Christoph Sonntag verpasst keinen Trend

Kommt Sonntag bereits am Samstag in die zum Bersten gefüllte Limpurghalle, dann gibt es was auf die Ohren und das Zwerchfell hat hinterher Muskelkater. Das ist dem Kabarettisten Christoph Sonntag mit seiner Comedyshow „Bloß kein Trend verpennt“ bestens gelungen.

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Christoph Sonntag betrachtete in seiner Show die Welt natürlich durch die schwäbische Brille.  Foto: 

Hallo Gaildorf – mehr brauchte es für den Comedian Christoph Sonntag nicht, um das Publikum für sich zu vereinnahmen. Dennoch gab sich Sonntag zum Warm-up als Gaildorf-Kenner. Vor den brisanten Verkehrsverhältnissen wie der aktuell noch gesperrten Kernerstraße sei er gewarnt worden. Auch dürfe er sich in der Kocherstadt nicht den Fuß brechen, weil Gaildorf kein Krankenhaus mehr habe, „und nach Hall geht man nicht“. Auf diese Weise checkte er, ob das Publikum seinen geistigen Ergüssen folgt. Das tat es fortan über zwei Stunden lang, als Sonntag über Deutschland- und kriselnde europäische Politik schwadronierte. Daraus zog er die Erkenntnis, dass letztlich nur ein Kerneuropa mit Baden-Württemberg, dem Elsass und der Nordschweiz übrigbleiben werde.

In seinen Trend-Satiren kolportierte er die Privatisierung von Autobahnen, wie Müsliwerbung („Woisch Karle“), die er hinterfragte: „Warum soll man Müsli essen, nur, weil die Werbung nervt?“ Anscheinend hat Christoph Sonntag auch Erfahrung mit den anthroposophischen Praktiken an den Waldorfschulen, die er mit schauspielerischen und tänzerischen Einlagen zum Brüllen überzeichnete.

Palmer folgt Kretschmann

In Boris Palmer, dem Tübinger Oberbürgermeister, sah er den geeigneten Nachfolger für Winfried Kretschmann und verpasste ihm in einer Fotomontage gleich die passende Kretschmann-Frisur. Eindringlich warnte der schwäbische Vorzeigekabarettist vor dem Fitnessarmband-Trend. Das hätte ihn gegenüber seiner Frau in große Erklärungsnot getrieben, als diese die Fitnessdaten ausgelesen und feststellte habe, dass er sich innerhalb von 24 Stunden fünfzehnmal an einem Baum erleichtert und siebenmal fremdgegangen sei. Dabei habe er das Armband nur seinem Hund umgebunden.

Getrieben von familiären Ansprüchen versucht der Musterschwabe Sonntag sich mehr oder weniger erfolgreich als Antitrendsetter und wird damit zur Lachnummer, die er seinem Publikum nicht vorenthält. Die Benutzung von Klappfahrrädern in Verbindung mit öffentlichem Nahverkehr sei unter umweltschonender Sicht zwar zu begrüßen – aber Vorsicht, das ginge ins Kreuz und würde den Umweltgedanken durch den Transport im Rettungswagen wieder ins Gegenteil verkehren.

Kein Auge blieb trocken, als er vor der mächtigen Bühnenkulisse des New Yorker Times Square das Kauderwelsch der „Exilschwaben“ in Amerika karikierte. Mit originellem Witz widmete sich Christoph Sonntag dem Megatrend Fair Trade und den überall gegenwärtigen QR-Codes. Wenn die Publikumsreaktion auf manche Pointe nicht gleich folgte, tröstete Sonntag: „Des braucht halt a bissle!“

Poppig und mit viel Witz

Schlag auf Schlag, gemischt mit poppig-witziger Musik, erzählte der Comedian von seinen Erfahrungen beim Urologen. Kokettierte mit seiner selbstleuchtenden Geige und erschien nach der Pause als reinkarnierter Bruder Christophorus in einer Mönchskutte. Eine Kostprobe aus seinem „Jüngsten Ger(i)ücht“, mit dem er seit vier Jahren in der Alten Kelter in Fellbach bei Bockbier, Schillerwein und Gaisburger Marsch der politischen Prominenz in einer „Fastenpredigt“ die Leviten liest, verschaffte seinem Gaildorfer Publikum den Einstieg in die „fünfte Jahreszeit“, die just am Veranstaltungstag in den närrischen Hochburgen eröffnet wurde. Trendige Wortschöpfungen wie „postfaktisch“ und sonntägliche Seitenhiebe auf Staatsmänner in den USA und der Türkei verschonen den Kabarettisten hoffentlich vor Einreisebeschränkungen oder gar Haft in den jeweiligen Ländern. – Und wenn, wären da noch die Trends von Voice Message und Skype, mit dem der Kabarettist in seiner „witzverwurstelten“ Art und Weise Kontakt zu seinen Anhängern pflegen könnte.

Originell, wie sich Christoph Sonntag zum Ende seiner Liveshow als Bauchredner mit den Handpuppen Kretschmann und Oettinger als Bauchredner versuchte. Durch anhaltenden tosenden Beifall bestätigten die Besucher, dass sie bei der hippen Comedyshow keinen Trend verpennt hatten.

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