Als "Verschwörer" dem Tod entronnen

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Als "Staatsfeind" und "Volksverräter" stand Albrecht Fischer nach dem am 20. Juli 1944 gescheiterten Attentat des Grafen Claus Schenk von Stauffenberg auf Adolf Hitler vor dem berüchtigten Volksgerichtshof. In verschiedenen Gefängnissen eingesperrt, wurde er zwar überraschend freigesprochen, danach aber im Konzentrationslager Sachsenhausen eingesperrt. Anfang April 1945 erhielt er unverhofft seine Entlassungspapiere - und machte sich umgehend auf den Weg nach Ottendorf am Kocher . . .

Als zweitältester Sohn der Eheleute Karl August und Luise Fischer am 27. März 1877 in Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte Albrecht Fischer Chemie und war ab 1900 Baurat beim Landesgewerbeaufsichtsamt. 1919 gab er seine Beamtenstelle auf und wurde Geschäftsführer beim Verband Württembergischer Metallindustrieller und bei der Vereinigung Württembergischer Arbeitgeberverbände. Als Liberaler und Verfechter der Demokratie trat er der Deutschen Volkspartei (DVP) bei.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten und der Gleichschaltung von Verbänden fand er bei der Robert Bosch GmbH als Berater und Leiter eines Büros für wirtschaftliche Fragen eine neue Aufgabe. Albrecht Fischer arbeitete eng mit dem Firmengründer Robert Bosch, dessen Privatsekretär Willy Schloßstein und dem geschäftsführenden Direktor Hans Walz zusammen, die dem NS-Regime zunehmend kritisch gegenüberstanden.

Der ehemalige Oberbürgermeister von Leipzig, Carl Goerdeler, ab 1937 ebenfalls Berater Robert Boschs, weihte Fischer in die Pläne für einen Staatsstreich gegen das nationalsozialistische Regime ein und konnte ihn dazu gewinnen, sich als ziviler Beauftragter für den "Wehrkreis V Württemberg" zur Verfügung zu stellen. Fischer organisierte in dieser Zeit auch Hilfsmaßnahmen des Unternehmens für Juden und andere Verfolgte. Zudem fungierte er als Mittelsmann der Robert Bosch GmbH, als es darum ging, jüdischen Organisationen große Geldbeträge zukommen zu lassen, mit denen mittellosen Juden die Auswanderung ermöglicht wurde. Landesbischof Theophil Wurm erhielt ebenfalls größere Summen zur Unterstützung in Not geratener evangelischer Pfarrer.

Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde Albrecht Fischer noch in der folgenden Nacht verhaftet und in das Untersuchungsgefängnis in der Stuttgarter Archivstraße gebracht. Am 18. August erfolgte die Verlegung ins Gefängnis Berlin-Moabit, von wo er täglich ins Reichssicherheitshauptamt in der Prinz-Albrecht-Straße zur Vernehmung durch die "Sonderkommission 20. Juli" gebracht wurde. Zeitweise war Fischer auch in der Strafanstalt Tegel und im Gefängnis an der Lehrter Straße inhaftiert.

Gleich nach der Festnahme Fischers begannen seine Kollegen in der Firma mit allen Mitteln, seine Freilassung zu erreichen. Bereits im Juli 1944 sprach Hans Walz mit dem Chef des Reichssicherheitshauptamtes, Gottlob Berger, einem engen Vertrauten Heinrich Himmlers. Berger, der "allmächtige Gottlob" genannt, einst in Gerstetten beheimatet, war mit dem von der Ulmer Alb stammenden Robert Bosch weitläufig verwandt. Auch der gemeinsame Wehrdienst verband die Väter Boschs und Bergers.

Walz, Schloßstein, und Fischer waren zunächst Fördermitglieder der SS - ein Umstand, der sich immer wieder als Türöffner erweisen sollte. Im Oktober 1944 unterrichtete Berger Direktor Hans Walz darüber, dass Fischer mit einem Todesurteil zu rechnen habe, er aber trotzdem den Präsidenten des Volksgerichtshofs, Roland Freisler, wissen lasse, dass Fischer bei der SS "gut angeschrieben" sei.

Der Verlauf der Verhandlung vor dem Volksgerichtshof lässt die Vermutung zu, dass die Äußerungen Bergers sich am Ende doch günstig ausgewirkt haben: Albrecht Fischer wurde als einer der wenigen wegen Hochverrats Angeklagten am 12. Januar 1945 freigesprochen.

Dieser Freispruch bedeutete jedoch nicht gleichzeitig Freiheit. Die Gestapo hielt Fischer weiterhin im Gefängnis Lehrter Straße fest und anschließend im völlig überfüllten Konzentrationslager Sachsenhausen, wo er mit der Häftlings-Nummer 134 568 registriert wurde. Gottlob Berger setzte schließlich bei der SS die Entlassung Albrecht Fischers durch.

Fortsetzung folgt

Das gescheiterte Attentat auf Hitler und die tödlichen Folgen für 200 Widerstandskämpfer

Der 20. Juli 1944 ist ein Symbol des militärischen Widerstands gegen das NS-Regime. An diesem Tag versuchte Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Adolf Hitler mit einer Bombe zu töten. Nach dem Tod des Diktators sollte mit den Westalliierten über ein Ende des Zweiten Weltkrieges verhandelt werden.

Stauffenberg stellte im ostpreußischen Führerhauptquartier "Wolfsschanze" eine Aktentasche mit einer Zeitbombe ab und flog nach Berlin zurück. Bei der Explosion starben fünf von 24 Anwesenden, Hitler wurde nur leicht verletzt. Von Hitlers Tod überzeugt, setzte Stauffenberg in Berlin die "Operation Walküre" in Gang. Sie war ursprünglich ein Plan der Wehrmacht zur Unterdrückung eines möglichen Aufstandes im Krieg, der von den Offizieren umfunktioniert wurde. Am Abend des 20. Juli wurde klar, dass der Anschlag gescheitert war. Noch in der Nacht wurden Stauffenberg und weitere Beteiligte in Berlin im Bendlerblock hingerichtet. Insgesamt fielen rund 200 Mitverschwörer der Nazi-Justiz zum Opfer.

Die Beteiligten des missglückten Umsturzversuchs waren vor allem Adelige, Angehörige von Wehrmacht und Verwaltung mit Kontakten zum Kreisauer Kreis um Helmuth James Graf von Moltke. Unter den Hingerichteten waren Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben, 19 Generäle, 26 Oberste, zwei Botschafter, sieben Diplomaten, ein Minister, drei Staatssekretäre, der Chef des Reichskriminalpolizeiamts sowie Polizei- und Regierungspräsidenten.

DPA/SPW

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