Ein beliebter Gestalter

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    Insgesamt 37 Jahre lang war Hermann Kleinknecht Schultheiß, zuerst in Fichtenberg, dann in Gaildorf.
  • Hermann Kleinknechts Grab auf dem Gaildorfer Friedhof. Foto: Hans König 2/2
    Hermann Kleinknechts Grab auf dem Gaildorfer Friedhof. Foto: Hans König
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Weil er eine solche Abnahme der geistigen Kräfte zeigte, dass nicht mehr mit ihm fort zukommen war", musste der Fichtenberger Schultheiß Matthäus Deininger mit 66 Jahren 1866 sein Amt aufgeben. Er war wohl an Demenz erkrankt, würde man heute sagen. Fichtenberg hieß bis 1872 Vichberg und hatte damals 1245 Einwohner.

Bei der Wahl in Fichtenberg am 21. August 1866 waren 200 Bürger wahlberechtigt. Es stimmten 168 (84 Prozent) ab. Jeder Wahlberechtigte hatte drei Stimmen, mit denen er drei verschiedene Bewerber wählen musste. Gewählt war, wer mindestens zwei Drittel der Stimmen erhielt. Auf den 25 Jahre alten Revisionsassistenten Hermann Kleinknecht entfielen 129 (77 Prozent) Stimmen, auf Schulmeister Jakob Kolb 36 und auf Schreiner Leonhard Wörner 35 Stimmen. Damit war Kleinknecht gewählt. Oberamtmann Carl Billich Gaildorf, bisheriger Chef Kleinknechts, meinte: "Er wird den Erwartungen und Hoffnungen, die sich an seine Wahl knüpfen in jeder Beziehung entsprechen."

Hermann Kleinknecht wurde am 10. Dezember 1840 in Willsbach als Sohn des dortigen Schultheißen Johann Michael Kleinknecht und seiner Ehefrau Christina Dorothea Allich geboren. Nach der Ausbildung kam er 1862 als Revisionsassistent zum Oberamt Gaildorf. Während seiner Fichtenberger Amtszeit heiratete er am 8. August 1869 die Gaildorfer Försterstochter Ottilie Franziska Kober.

Als in Gaildorf - die Stadt zählte damals 1460 Einwohner - der wegen seiner Amtsführung umstrittene Stadtschultheiß und Landtagsabgeordnete Karl Lanzberg am 20. Oktober 1870 nach nur vierjähriger Amtszeit überraschend zurücktrat, bewarb sich der junge und beliebte Fichtenberger Schultheiß Kleinknecht um die bedeutendere und besser besoldete Stadtschultheißenstelle in Gaildorf.

"Kleinknecht ist ein geistig begabter Mann, besitzt gute Geschäftskenntnisse und führt einen geordneten Wandel. Als Ortsvorsteher von Vichberg hat er das allgemeine Vertrauen gerechtfertigt. Die dortige Gemeinde wird ihn ungern scheiden lassen", so weit das Urteil des damaligen Oberamtmanns Carl Billich. Bei der Gaildorfer Wahl am 7. November 1870 waren 255 Bürger wahlberechtigt, von denen 170 zur Wahl gingen. Am Ende gab es 166 gültige Stimmzettel. Jeder Wähler hatte wieder drei Stimmen für verschiedene Kandidaten, sodass 498 Stimmen zu vergeben waren. Stimmenhäufung war nicht möglich.

Hermann Kleinknecht erhielt 144 (87 Prozent) Stimmen, Stadtpfleger Wilhelm Gmelin 44 Stimmen und der Obersontheimer Schultheiß Hamann 34 Stimmen. Die weiteren Stimmen verteilten sich auf über 50 Personen. Hermann Kleinknecht hatte mehr als zwei Drittel der Stimmen auf sich vereinigt und war damit auf Lebenszeit gewählt. Sein Amt trat er bereits zum 20. Dezember 1870 an. Sein Jahresgehalt betrug 500 Gulden und 16 Gulden für Schreibmaterial, das er selbst stellen musste.

