Lebensader des Limpurger Landes

Vor 160 Jahren, am 10. April 1855, legte das letzte Haalfloß in Bröckingen ab. Damit endete die "ordentliche Flößerei" auf dem Kocher, ein wichtiges Stück Geschichte des Limpurger Landes.

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  • Eine der Thementafeln entlang des Kocher-Jagst-Radwegs informiert über die Flößerei in Gaildorf beziehungsweise im Limpurger Land. Sie wurden aus dem Leader-Programm gefördert. Konzept und Idee stammen von Hardy Mann aus Mainhardt. 1/2
    Eine der Thementafeln entlang des Kocher-Jagst-Radwegs informiert über die Flößerei in Gaildorf beziehungsweise im Limpurger Land. Sie wurden aus dem Leader-Programm gefördert. Konzept und Idee stammen von Hardy Mann aus Mainhardt.
  • Das Gaildorfer Stadtwappen: In Rot zwei gekreuzte, auswärts gekehrte, silberne Flößerhaken, überdeckt von einem silbernen "Fach", dem Floß. 2/2
    Das Gaildorfer Stadtwappen: In Rot zwei gekreuzte, auswärts gekehrte, silberne Flößerhaken, überdeckt von einem silbernen "Fach", dem Floß.
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In Schwäbisch Hall kann schon für vorchristliche Zeit die gewerbliche Nutzung natürlicher Solevorkommen nachgewiesen werden. Während des Mittelalters entwickelte sich ein Salinenbetrieb, dessen Versorgung mit dem nötigen Brennholz aus der näheren Umgebung der Stadt Hall nicht mehr möglich war, so war man gezwungen, das Holz aus den südlich benachbarten Herrschaften Limpurg, Adelmann und Vohenstein und ab dem 18. Jahrhundert auch aus dem Besitz des Ritterstifts Comburg zu beziehen. Die Wälder lagen rund um den Kocher und seinen Zuflüssen, die für die Flößerei erschlossen wurden. Zuflüsse, die nicht genügend Wasser führten, konnten durch das Anlegen von Treibseen - auch Gumpen genannt - für die Flößerei nutzbar gemacht werden. Der Einzugsbereich der Salinenholznutzung belief sich im 18. Jahrhundert auf circa 22.000 Hektar.

Brennholz für Salinenbetrieb in Schwäbisch Hall

Die älteste und mengenmäßig umfangreichste Form der Kocherflößerei war die Block- oder Haalflößerei, die zur Brennholzversorgung der Haller Saline diente und vom Ausgang des Mittelalters bis in das Jahr 1817 Bestand hatte. Rechtsgrundlage war ein Vertrag der Schenken von Limpurg mit dem Rat der Stadt Hall aus dem Jahr 1399, in dem Floßzeiten, Zollbedingungen, die Holzhaltung und die Art der Flößerei, getrennt nach Haalholz und Sägholz festgelegt wurden.

Lukrative Einnehmequelle für die Schenken

Die Herrschaft verkaufte das Holz auf dem Stock an die Bauern, die es nach Aufarbeitung fällten, entasteten, schälten und auf eigene Rechnung an die Haller Sieder verkauften. Das während der Saftzeit eingeschlagene Holz wurde sofort entrindet und blieb zum "Ausleichten" im Bestand liegen. Im Spätherbst, anfangs Winter wurde es von den Bauern an die Floßgewässer direkt oder an präparierten Steilhängen, den Wölzen, transportiert.

Die Wölze waren ein auf 50 Schritt gerodeter Streifen. In der Mitte befand sich die Falllinie, eine Vertiefung, die mit längs angeordneten Stämmen ausgelegt war. Die Stauden wurden auf diesen Stämmen mit Hilfe der Schwerkraft zu Tale befördert.

