Nackte Knef schockt Honoratioren

Geschichte: Auf den grundlegenden Umbau der „Sonnenlichtspiele“ folgten turbulente Jahre für das Gaildorfer Kino von Emma und Heiner Langanke.

|
Vorherige Inhalte
  • Heiner Langanke im Sommer 1996 vor dem Gaildorfer Kino, das er nach dem Tod seiner Frau im Jahr 1994 mit Umsicht weiterführte. 1/3
    Heiner Langanke im Sommer 1996 vor dem Gaildorfer Kino, das er nach dem Tod seiner Frau im Jahr 1994 mit Umsicht weiterführte. Foto: 
  • Vorausschauend planen und hartnäckig verhandeln: Emma Langanke am Schreibtisch ihres kleinen Büros im Kino.  2/3
    Vorausschauend planen und hartnäckig verhandeln: Emma Langanke am Schreibtisch ihres kleinen Büros im Kino. Foto: 
  • „Skandalfilm“ der 50er-Jahre: „Die Sünderin“ lief in Gaildorf. 3/3
    „Skandalfilm“ der 50er-Jahre: „Die Sünderin“ lief in Gaildorf. Foto: 
Nächste Inhalte

Nach mehrfachem Umbau ließ Emma Mack, die fleißige wie energische Kinomacherin, den gesamten Gebäudekomplex des früheren Gasthofs „Zur Sonne“ grundlegend umgestalten. Am 14. Juni 1952 präsentierte sie den geladenen Ehrengästen und interessierten Bürgern das Ergebnis: Aus den „alten“ Sonnenlichtspielen ist ein „modernes Theater“ geworden – „mit neuzeitlichem Xenon-Maschinenpark und Hochpolsterstühlen“.

„Teuflisches Machwerk“

Zur Neueröffnung wurde „Herz der Welt“ gezeigt, ein Film über die österreichische Pazifistin, Friedensforscherin und erste Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner mit Hilde Krahl in der Hauptrolle. Das fast zweistündige, von Regisseur Harald Braun geschaffene Werk war erst wenige Wochen zuvor in Berlin uraufgeführt worden. Sie sei, versicherte Emma Mack damals, „durch beste Zusammenarbeit mit Filmverleihern stets um aktuelle und gefragte Filme bemüht“. Mit dem Braun-Film zur Premiere hatte sie darüber hinaus sozusagen geistlichen Beistand: „Herz der Welt“ war von der Evangelischen Filmgilde zum „Film des Monats“ gekürt worden.

Konnte sich die Kinofrau des Wohlwollens der Stadtväter sicher sein, so brachte sie doch Mitte der (vordergründig) sittenstrengen 1950er-Jahre deren Moralvorstellungen ins Schleudern: Die Sonnenlichtspiele zeigten Willi Forsts „Skandalfilm“ des Jahres 1951, „Die Sünderin“, die Geschichte über das Zusammenleben der Prostituierten Marina mit dem Maler Alexander. In diesem Film war für wenige Augenblicke eine unverhüllte Hildegard Knef zu sehen, die damit ihren Durchbruch feierte. Emma Lang­anke – inzwischen verheiratet – erntete daraufhin Schimpf und Schande, weil sie es gewagt hatte, ein solch „teuflisches Machwerk“ nach Gaildorf zu holen.

Und doch beobachtete der damalige Zeitungsredakteur Kurt „ted“ Leibbrand, wie mancher Warner vor dem Untergang des Abendlandes mit hochgeschlagenem Mantelkragen im Dunkel des Vorführraums verschwand. So ertappt, lautete die Entschuldigung eines der Honoratioren, man wolle schließlich sehen, worüber man schimpfe.

Wer darob kräftig geschmunzelt haben dürfte, war Emma Lang­anke. Sie kannte das Wort Zensur nicht, schon gar nicht die „Volkszensur“, wie sie 1954 der damalige Bundesfamilienminister Franz-Josef Wuermeling mit Blick auf „Die Sünderin“ gefordert hatte. Überhaupt ließ sie nichts über ihr Metier kommen. Sie verteidigte es hartnäckig gegen Anfeindungen jeglicher Art und gab sich sogar dann kämpferisch, als in den 1960er- und 1970er-Jahren Filme den Markt überschwemmten, die dem deutschen Kino nicht oder nur wenig zur Ehre gereichten – die an Handlung armen Lederhosen-Softsex-Filme etwa.

Emma Langanke blieb aller Pauschal-Kritik zum Trotz standhaft. Ihr kleines Unternehmen überstand manche Krise. Selbst die Einführung des Farbfernsehens in Deutschland am 25. August 1967, für viele kleine Kinos auch in der Region der Anfang vom Ende, überstand sie mit einem blauen Auge.

Kino wird wieder Kult

Mitte der 1980er-Jahre stellte sie sich der landesweit schärfer werdenden Diskussion über die gewaltstrotzenden „Rambo“-Filme, die auch Gaildorf erreicht hatte, wo einige Dutzend Demonstranten eine Aufführung verhindern wollten. Sie stand, pathetisch formuliert, in guten wie in schlechten Tagen zum Kino.

Unterstützung erfuhr sie durch ihren Mann Heiner, der beim Union-Filmverleih als Regionalleiter gearbeitet hatte. Ab 1968 war er zwar für ein Pharma-Unternehmen in München tätig, half aber in seiner Freizeit tatkräftig mit, um die Lichtspiele über Wasser zu halten. Mit Eintritt in den Ruhestand ging es gemeinsam voller Elan und mit neuen Perspektiven weiter. Kino hatte inzwischen wieder Kultstatus erlangt, und so erfuhren auch die Gaildorfer Sonnenlichtspiele einen kräftigen Aufschwung als Kulturträger der Stadt.

Info Im vierten Teil unserer Serie geht es um das Vermächtnis von Emma und Heiner Langanke, das seit nunmehr 14 Jahren von ehrenamtlichen Kinofreunden, die sich im Verein Sonnenlichtspiel engagieren, gepflegt wird.

Chronik Unter dem Titel „Sonnen-Lichtspiele eröffnet“ berichtete der „Kocherbote“ am 17. Juni 1952 unter anderem Folgendes: „Bürgermeister Herrmann sprach seine Freude darüber aus, dass das Kino mit der Aufwärtsentwicklung der Stadt Schritt halte und sich den Ansprüchen des Publikums gewachsen zeige. Er wies darauf hin, dass der Film erzieherisch wirken könne, und zwar in positivem, aber auch im negativen Sinn. (...) Bürgermeister Herrmann wünschte, dass das System der Blindbuchungen abgelöst werden möchte, so dass kein Zwang mehr bestehe, schlechte Filme mit hereinzunehmen. Er ging dann auf den Umbau ein, der das Erstlingswerk seines Neffen und Patenkindes, Architekt Fritz Wieland, ist und bezeichnete ihn als gut und gelungen.“ Viel Lob ernteten damals die beteiligten Handwerker.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Landrat zur Klinik-Finanzierung: Müssen uns weiter wehren

Kreistags-Mitglieder diskutieren über die Kliniken in Hall und Crailsheim. Gerhard Bauer kritisiert die Bundespolitik. weiter lesen