"Verwundete Krieger" in der Stadt

Spätestens am 7. September 1914, wenige Wochen nach Beginn des Ersten Weltkriegs, wusste auch die Gaildorfer Bevölkerung um das Grauen auf den Schlachtfeldern. Das Krankenhaus wurde zum Lazarett.

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  • Gaildorf im Jahr 1914: Vor dem Bezirkskrankenhaus weht die Rotkreuz-Fahne (rechts im Bild) als Zeichen dafür, dass hier ein Lazarett untergebracht ist. Im Garten sind uniformierte Männer zu erkennen, Soldaten, die als Verwundete in die Stadt kamen. 1/3
    Gaildorf im Jahr 1914: Vor dem Bezirkskrankenhaus weht die Rotkreuz-Fahne (rechts im Bild) als Zeichen dafür, dass hier ein Lazarett untergebracht ist. Im Garten sind uniformierte Männer zu erkennen, Soldaten, die als Verwundete in die Stadt kamen.
  • 7. September 1914: Die ersten Verwundeten kommen in Gaildorf an. Am Steuer des Autos sitzt die Ehefrau von Dr. Reinhold Stierlin. Fotos: Stadtarchiv Gaildorf 2/3
    7. September 1914: Die ersten Verwundeten kommen in Gaildorf an. Am Steuer des Autos sitzt die Ehefrau von Dr. Reinhold Stierlin. Fotos: Stadtarchiv Gaildorf
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In der Natur des Krieges liegt, dass es neben Toten auch viele Verwundete gibt, die in Lazaretten versorgt und verarztet werden. Neben den Feld- und Kriegslazaretten an und hinter der Front wurden während des Ersten Weltkriegs in der "Heimat" vom Roten Kreuz oder von Ritterorden "Vereinslazarette" eingerichtet, die der Aufsicht der militärischen Sanitätseinrichtungen unterstanden. Auch die so genannte "freiwillige Krankenpflege" wurde von den Militärbehörden organisiert.

Als Standort eines Bezirkskrankenhauses wurde Gaildorf nach Kriegsbeginn Standort eines Vereinslazaretts im Bezirkskrankenhaus. Vorgesehen waren 30 Lazarettbetten. Die Pflege der verwundeten Soldaten übernahmen die drei hier Dienst habenden Haller Diakonissen mit Hilfe von zwei "ausgebildeten" Helferinnen. Oberamtsarzt Dr. Teufel veranstaltete nämlich Anfang August 1914 in Gaildorf einen "Helferinnenkurs", um Frauen in der Krankenpflege auszubilden. Diese konnten dann in der Privatpflege oder als Hilfskräfte im Lazarett eingesetzt werden.

Darüber hinaus gründete sich in Gaildorf unmittelbar nach Kriegsbeginn der "Hilfsausschuss für freiwillige Kriegsfürsorge" mit den Vorsitzenden Schultheiß Nietzer und Dekan Schrenk. Dieser Ausschuss hatte es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, Einrichtungsgegenstände für das Lazarett zu beschaffen, soweit sie nicht vom Krankenhaus selbst oder vom Roten Kreuz gestellt wurden - Bettzeug, Leibwäsche, Socken. Geldspenden kamen auch aus dem Ausland: Ende August überwies aus den USA die Witwe des "Schwefelkönigs" Hermann Frasch 1000 Mark für die Arbeit des Ausschusses.

Telefonisch kündigte das Rote Kreuz die baldige Ankunft des ersten Verwundetentransports für Ende August in Gaildorf an. Doch erst am 7. September 1914 war es so weit. 37 meist durch Granatbeschuss Verwundete wurden im Lazarett eingeliefert; 24 weitere Verwundete wurden in "Privatpflegestätten" untergebracht. Von diesem Ereignis konnte man unter der Schlagzeile "Die Ankunft der ersten verwundeten Krieger in Gaildorf" im "Kocherboten" lesen: "Seit heute Mittag weht auf dem Bezirkskrankenhaus die Fahne mit dem Genfer Konventionszeichen, dem Roten Kreuz im weißen Feld, als sichtbarer Ausdruck, dass auch unser Krankenhaus vom Landesverein vom Roten Kreuz als Vereinslazarett anerkannt ist und für die Aufnahme verwundeter Krieger bereit steht. Etwa dreiviertel 5 Uhr nachmittags traf ein aus 48 Sanitätswagen bestehender, von zwei Lokomotiven beförderter Extrazug mit Verwundeten auf dem Staatsbahnhof ein, und die Tätigkeit der hiesigen Vertreter und Vertreterinnen des Roten Kreuzes, welche durch den Helferinnenkurs und Mannschaften der Freiwilligen Feuerwehr unterstützt wurden, begann. Viele freundliche Gaben der Einwohnerschaft zur Erfrischung der Weiterreisenden stunden parat, und Kaffee, Limonade und belegte Brötchen wurden bereit gehalten, um die verwundeten Vaterlandsverteidiger zu erquicken. Brausende Hochrufe begrüßten beim Einfahren des Zugs in den Bahnhof die wackeren Männer, die schon für das Vaterland geblutet haben, und edler Wetteifer setzte ein, um die Erfrischungen an den Mann zu bringen."

Unter den Verwundeten waren auch etwa 50 Franzosen, wie die Zeitung berichtete: "Sechzig zum Teil schwer verwundete Krieger wurden hier ausgeladen und teils im Krankenhaus, teils in hiesigen Privatquartieren untergebracht." Nach rund einer Stunde fuhr der Zug weiter Richtung Crailsheim. "Hiesige Fuhrwerke und Kraftwagen sowie ein von der Württembergischen Eisenbahngesellschaft in dankenswerter Weise zur Verfügung gestellter Extrazug beförderte die Verwundeten in ihre Quartiere und auf den Stadtbahnhof zur Verbringung ins Krankenhaus", so der "Kocherbote" weiter.

In der Nacht zum 11. September erlag dann "in dem zum Vereins-Lazarett umgewandelten Krankenhaus einer der seit Montag daselbst untergebrachten Krieger seinen auf dem Schlachtfeld erhaltenen Wunden". Es war der ledige Landwirt Friedrich Müller aus dem badischen Schillingstadt, ein 30-jähriger "Landwehrmann der 4. Kompanie des Reserve-Regiments Nr. 70 Rastatt". Am Sonntag, dem 13. September, wurde er nachmittags um 14 Uhr in einer "wirkungsvollen Trauerkundgebung" auf dem Gaildorfer Friedhof beigesetzt: "Dem vom Krankenhaus ausgehenden Leichenzug, an dessen Spitze der Veteranen- und Kriegerverein marschierte, schlossen sich die hier untergebrachten Verwundeten, soweit sie ausgehen konnten, die dienstfreie Mannschaft der Bahnhofswache und ein schier unübersehbarer Zug von Leidtragenden aus Stadt und Bezirk an. Herr Stadtvikar Weiß sprach am Grabe herzliche und von warmer Vaterlandsliebe zeugende Worte über 1. Petri 5, Vers 6 und 7. Stadtpfleger Ellinger namens des Kriegervereins und zwei der verwundeten Soldaten im Auftrage ihrer Kameraden legten Kränze am Grabe nieder", berichtete das Blatt.

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