In der Notzeit geprägt: Die „eisernen Gaildorferle“

Vor 100 Jahren plante das Oberamt Gaildorf die Ausgabe von „Kriegsgeld“. 1918 kamen mehr als 100.000 Münzen zu 5 und 10 Pfennig in Umlauf.

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  • Gaildorfer Kriegsnotgeld aus dem Jahr 1918, links ein Fünferle, rechts die Rückseite eines Zehnerles. 1/3
    Gaildorfer Kriegsnotgeld aus dem Jahr 1918, links ein Fünferle, rechts die Rückseite eines Zehnerles. Foto: 
  •  Kriegsnotgeld Oberamtsbezirk Gaildorf, 10 Pfennig, Eisen, 1918, Rueckseite mit Stadtwappen, Floss und Floesserhaken - Honorarfrei - NKR-GAI-RED-302 - K.Osswald - 2/3
    Kriegsnotgeld Oberamtsbezirk Gaildorf, 10 Pfennig, Eisen, 1918, Rueckseite mit Stadtwappen, Floss und Floesserhaken - Honorarfrei - NKR-GAI-RED-302 - K.Osswald - Foto: 
  • Frauen stehen während des Kriegsjahres 1917 vor einer Gaildorfer Metzgerei Schlange. Nicht nur Lebensmittel waren damals äußerst knapp, es fehlte auch an Kleingeld, weshalb das Oberamt im Jahr 1918 „Kriegsgeld“ prägen ließ, Fünferle und Zehnerle. 3/3
    Frauen stehen während des Kriegsjahres 1917 vor einer Gaildorfer Metzgerei Schlange. Nicht nur Lebensmittel waren damals äußerst knapp, es fehlte auch an Kleingeld, weshalb das Oberamt im Jahr 1918 „Kriegsgeld“ prägen ließ, Fünferle und Zehnerle. Foto: 
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Dezember 1917, die Kinder im Limpurger Land haben den Nikolaustag herbeigesehnt, der ihnen Süßes bringen würde. Eine Hoffnung, die heute, 100 Jahre später, nicht ansatzweise in Zweifel gezogen wird. Doch in den Kaufläden, auch bei den so genannten Kolonialwarenhändlern der Oberamtsstadt Gaildorf, gibt es im vierten Jahr des Ersten Weltkriegs nur noch das Nötigste. Lebensmittel sind knapp und nur in sehr kleinen Mengen zu bekommen. Manche Mutter erklärt ihren Kindern, dass auch ein Bratapfel etwas Köstliches sein könne und Schokolade eigentlich gar nicht so gesund sei ...

Es fehlt an Kleingeld

In dieser Zeit, in der die Stadt und die umliegenden Dörfer viele Kriegstote zu beklagen haben, gibt es aber auch ein anderes Problem: Es fehlt an Kleingeld! Ein Umstand, den es rasch zu beheben gilt. Oberamtmann Robert Majer, seit 20 Jahren Chef des Verwaltungsbezirks, sieht die Versuche der Reichsregierung, Abhilfe zu schaffen, als gescheitert an. Er rät den Gremien zur Selbsthilfe: Gaildorf müsse, wie es andere Bezirke tun, „eigenes“ Geld in Umlauf bringen.

Warum die Zeit so sehr drängt, liegt auf der Hand: Lebensmittelgeschäfte haben große Probleme, Wechselgeld zu beschaffen. Für die rationierten Lebensmittel, deren Höchstpreise festgeschrieben sind, werden meist nur kleine Beträge fällig. Es kommt deshalb oft vor, dass die Ladeninhaber, die auch von der Oberamtssparkasse kein Kleingeld bekommen, ihren Kunden die gewünschte Ware verweigern. Ein- und Zwei-Pfennig-Münzen, Fünferle und Zehnerle der Reichsbank werden in den Haushalten gehortet, so gut es geht.

Wie die Nachbarstädte Murrhardt und Welzheim, Hall und Crailsheim schreitet das Oberamt Gaildorf zur Tat: Es beauftragt die Stuttgarter Metallwaren-Fabrik Mayer & Wilhelm, in der namhafte Medailleure beschäftigt sind, mit dem Prägen von Notgeldmünzen aus Eisen zu 5 und 10 Pfennig, die im Jahr 1918 in Umlauf gesetzt werden sollen.

Durch aufwändige Recherchen hatte vor mehr als 20 Jahren Steffen Hinderer (†), Gründungsvorsitzender des Gaildorfer Historischen Vereins, die genaue Anzahl der bei Mayer & Wilhelm in der Rotebühlstraße 119B hergestellten Münzen ermittelt: Es waren exakt 35.745 Fünferle und 80.145 Zehner zum Nennwert von insgesamt annähernd 10.000 Reichsmark.

Interessant ist die Form des Gaildorfer Kleingelds: Wie die 50-Pfennig-Münzen der Amtskörperschaft Waiblingen und der Stadt Crailsheim ist sie achteckig, wobei das Fünferle mit 17,8 Millimetern Durchmesser etwas kleiner ist als der 20,7 Millimeter große Zehner. Auf der Rückseite beider Ausgaben ist „Oberamtsbezirk Gaildorf“ zu lesen. Zwischen den beiden Worten ist jeweils ein erhabener sechszackiger Stern geprägt. In der Mitte findet sich das von einer Krone gezierte Gaildorfer Stadtwappen. Die Vorderseiten sind mit dem jeweiligen Nennwert versehen: 5 beziehungsweise 10, umrahmt von der Bezeichnung „Kriegsgeld“ und der Jahreszahl „1918“.

Durch dieses Geld, so das Oberamt, solle das Einkaufen in Kriegszeiten vereinfacht werden. Tatsächlich erleichtert es nur die Abwicklung des Warenverkehrs. Lebensmittel bleiben auch 1918 – wie im Vorfeld des Weihnachtsfests 1917 – äußerst knapp . . .

Die Prägung dieses Ersatzgeldes erfolgte offensichtlich auch in der Hoffnung, der Krieg möge bald zu Ende gehen. Tatsächlich sollten die beiden Münzen später durch „richtiges“ Geld der Reichsbank ersetzt werden.

Für Sammler interessant

Doch das Oberamt traute dem „Frieden“ nicht und rief  erst im Jahr 1921 die „eisernen Gaildorferle“ zum Umtausch zurück, der bis zum 1. Oktober erfolgen sollte. Tatsächlich wurden bis zu diesem Zeitpunkt lediglich 2803 Fünf-Pfennig-Stücke und 7131 Zehner bei der Oberamtssparkasse umgetauscht. Der große Rest ging verloren, diente Kindern als Spielgeld oder wurde von Sammlern gehortet.

Noch heute tauchen auf Börsen solche Stücke auf und werden, je nach Erhaltungsgrad für einen Betrag zwischen 5 und 20 Euro gehandelt. Dafür gäb’s heute in der Vorweihnachtszeit nicht nur einen Bratapfel wie vor 100 Jahren, sondern viel Schokolade.

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