Bei seinem Amtsantritt war die Stadt mitten im Wiederaufbau nach dem großen Stadtbrand im Jahr 1868, was seinen besonderen Einsatz erforderte. Als Zeugnis der Zufriedenheit mit seiner Amtsführung erhöhte der Gemeinderat 1872 sein Jahresgehalt auf 600 Gulden.

In seiner langen, 33-jährigen Amtszeit wurden einige Großprojekte verwirklicht, die entscheidend für die Weiterentwicklung der ehemaligen Oberamtsstadt waren. Erwähnt sei der Eisenbahnbau, zuerst Richtung Hessental, fertiggestellt 1879, und Richtung Murrhardt, fertiggestellt 1880, sowie die 1903 eingeweihte Nebenbahn nach Untergröningen. Die Kanalisation, die städtische Wasserversorgung, das elektrische Licht, der Festplatz auf der Bleiche am Kocher, Straßen- und Brückenbauten sind weitere Errungenschaften und damals moderne städtische Einrichtungen.

Neben seinem Hauptamt wirkte Kleinknecht als Mitglied der Amtsversammlung für den Bezirk und widmete als Vorstand seine besondere Aufmerksamkeit der Bezirkskrankenkasse, der späteren AOK Gaildorf. Von 1871 bis kurz vor seinem Tod im Jahr 1912 war Hermann Kleinknecht nebenamtlicher Direktor der 1866 gegründeten Vereins-Creditbank, ab 1872 Gewerbebank und schließlich ab 1938 Volksbank Gaildorf. Im landwirtschaftlichen Bezirksverein war er viele Jahre als Sekretär aktiv.

Die vielen Verdienste des allseits gewissenhaften, freundlichen und hilfsbereiten Beamten wurden durch Seine Majestät König Karl 1886 mit der Verleihung der "Goldenen Civilverdienstmedaille" gewürdigt.

Über Jahrzehnte hinweg galt Kleinknechts Gesundheitszustand als "felsenfest", bis er schließlich 1903 doch erkrankte. Oberamtsarzt Dr. Hermann Teufel diagnostizierte einen Lungenspitzenkatarrh (Tuberkulose) und verordnete sechs Wochen Aufenthalt in einem Höhenluftkurort und anschließend mindestens drei Monate Schonung. Da sich die Dauer des Heilungsprozesses hinziehen konnte, wählte der Gemeinderat den Oberamtssparkassenkassier und Gemeinderat Karl Ackermann zum Amtsverweser.

Hermann Kleinknecht hat sich nicht mehr ganz erholt und schließlich im Juli 1903 seine Zurruhesetzung beantragt. Eine Nachricht, die in Stadt und Bezirk mit allgemeinem Bedauern aufgenommen wurde. Im September 1903 trat Stadtschultheiß Hermann Kleinknecht in den endgültigen Ruhestand. Sein Amt als nebenamtlicher Direktor der Gewerbebank versah er noch bis 1. Mai 1912. Im Ruhestand musste die Familie die Dienstwohnung im Rathaus aufgeben und zog in eine Mietwohnung im Haus Markert am Marktplatz um.

Am 13. Mai 1912, im Alter von 71 Jahren, verstarb der beliebte Gaildorfer Stadtschultheiß Hermann Kleinknecht zu Hause. In den Nachrufen wurden seine Leistungen gewürdigt. Welch große Wertschätzung ihm zeitlebens stets entgegengebracht wurde, dokumentiert der Nachruf der Gemeinde Fichtenberg - 42 Jahre, nachdem Hermann Kleinknecht dort gewirkt hatte. Sein Grab ist auf dem Gaildorfer Friedhof noch erhalten.

Der Familie Kleinknecht wurden vier Kinder geboren. Der älteste Sohn Hermann, Apotheker, und Tochter Thekla starben 1913 bzw. 1949. Sie blieben unverheiratet. Sohn Eugen wurde Postbeamter, Sohn Ludwig Rektor des Progymnasiums Öhringen. Er ist am 3. Mai 1917, im Ersten Weltkrieg, gefallen.

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