Das „bunte Medium“ verschlafen

Vor 50 Jahren begann in Deutschland die Ära des Farbfernsehens. Die ARWA-Strumpfwerke in Unterrot mischten mit, aber nur halbherzig. Die Konkurrenz war cleverer.

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  • Die ARWA-Werke in Unterrot, gezeichnet von einem Werbegrafiker im Auftrag von Hans Thierfelder. Die Fabrik ist längst vom Ortsbild verschwunden. 1/4
    Die ARWA-Werke in Unterrot, gezeichnet von einem Werbegrafiker im Auftrag von Hans Thierfelder. Die Fabrik ist längst vom Ortsbild verschwunden. Foto: 
  • Hans Thierfelder 2/4
    Hans Thierfelder Foto: 
  • Werbung von ARWA und Bellinda Ende der 1960er-Jahre. 3/4
    Werbung von ARWA und Bellinda Ende der 1960er-Jahre. Foto: 
  • Strumpfwerbung 4/4
    Strumpfwerbung Foto: 
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Klare Ansage: Anton, Berti, Conni, Det, Edi und Fritzchen krächzten den Zuschauern ab dem 25. August 1967 nicht nur ein schrilles „Guun Aaaamnd“ entgegen. Mit dem Start des Farbfernsehens in der Bundesrepublik sagten die sechs Mainzelmännchen fortan auch, wie die Werbung zu sehen ist: „in Faaabe“ nämlich.

Hellhörig geworden ist damals der Strumpffabrikant Hans Thierfelder (Foto), in Sachen Werbung einer der innovativsten Köpfe im Nachkriegsdeutschland und wenige Jahre lang mit weit mehr als 1000 Beschäftigten größter Arbeitgeber im Limpurger Land: „Farbe ist schöner“, ließ er die Kundschaft wissen, denn „ARWA hat die neuen Farben“. Das Medium indes, das er mit der Kampagne bemühte, war für seine Verhältnisse altbacken: Thierfelder ließ mit dieser Botschaft bunte, grafisch anspruchslos gestaltete Plakate drucken und aufhängen.

Nur noch selten in Unterrot

An jenem Freitag, heute vor 50 Jahren, als Vizekanzler Willy Brandt während der Funkausstellung in Berlin das Farbfernsehen per symbolischem Knopfdruck auf den Weg brachte, lief im Unterroter ARWA-Werk die Produktion auf Hochtouren. Hans Thierfelder, der sich dort schon lange nicht mehr sehen ließ und die Chefwohnung in der Fabrik kaum mehr nutzte, dürfte das Spektakel an einem seiner bevorzugten Wohnsitze in Bischofswiesen oder auf Sylt verfolgt haben.

Der ungekrönte Strumpfkönig wollte auf jeden Fall dabei sein – wie schon am 3. November 1956, als er der Werbung im wahrsten Wortsinn Beine machte: Gemeinsam mit Persil, Blendax und anderen Marken war ARWA im allerersten Werbeblock des deutschen Fernsehens vertreten. Das passende Produkt hatte er auch im Kopf: die Strumpfhose „ARWA Lady Pep“, passend zur Minirock-Mode der damaligen Zeit.

Thierfelder, gehörig im Clinch mit anderen Branchenriesen wie der Familie Bahner (Elbeo) oder Schulte & Dieckhoff (Nur die), hatte die Rechnung ohne einen weiteren Konkurrenten gemacht: Fred Vatter nutzte die Gunst der Stunde, nahm viel Geld in die Hand und verpasste seiner Lieblingsmarke Bellinda ein Image, das selbst den cleveren Sachsen Thierfelder staunen ließ: Seine langbeinigen, miniberockten Strumpfmodels ließ Vatter Tag für Tag im farbigen Werbefernsehen tanzen – zum Sommerhit des Jahres: „Puppet on a String“ mit der britischen Sängerin Sandie Shaw, die Hymne des „Swinging London“ und Nummer eins des  „Eurovision Song Contest 1967“!

Der ARWA-Chef soll, wie sein Gaildorfer Chauffeur Paul Engel später berichtete, fuchsteufelswild gewesen sein. Wohl weil er erkannte, dass seine Kreativität durch den heftigen Streit um Marktanteile und einen ruinösen Preiskampf gelitten hatte. Der Zorn des Unternehmers wurde durch die Nachricht weiter befeuert, die in der Branche mit Genugtuung aufgenommen wurde: Sandie Shaw, die ihre Auftritte stets ohne Schuhe bestritt, soll in der Öffentlichkeit nun nicht mehr barfuß, sondern eben in Bellinda-Strümpfen gesungen haben.

Ob Legende oder Realität: Thierfelder, der in Sachen Werbung seiner Überzeugung nach stets die Besten ihres Fachs unter Vertrag hatte, fühlte sich ausgebootet. Er wirkte, wie die weitere Entwicklung seines Imperiums zeigte, angeschlagen.

Kampagnen ohne Biss

Die folgenden Kampagnen – nur wenige davon im Fernsehen – hatten keinen Biss mehr. Wenige Jahre später, 1971, verkaufte er seine europäischen Werke und zog sich auf seine südafrikanische Produktionsstätte zurück. Er habe sich, gestand er später dem Branchendienst „Textil-Wirtschaft“, verzettelt: „Meine Absicht war, aus ARWA eine europäische Marke zu machen. Das ist missglückt.“ Wie die Übernahme des Standorts Unterrot durch Hudson: Das Werk, das in Glanzzeiten bis zu 1700 Menschen beschäftigte, wurde 1973 geschlossen.

Info Zur ARWA-Geschichte gibt es das Buch „ARWA – Aufstieg und Fall eines Strumpfimperiums“ von Heike Krause, Falk Drechsel und Klaus Michael Oßwald.

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