Daheim betreuen - fair und legal

Betreuungskräfte aus Europa - ein sehr komplexes, ein heikles Thema. "FairCare", eine Initiative des Vereins für Internationale Jugendarbeit Württemberg, setzt sich für faire Arbeitsverhältnisse ein.

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Wenngleich am Dienstagabend heftige Windböen über Gaildorf hinwegfegten, hatte sich der Saal im evangelischen Gemeindehaus recht ordentlich gefüllt. Offensichtlich ist die häusliche Betreuung von pflegebedürftigen Personen ein Thema, das viele Menschen bewegt.

Häusliche Pflege kann richtig teuer werden, weshalb der Gedanke an billige Haushalts- und Betreuungskräfte aus Osteuropa oft sehr nahe liegt. Dass sich dabei vieles in einer Grauzone - oder sogar außerhalb der Legalität - bewegt, lässt sich nicht wegdiskutieren. Deshalb hat der Stuttgarter Verein für Internationale Jugendarbeit (VIJ), der unter dem Dach der Diakonie angesiedelt ist, die "FairCare"-Initiative gestartet.

Bereichsleiter Thorsten Kuschmann stellte sie auf Einladung der Kirchlichen Sozialstation vor. Seine Aufgabe ist es, die Gesellschaft für dieses Thema zu sensibilisieren und mit FairCare einen Dienstleister, der nicht auf Gewinnbasis arbeitet, zu installieren.

Kuschmann stellte die Zahl von 400 000 Arbeitskräften in den Raum. Für die Frauen, meist aus Osteuropa, bedeute das in der Regel: 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche und zwei Monate am Stück durcharbeiten. Innerhalb der Europäischen Union lasse der Status einer Dienstreise diese Art von Beschäftigung zu, wobei ein Missbrauch des Entsendegesetzes nicht auszuschließen sei.

"Wir brauchen diese Menschen", stellte der Referent fest, aber die Arbeitsverhältnisse müssten fair und vor allem rechtssicher gestaltet sein. Und genau hier setzt das Angebot von FairCare an. Die Initiative will beraten, am individuellen Bedarf orientiert Kräfte vermitteln, bei interkulturellen Problemen begleiten und sämtliche Formalitäten erledigen.

Für die Frauen bedeutet FairCare-Arbeit: 38,5-Stunden-Woche, ein freier Tag in der Woche, Mindestlohn-Basis, ein eigenes Zimmer und Zugang zu Telefon und gegebenenfalls Internet. Eine Modellrechnung weist Arbeitgeberkosten für eine Dauerkraft von monatlich 2200 Euro aus, bei einer Tandemlösung mit zwei Arbeitskräften, die sich abwechseln, wären es dann 2400 Euro. FairCare stellt sich vor, mit einer Pflege-Organisation vor Ort zu kooperieren, die den Bedarf ermittelt und den weiteren Verlauf im Auge behält.

Bei der anschließenden Diskussion sahen Besucher Anspruch und Realität weit auseinanderklaffen. Die Antwort, wie bei einer 24-Stunden-Betreuung die restliche Zeit abgedeckt werden könnte, blieb Thorsten Kuschmann weitgehend schuldig. Die Wortbeiträge bewegten sich in eine Richtung: Das löse die Probleme nicht. Das könne sich niemand leisten, zumal bei einer Behandlungspflege noch ein mobiler Pflegedienst hinzugezogen werden müsste.

Der Referent verwies auf die Beurteilung seiner Organisation in der vorletzten Ausgabe der Zeitschrift "Finanztest" und einen ZDF-Beitrag, der Anfang März gesendet wird. Er schloss auch nicht aus, dass gegebenenfalls eine Heimunterbringung die bessere Lösung sein könnte.

Gegen illegale Beschäftigung von Betreuungskräften

Die Initiative "FairCare" vermittelt legale Betreuungskräfte und setzt sich für die Rechte osteuropäischer Frauen ein, die in Deutschland pflegebedürftige Menschen betreuen. Sie wurde ins Leben gerufen, um eine Alternative zur illegalen Beschäftigung von Betreuungskräften zu schaffen. "FairCare" ist eine Aktion des Diakonischen Werks Württemberg, des Vereins für Internationale Jugendarbeit Stuttgart (VIJ) und der Evangelischen Frauen in Württemberg (EFW) in Zusammenarbeit mit der Diakonie Polen und "AIDRom" Rumänien. - Infos: www.diakonie-wuerttemberg.de/rat-und-hilfe/faircare.

SWP

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