Der Mann, der sich selbst bewachte

Ein Vierteljahrhundert ist es her, dass die friedliche Revolution in der DDR das Gesicht Deutschlands verändert hat. Dietmar Schultke berichtete in Gaildorf über seine Erfahrungen im ungeliebten Staat.

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Dietmar Schultke mit seinem Buch "Keiner kommt durch". In Gaildorf hielt er einen spannenden Vortrag, den er mit Bildern hinterlegte.  Foto: 

Zugegeben, es war keine Dichterlesung im herkömmlichen Sinn. Zwar verwies Schultke mehrfach auf sein Buch "Keiner kommt durch", zitierte auch einmal daraus, ansonsten aber gab er einen Überblick über fast 40 Jahre Geschichte der DDR. "Ein Kapitel aus dem Buch vorzulesen, würde der ganzen Sache nicht gerecht werden", so der Autor zu Beginn des Vortrags, den er am vergangenen Dienstag auf Einladung des evangelischen Kreisbildungswerks, der katholischen Erwachsenenbildung und der VHS Gaildorf im evangelischen Gemeindehaus in Gaildorf hielt. Wie er es machte, war spannend und informativ zugleich. Schultke zeigte Bilder - historische Aufnahmen und persönliche Fotos - und ergänzte die geschichtlichen Abläufe durch eigene Erlebnisse und Erfahrungen.

Dietmar Schultke wuchs als Kind im Spreewald auf, erlebte den DDR-Unterricht im Fach Staatsbürgerkunde, hatte aber den Gedanken an eine Flucht in den Westen, ans "Rübermachen", immer im Hinterkopf. Die Brieffreundschaft mit Elisabeth Rosner, einer in New York lebenden Deutschen, die seit seinem zehnten Lebensjahr bestand, vertiefte seinen Wunsch, die DDR zu verlassen, in der er sich "festgeklebt wie eine Fliege" fühlte. Mehrfach, etwa bei einem gemeinsamen Treffen in Budapest und einem Besuch in Prag, stand Schultke kurz davor, seinen Plan zu verwirklichen.

Dann folgte die Einberufung zur Volksarmee, in der er als Mitglied der DDR-Friedensbewegung getreu deren Motto "Schwerter zu Pflugscharen" eigentlich nicht dienen wollte. Doch schien sich auch die Chance zu ergeben, in den Westen zu fliehen, zumal er trotz intensiver Filterung als Grenzsoldat ausgewählt wurde.

Stationierungsort war der Brocken im Harz. Zu seinem Bedauern durfte Schultke aber nicht ganz auf die Brockenspitze, davor war nämlich die Brockenmauer, dahinter die Rote Armee und schließlich die Stasi. Der Traum von der Flucht war geplatzt, mehr noch: er bewachte jetzt nicht nur im Hinterland die Staatsgrenze, "ich bewachte damit auch mich selbst". Eine absurde, teils aberwitzige Situation.

Die Zweiertrupps an der Grenze wurden jeden Tag kurzfristig zusammengestellt, zudem war ein Großteil der Soldaten Stasimitarbeiter. Hätte er einen Fluchtversuch gewagt, hätte ihn sein Kollege dingfest machen oder im Extremfall sogar erschießen müssen. Oder er hätte seinen Kollegen außer Gefecht setzen müssen - davor hatte er aber eine "moralische Ladehemmung", wie er es selbst nennt.

Obwohl er jetzt ein Teil des Systems war, blieb Schultke seiner Linie zu protestieren treu - auf seine ganz eigene Art. So hat er zum Beispiel seinen Dienstausweis nie unterschrieben, um zu zeigen, dass er als Persönlichkeit nicht hinter der Sache stand. Die Zuhörer konnten sich übrigens vor Ort überzeugen, Schultke hatte das Dokument zumindest als Foto mitgebracht.

Als er nach zwölf Monaten befördert wurde, setzte Schultke seine Proteste fort: Er vergaß seine Waffe nach einem Kontrollgang im Wald und wurde wegen Verstoßes gegen das Dienstwaffengesetz degradiert - wie in der DDR üblich, mit einer politischen Show vor versammelter Mannschaft. Ab diesem Zeitpunkt durfte er nur noch Dienst in der Kaserne machen und war nun auch räumlich weit von der "sichersten Grenze der Welt" entfernt.

Nach seinem Wehrdienst arbeitete Schultke als Krankenpflegerhelfer. Den 9. November 1989 erlebte er in Berlin - zumindest bis zum Nachmittag. Dann musste er wieder zurück nach Eisenhüttenstadt, er hatte Dienst. Er ahnte nicht, was sich an diesem Tag noch abspielen sollte, diese unfassbaren Szenen in der Nacht.

Heute will Schultke, der sich als politischer Mensch bezeichnet, seine Erfahrungen weitergeben, erinnern, was dieser "Eiserne Vorhang", diese 1400 Kilometer lange Grenze, an der über 1000 Menschen gestorben sind, für viele DDR-Bürger bedeutet hat. Er hat viel recherchiert für sein Buch, aber seine persönlichen Erzählungen haben mehr Eindruck hinterlassen, als jedes geschriebene Wort hinterlassen kann.

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