sie den Amerikanern verdanken, aber jetzt brauche man nicht mehr strammzustehen. Er selbst, so Antretter, sehe sich nicht als Machtmensch. Würde man aber jemanden, der mit Argumenten arbeitet und dadurch Einfluss besitzt, Machtmensch  nennen, dann sei er vielleicht einer.

Von Vetterleswirtschaft halte er nichts, aber Helmut Kohl für ein gegebenes Ehrenwort zu verurteilen, damit tue er sich schwer. Den jungen Macron finde er sympathisch, wobei er hoffe, dass der die liberale Schiene nicht übertreibe. Der politischen Einflussnahme durch das Heer der  Lobbyisten das Wort reden wolle er nicht, aber in Zeiten weltweiter Konkurrenz könne fachlicher Rat mitunter den Blick in die richtige Richtung lenken.

„Fehlt es unseren Politikern an Mut zur Freiheit?“, fragt Stefanie Behrens. „Ein ambivalentes Thema“, so Antretter. In der deutschen Politik gebe es momentan relativ wenig Spannung und in Europa fehlten die Visionen. Von der generellen Verteufelung der Linken und einer „Ausschließeritis“ halte er nichts, nur die AfD wolle er nicht in der Regierungsverantwortung sehen. Er habe Vertrauen zu Klenk, Gruber, Barthle und Lange, den Abgeordneten aus seinem Wahlkreis. Vorbild zu sein sei für ihn das Wichtigste. Und wenn er seine fünf Enkelkinder vor sich sehe, dann sei ihm vor der Zukunft auch nicht bange.

Lebenslauf Der in München geborene Backnanger Robert Antretter erlernte den Beruf des Schriftsetzers und war zunächst im Verlagswesen tätig. Seit 1965 gehört er dem SPD-Landesverband Baden-Württemberg an. Er war Leitender Landesgeschäftsführer sowie Lehrbeauftragter an der Universität Stuttgart. Dem Deutschen Bundestag, wohin ihn der Wahlkreis Backnang-Schwäbisch Gmünd erstmals im Jahr 1980 entsandte, gehörte er bis 1998 an. Seine Spezialgebiete waren die Europa-, Außen- und Verteidigungspolitik, wobei er sich stets für Menschenrechte und den Schutz von Minderheiten einsetzte. Das soziale Engagement liegt ihm am Herzen. Im Jahr 2000 wurde er zum Vorsitzenden der Bundesvereinigung Lebenshilfe gewählt, wo er für Menschen mit Behinderungen und deren Familien viel auf den Weg brachte. In diversen gemeinnützigen, sozialen und kirchlichen Ämtern ist er teilweise bis heute aktiv. Die katholische Diözese Stuttgart-Rottenburg beispielsweise holte ihn in die Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs und Horst Seehofer in seinen Ethikrat. Im Lauf seines Lebens erhielt Antretter alle möglichen Verdienst­orden bis hin zum Bundesverdienstkreuz. hof

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