Insgesamt können am Kocher 18 Wölze, an den Zuflüssen wie dem Eisbach, dem Rauhenzainbach, der Fichtenberger Rot und der Blinden Rot konnten 26 Wölze nachgewiesen werden. Nach dem Wölzen beziehungsweise dem Transport an die Gewässer begann man mit dem Absägen, dem "Schroten", der Stauden und der Kennzeichnung der einzelnen Blöcke durch Einhauen der persönlichen Male. Da für das Flößen ein ausreichender Wasserstand notwendig war, flößte man im Spätjahr nach anhaltendem Regen oder im zeitigen Frühjahr nach der Schneeschmelze. Um "Petrie Stuhlfeier", also am 22. Februar, benachrichtigte das Haalgericht die Limpurger Forstämter, dass der "Pferch" in Hall geschlossen sei, worauf mit dem Flößen begonnen werden konnte. Die Leitung für die Flößerei in den Bächen oblag den Bach- oder Seemeistern, auf dem Kocher den Treibmeistern. Die Treibmeister wurden ebenso wie die Seemeister von den Floßbauern aus den eigenen Reihen gewählt.

Zur Sicherung der Arbeitskapazität während der Flößerei waren Floßbauer mit ihrer Person oder durch ihr Gesinde dienstverpflichtet. Sowohl Bauern als auch Gesinde bezeichnete man gemeinhin als Treiber oder Stiefelknechte. Ausgerüstet waren sie mit Flößerhaken und hohen Lederstiefeln, die bis zum Becken reichten, um vom Ufer aus hängengebliebenes Holz wieder flottzumachen oder im Wasser stehend Stockungen zu beheben. Um Stauungen an Stellen, die vom Ufer aus nicht zu erreichen sind, vermeiden zu können, fuhren Treiber auf Flößen mit dem Trift mit. Die benutzten Flöße bezeichnete man als Doppelfach.

Die Besatzung der Flöße bestand aus vier bis fünf Mann. Wenn sich der Trieb dem Grenzort Westheim näherte, schickten die Treibmeister einen Boten nach Hall, der das Haalgericht zur Übernahme aufforderte.

In Hall wurde das antreibende Holz von dem geschlossenen Holzrechen aufgehalten. Am Dienstag nach "Fabian Sebastian" trafen sich Bauern, Sieder und limpurgische Abgeordnete zum Begleichen der Holzschuld - von den Hallern auch spöttisch "Bauernrechnung" genannt - in Hall. Zweck dieser jährlichen Zusammenkunft war es, die alten Holzschulden zu begleichen, Beschwerden vorzubringen und neue Lieferverträge abzuschließen. Die Bauernrechnung dauerte mehrere Tage und war von ausschweifenden Trinkgelagen und heftigen Auseinandersetzungen geprägt.

Ursprünglich wurde das Holz um Pfingsten von den Siedern auf der Schrotstätte besichtigt. Abgerechnet wurde die Holzmenge, die tatsächlich in Hall aus dem Kocher gezogen wurde, bis zum Jahr 1694. Der Abgang ging zu Lasten der Holzbauern. Ab 1694 war für die Abrechnung nicht mehr das Haller Ausziehbuch maßgebend, sondern die tatsächlich eingeworfene Menge.

Um der oft mangelnden Zahlungsmoral der Sieder entgegenzuwirken, legte man 1694 vier Zahlungstermine fest, an denen jeweils ein Viertel der Holzschuld zu entrichten war. Ab 1702 mussten die Sieder beim Magistrat eine Kaution zur Absicherung der Forderungen aus dem Holzkauf hinterlegen. Das Holz wurde an Ort und Stelle zu Scheiten aufgearbeitet und mit Schlitten an die Floßstraßen oder an neuangelegte Holzriesen - erweiterte Wölze - befördert.

Die Holzübernahme der Scheite erfolgte an der Wasserstraße durch die zuständigen Forstbeamten. Das Treiben wurde bis Gaildorf von Sulzbacher Bauern im Taglohn, ab da von Haller Stiefelleuten im Stücklohn vergeben. 1829 verlängerte man die Floßstraße bis Friedrichshall. Dies alles konnte den Untergang der Flößerei im Limpurger Land aber nicht stoppen.

