Kurt Oesterle liest im Heimatmuseum in Horlachen aus „Martha und ihre Söhne“

Die „Sommerfrische“ spielt keine Rolle in Kurt Oesterles neuem Roman. Die Lesung im Heimatmuseum Horlachen handelte von anderen Zeiten.

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Der aus Oberrot stammende Autor Kurt Oesterle las in Horlachen aus seinem neuen Roman "Martha und ihre Söhne". Im Hintergrund Erwin Holzwarth vom Heimat- und Kulturverein Gschwend und Umgebung.  Foto: 

Derzeit wird im Heimatmuseum eine Ausstellung zum Thema „Sommerfrische auf dem Land“ gezeigt. Beim jüngsten Museumstag wurde der Schwerpunkt auf Krisenzeiten gelenkt, in denen der Fremdenverkehr zum Erliegen kam. Einer der radikalsten Einschnitte war der Zusammenbruch im Mai 1945, als Nazideutschland kapitulierte. An Fremdenverkehr war nicht mehr zu denken, die Menschen waren mit dem eigenen Überleben beschäftigt. Hunderttausende Flüchtlinge strömten ins Land, die Bevölkerung fürchtete Racheaktionen der Alliierten.

Ortsbestimmung: Irgendwo im Schwäbischen Wald

In dieser Zeit beginnt der Roman von Kurt Oesterle „Martha und ihre Söhne“. Erwin Holzwarth vom Heimatverein Gschwend begrüßte den aus Oberrot stammenden Autor und führte die Besucher in die Zeit nach Ende des 2. Weltkrieges ein, in der Oesterles Erzählung spielt. Orte der Handlungen könnten, ohne dass Orts- oder Familiennamen im Roman erwähnt werden, als Orte und Landschaften des Schwäbischen Waldes angenommen werden. Oesterle las Passagen vor und Holzwarth übernahm  die Überleitungen.

Die 20-jährige Martha lebt mit ihrer Familie in einem Dorf, als die Amerikaner einmarschieren. Die meisten Familien sind zerrissen, auch Marthas Bruder „Krotz“ wird vermisst. Die Sieger hängen ein weißes Laken im Ort auf. „Der Feind bringt Euch die Freiheit“, ist darauf zu lesen. Für Martha ist das Spott und Demütigung, wo sie doch, wie viele andere auch, sich als Angehörige einer „Herrenrasse“ fühlte. Hastig werden Reliquien der NS-Zeit vernichtet.

Es bleibt ein undefinierbares Schuldgefühl und Angst vor Bestrafung. Als Mutter meint Martha sich vor den Besatzern sicherer fühlen zu können und beginnt mit dem aus dem Osten gestrandeten Paule eine Beziehung, aus der zwei (uneheliche) Söhne hervorgehen. Es beginnt die Zeit der politischen Umerziehung. Der deutschstämmige Captain Schulz von der US-Army wirbt für eine friedliche Zukunft in Freiheit und Demokratie und stößt auf Misstrauen, da Demokratie nach der NS-Ideologie als Staatsform von Schwächlingen gilt.

Kurt Oesterle beschreibt das Überleben in der Nachkriegszeit sehr eindrücklich. Holzdiebstahl, Wilderei oder Schwarzfischen sind fast alltäglich, die Ansprüche bescheiden. „Linsen hart wie Rollsplitt“ waren auf dem Speisezettel, und wenn der neue „Feldschütz“ jemanden beim Klauen erwischte, war die banale Frage: „Wieso nur ich?“. Das Vertrauen in die neue Obrigkeit war brüchig.

Fred, Marthas Ältester, arbeitet auf einem nahen Gutshof, der jüngere Hel findet Nahrung für Hirn und Herz  in Büchern. Langsam kommt wieder so etwas wie Normalität in das Leben der Menschen. An der Waldsägemühle wird Holz für ein Häuschen geschnitten und es gibt nach langer Zeit ein Fest, bei dem sich die Besucher an Wein und Fleisch satt essen können.

Als 1955 die letzten deutschen Kriegsgefangenen aus sowjetischen Lagern freigelassen werden, wächst in Martha die Hoffnung, ihren vermissten Bruder wiederzufinden. Wenig später erhält Paule, der Vater von Marthas Söhnen, die Nachricht, dass seine Mutter und Schwester noch leben, in der „Ostzone“. Mit einem Auto und Reisepapieren geht es Richtung DDR. Die Angst vor den Grenzkontrollen lähmt Paule dermaßen, dass er nicht mehr weiter will. Martha wirft ihm vor, ein Feigling zu sein, dann setzt sich Fred ans Steuer, einem Ziel und einer Zeit entgegen, von der keiner weiß, was sie bringen wird.

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