Die "Mutterkirche" der Stadt Gaildorf

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  • Blick ins Kircheninnere: Hier finden sich Romanik, Gotik und Jugendstil vereint. Fotos: Andreas Balko 1/3
    Blick ins Kircheninnere: Hier finden sich Romanik, Gotik und Jugendstil vereint. Fotos: Andreas Balko
  • Ein Baudenkmal, dessen Geschichte nicht vollständig geklärt ist: Die Kirche "Zu unserer lieben Frau" in Münster war bis 1433 die Mutterkirche der Stadt Gaildorf. 2/3
    Ein Baudenkmal, dessen Geschichte nicht vollständig geklärt ist: Die Kirche "Zu unserer lieben Frau" in Münster war bis 1433 die Mutterkirche der Stadt Gaildorf.
  • Der Altarraum der Kirche mit Kruzifix und spätgotischer Tabernakelnische mit Christuskopf und dem Wappen der Limpurger Schenken. 3/3
    Der Altarraum der Kirche mit Kruzifix und spätgotischer Tabernakelnische mit Christuskopf und dem Wappen der Limpurger Schenken.
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Wer sich der kleinen Ortschaft Münster nähert, sieht schon von Weitem den Kirchturm, der sich über die Dächer in den Himmel streckt. Von außen wirkt die evangelische Kirche wie eine typische gotische Dorfkirche. Den erstaunten Besucher erwartet im Inneren jedoch ein beeindruckender Jugendstilraum.

Urkundlich erwähnt wurde die Siedlung Münster erstmals 1285. Die Anfänge reichen jedoch wahrscheinlich wesentlich weiter zurück. Seinen Namen erhielt der Ort wohl von seiner alten Kirche, da im Mittelalter größere Kirchen "Münster" hießen.

Vermutlich liegen die Anfänge des Christentums in dieser Kochergegend schon im achten Jahrhundert. Das Patronat lag seit 1338 beim Haus Limpurg. Die Kirche war einst Mutterkirche der Stadt Gaildorf, wo erst 1433 - fast 30 Jahre nach der Stadterhebung - eine eigene Pfarrei eingerichtet wurde. Bis 1694 wurde die Kirche in Münster noch als Totenkirche für Gaildorf genutzt. 1433 bis 1694 war Münster Filialkirche von Gaildorf, danach war der Gaildorfer Diakon zugleich Pfarrer von Münster. Erst ab 1898 war Münster wieder eine eigene Pfarrei.

Die Kirche trägt die Bezeichnung "Zu unserer lieben Frau" und war somit ursprünglich eine Marienkirche. Seit der Reformationszeit, etwa zwischen 1540 und 1555, wurde das Haus Limpurg evangelisch und damit auch die Kirche in Münster.

Die Kirche steht auf einem erhöht liegenden Platz und wurde einst von einem befestigten Friedhof umgeben. Seit 1874 gibt es jedoch in Münster einen neuen Friedhof - nicht weit von der Kirche weg gelegen. Einige alte Grabsteine sind bei der letzten Außenrenovierung 1984 in die Außenmauer des Gebäudes eingefügt worden. Der schön gepflegte Garten lädt zum gemütlichen Verweilen ein.

Der Turm, ältester Teil der Kirche, geht mit seinen anderthalb Meter dicken Mauern bis in die Zeit der Romanik zurück. Darauf deuten die Rundbogenfenster im unteren Teil hin, die wie kleine Schießscharten wirken. Vermutlich war der Turm zu Anfang niedriger. Später wurde ein gotischer Teil draufgesetzt. Das untere Geschoss, das heute als Sakristei dient, war wohl einst der Chor der alten Kirche. Der Raum weist ein schönes gotisches Kreuzrippengewölbe auf. Im Schlussstein ist das Limpurger Wappen abgebildet.

In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts entstand der heutige Kirchenbau mit seinen schönen gotischen Maßwerkfenstern. An der Nordwand des Bauwerks ist noch eine spätgotische Tabernakelnische mit Christuskopf und Limpurger Wappen erhalten.

1914 wurde das Innere der Kirche durch Martin Elsaesser im Jugendstil komplett umgestaltet. Elsaesser lebte von 1884 bis 1957 und war einer der bedeutendsten Kirchenarchitekten Württembergs. Bis etwa 1915 war er Protagonist des sogenannten "Stuttgarter Jugendstils". Später entwickelte er unter dem Einfluss von Paul Bonatz eine Formsprache der expressionistischen Moderne. Neben der Kirche in Münster hat er weitere Kirchen im Jugendstil gestaltet. Auch die Stuttgarter Markthalle stammt von ihm.

Im Kirchenschiff herrscht die weiße Farbe vor. Die unsymmetrisch angelegte polygonale Empore zeigt in den Brüstungsfeldern Szenen aus der Weihnachtsgeschichte. Geschaffen wurden diese von einem Bildhauer namens Schäuffele, der kurz darauf im Ersten Weltkrieg fiel. Der Chorraum ist blau gehalten. Hier dominiert klar die Orgel, die auf einer Empore steht. Die Gebrüder Link aus Giengen an der Brenz erbauten sie als Opus-Nummer 609.

Die Pläne für das Orgeläußere stammten von Martin Elsaesser selbst. Alle Prospektpfeifen - bis auf neun - sind stumm. Die Prospektfront wird hinterschnitten von einer zweiten Front aus Holzpfeifen-Attrappen. Deren obere Linienführung nimmt zusammen mit den Metallpfeifen die Grundform der Jugendstilornamente im Raum auf. Die Kirchengemeinde Münster besitzt mit ihrer Orgel eine der wenigen noch erhaltenen dieser Art in Württemberg.

Was zunächst als typisch gotische Dorfkirche wirkt, entpuppt sich also als ein interessantes Bauwerk mit den drei Baustilen Romanik, Gotik und Jugendstil.

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