„Schwere Jungs“ im Hintergrund

Am Landgericht wird gegen einen Gaildorfer ermittelt, der im großen Stil mit Drogen gehandelt haben soll. In Wesentlichen ist er geständig, die Einfuhr von Drogen aber wird bestritten.

|
Gericht Prozess Archiv  Foto: 

Er habe schon mit vielen Drogenhändlern zu tun gehabt, sagt Frank Haberzettl, Vorsitzender Richter der achten großen Strafkammer am Landgericht Heilbronn, „Sie aber unterscheiden sich drastisch“. Auf der Anklagebank des Schöffengerichtes sitzt ein 34-jähriger Mann aus Gaildorf, Familienvater, gut verdienender Facharbeiter, Haus- und Wohnungsbesitzer, zwar verschuldet, aber immerhin. Für die Drogenhändler, mit denen er bisher zu  tun gehabt habe, sei das völlig untypisch, sagt Haberzettl.

Der Angeklagte weint. Er wisse, dass er großes Leid über seine Familie und andere gebracht habe, sagt er. Er wolle sich entschuldigen, reinen Tisch machen, Verantwortung übernehmen. Und er entspreche auch nicht dem Bild, das durch die Berichte über die Prozesse gegen seine Mitangeklagten von ihm entstanden sei. Er sei nicht Kopf einer Bande, kein kalter Manipulator und es sei ihm auch nicht nur ums Geld gegangen. Er habe vieles aus Freundschaft getan und es sei ihm auch nicht klar gewesen, dass er Verbrechen begehe, „ob Sie’s glauben oder nicht“.

Es ist der vierte Verhandlungstag und der Anwalt Dr. Markus Bessler, der zusammen mit Martin Stirnweiss die Verteidigung übernommen hat, trägt die Stellungnahme des Angeklagten zu den vier Anklagepunkten vor. Dabei geht’s um große Mengen. Haberzettl addiert: 765 Gramm Kokain, 8,6 Kilogramm Amphetamin, drei Kilogramm Haschisch, 2,9 Kilogramm Marihuana und 2800 Tabletten Ecstasy.

Ein  Teil davon konnte am 19. November letzten Jahres sichergestellt werden, als der Handel  aufflog, der Rest war in den Monaten zuvor in Umlauf gebracht worden – die Mengen ergeben sich aus Abhör- und Überwachungsprotokollen, Zeugenaussagen und Geständnissen. Vier weitere Beteiligte, darunter auch der Kurier, wurden bereits verurteilt (wir haben berichtet).

Im Wesentlichen werden die Vorwürfe eingeräumt, im Detail aber durchaus relativiert. Bestritten wird insbesondere die Einfuhr von Drogen aus den Niederlanden. Der Angeklagte gibt an, im Jahr 2015 in der Türkei einen Marokkaner kennengelernt zu haben, der in den Niederlanden mit Autos handelt. Weil er selbst hin und wieder Autos aufgekauft und nach Mazedonien überführt habe, sei er mit einem Kumpel hingefahren. In den Niederlanden seien ihm dann Drogen angeboten worden und als er Bedenken wegen der Einfuhr äußerte, habe man ihm gesagt, die Drogen kämen aus Hamburg und würden bei Bonn gebunkert.

Testfahrt nach Bonn

Der Angeklagte gibt an, niemals selbst Drogen konsumiert zu haben. Anders sein Freund aus Fichtenberg, der zu den bereits Verurteilten zählt. Mit ihm sei er zum Testen nach Bonn gefahren und habe dann, nachdem der Freund angetan war, 160 Gramm Kokain zu 39 Euro das Gramm bestellt. Weil er zu der Zeit im Urlaub war, habe ein  Bekannter aus Sulzbach-Laufen die Drogen von dem Kurier übernommen. Das Fahrtgeld habe 1200 Euro betragen. Auch der Sulzbach-Laufener ist bereits verurteilt, allerdings ist das Urteil nicht rechtskräftig. Er muss deshalb in diesem Prozess auch nicht aussagen.

Die folgenden Deals verliefen wohl ähnlich. Eigentlich will der Angeklagte nur Bestellungen entgegengenommen und weitergeleitet haben. Er habe sich immer wieder überreden lassen und nicht nachgedacht, sagt er. Der Angeklagte könne nicht „Nein“ sagen, erklärt Anwalt Stirnweiss, es sei ihm nie nur ums Geld, sondern auch um Beziehungen und ums Selbstwertgefühl gegangen.

Die Bonn-Geschichte wird überraschend von dem Fichtenberger bestätigt. Er hat dem Angeklagten aus dem Gefängnis einen Brief geschrieben, den die Anwälte nun vorlegen. „Schwere Jungs“ habe man in Bonn angetroffen, sagt der Fichtenberger, als er am Mittwoch vor Gericht vernommen wird, sie seien bewaffnet gewesen und hätten versprochen, alles besorgen zu können. Er habe diesen Ausflug nach Bonn aber bisher aus Angst vor diesen „schweren Jungs“ verschwiegen.

Haberzettl, den schon die Existenz des Briefes erstaunt hat, kann dem „intellektuell nicht folgen“. Bonn zu erwähnen hätte keine Folgen gehabt, meint er: „Sie legen nichts offen, was Ihnen Angst machen müsste“. Unverständlich bleibe ihm auch, warum der Fichtenberger sich dann doch zu Bonn äußert – in einem Brief an den Angeklagten, „der’s eh schon weiß“. Staatsanwalt Harald Lustig gibt zu verstehen, dass er die Authentizität des Briefes anzweifelt, die Verteidigung präzisiert, dass der Angeklagte den Brief nur nebenbei erwähnt und erst auf ausdrückliche Nachfrage vorgelegt habe – „damit kein falscher Zungenschlag reinkommt“.

Aufgrund von Lügen verurteilt

Der Fichtenberger relativiert auch frühere Aussagen. Er behauptet nicht mehr, von dem Angeklagten Amphetamin gekauft, sondern nur einen Händler vermittelt bekommen zu haben. Und nicht der Angeklagte, sondern dieser Händler habe nur Mengen ab 100 Gramm verkaufen wollen. „Das war ein schwerer Vorwurf“, stellt Haberzettl fest:  „Sie haben gelogen!“. Er sei wütend gewesen, sagt der Fichtenberger. Ein Polizist habe ihm erklärt, der Angeklagte sei nicht sein Freund, sondern habe ihn nur ausgenutzt.

Info Der Prozess wird am 11. Oktober fortgesetzt.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Riesenkräne bauen Windräder auf

Der Mainhardter Gemeinderat nimmt das Geschehen auf der Roten Steige in Augenschein. Am Mittwoch sollen an einer Anlage die Rotoren montiert werden. weiter lesen