Ausbau der Straßen und Eisenbahn beenden Epoche

Mit dem Ausbau der Landwege und mit den nach und nach entstehenden Eisenbahnlinien erwuchs der Flößerei als seither einziges, kostengünstiges Transportmittel für die schwere Ware Holz eine Konkurrenz, der sie letztendlich unterlag. Die neuen Verkehrsbedingungen ermöglichten auch, dass die billigere Kohle problemlos zu beschaffen war, was den Absatz von Brennholz und somit die Brennholzflößerei beeinflusste.

Mit der Aufhebung des öffentlichen Holzgartens stellte die Saline Friedrichshall auf Steinkohlefeuerung um. 1855 wurde das letzte Kocher-Scheiterholz-Floß durchgeführt. Die Saline Schwäbisch Hall war an diesem letzten Floß schon nicht mehr beteiligt. Der letzte Trieb mit einem Umfang von 4700 Klaftern hatte am 10. April 1855 in Bröckingen begonnen und endete am 7. Mai im Holzgarten in Friedrichshall.

Wissenswertes über die Flößerei

Zähleinheiten Die Zähleinheiten war der Block, das Fach und das Stück. Ein Block war 11 Nürnberger Schuh lang, was heute 3,35 Metern entspricht und musste am starken Ende einen Durchmesser von 4 bis 17 Zoll (13,5 bis 57,5 Zentimeter) haben. Als das Fach bezeichnete man 8 Haalblock. 240 Haalblock oder 30 Fach ergaben dann das Stück.

Geflößte Mengen Die Menge des geflößten Haalholzes ist ab dem 16. Jahrhundert erfasst. Für das ausgehende Mittelalter bis zum 16. Jahrhundert kann man von einer jährlichen Holzmenge von 70.000 bis 75.000 Festmetern ausgehen, was einer Menge von 330.000 Haalblöcken entspricht. Durch Verbesserung der Siedetechnik, die im Jahr 1607 beschlossen wurde, verringerte sich der Holzbedarf ab 1609 um 35.000 Haalblock.

Veränderungen Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts benötigten die Sieder dann nur noch 45.000 Festmeter. Mit Einführung der Gradiermethode im 18. Jahrhundert wurden jährlich nur noch circa 30.000 Festmeter auf dem Kocher nach Hall geflößt. Die einzelnen Triebe umfassten in der Regel zwischen 50 (12.000 Blöcken) und 300 Stück Floßholz (72.000 Blöcken).

Treibordnung Sowohl Floßtechnik wie auch der Ablauf der Haalflößerei war vom Ausgang des Mittelalters bis zum letzten Blockfloß im Jahre 1817 kaum Änderungen unterworfen.

Floßordnung Während für das Flößen auf Bächen schon im 16. Jahrhundert eine Treibordnung bestand, veröffentlichte die limpurgische Herrschaft erst 1702 eine Floßordnung für den Kocher.

Zölle Für das verflößte Holz auf dem Kocher wurden Zölle erhoben. Sie waren im 15./16. Jahrhundert eine erhebliche Einnahmequelle für die Limpurger Herrschaften, verloren jedoch im Laufe der Zeit durch Erbteilungen und Veräußerungen an Bedeutung.

Guldenzoll Der Guldenzoll war ein Wasserzoll, der sich nur auf das Haalholz bezog. Bezugsberechtigt waren die Herren von Limpurg, aufkommen mussten die Haller Sieder. 1541 erwarb die Stadt Hall die Hälfte des Guldenzolls.

Wegmieth Die Wegmieth war eine von den Bauern an die Herrschaft zu entrichtende Abgabe für die Erlaubnis, das Holz vom Wald über herrschaftlichen Grund an die Wasserstraße zu transportieren.

SWP

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