"Eine schöne Bänklesrunde"

Der Zwetschgenkuchen war ein Gedicht und der Spaziergang in der Sonne eine wahre Freude. Alle 14 Frauen der Demenzgruppe hatten Spaß an dem geselligen Nachmittag - jede eben auf ihre Weise.

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Bei herrlichem Sonnenschein unternahm die Gaildorfer Demenzgruppe einen Spaziergang in den Park. Nur für einen kurzen Moment formierten sich Leiterin Monika Weber (Zweite von links) und drei ihrer wertvollen Stützen zum Gruppenbild (von links), Silvia Seidel, Dagmar Schüle und Anneliese Heintzeler. Foto: Brigitte Hofmann

Bunte Schmetterlinge zieren Servietten und Tischläufer der frühlingshaft gedeckten Kaffeetafel. Händeschütteln und ein freundschaftliches Hallo ringsum. Jeden Donnerstag trifft sich die Gaildorfer Demenzgruppe im Clubraum des Gräfin-Adele-Stifts.

Auf den ersten Blick deutet alles auf eine ganz gewöhnliche Kaffeerunde hin. Wer betreuende und wer zu betreuende Person ist, ist nicht gleich auszumachen. Erst nach und nach zeigt sich, dass jede Frau - an diesem Nachmittag waren zufällig nur Frauen anwesend - das Geschehen auf ganz individuelle Weise wahrnimmt und sich mehr oder weniger daran beteiligt. Und um es vorwegzunehmen, es werden gesellige und fröhliche drei Stunden an diesem Nachmittag.

Von Alzheimer oder einer anderen Form der Demenz sind derzeit rund 1,4 Millionen Männer und Frauen in Deutschland betroffen. Weil die Menschen immer älter werden, sollen es im Jahr 2050 voraussichtlich schon drei Millionen sein. Noch herrscht viel Unwissen über die Krankheit, die überwiegend Menschen über 65 und einige wenige jüngere trifft.

Der Landkreis Schwäbisch Hall widmet sich diesem Thema zurzeit in ganz besonderem Maße. Unter dem Titel "Das Vergessen verstehen lernen" läuft seit Januar die "Demenzkampagne 2013", die am 14. November im Europasaal in Wolpertshausen ihren Abschluss findet.

"Scheuen sie sich nicht, nehmen sie Hilfe an", riet kürzlich Demenz-Fachfrau Regine Hammer bei einem Vortrag im evangelischen Gemeindehaus in Gaildorf den pflegenden Angehörigen. In der Praxis könnte das zum Beispiel die Teilnahme an den von der kirchlichen Sozialstation angebotenen Gruppennachmittagen sein.

Mit einem gemeinsam gesungenen Lied eröffnete Leiterin Monika Weber den Nachmittag. Eine Besucherin holte ihren "Kreuzwender" aus der abgegriffenen Schatulle und begleitete. Das Spielen auf der Mehrfach-Mundharmonika beherrschte sie aus dem Effeff. Sich zu artikulieren, am Gespräch teilzunehmen, bereitete ihr dagegen weitaus größere Probleme.

Das wunderschöne Dirndl einer Besucherin war ein heißes Thema, ebenso der Mangel an Fachärzten in Gaildorf und Umgebung, Giersch und Löwenzahn oder die Kinder und Enkel, die irgendwo in der Ferne leben. Manche Frauen plauderten munter drauf los, andere hörten nur zu. Die einen waren mit allen Sinnen dabei, andere meistens abwesend. Die einen verputzten den köstlichen Zwetschgenkuchen ruck, zuck, andere im Schneckentempo. Alles egal, in dieser Gruppe darf jede Person so sein, wie sie ist. Jede wird liebevoll und mit Respekt behandelt.

Zeit spielt keine Rolle, der Tagesablauf ergibt sich von selbst. Am Donnerstag bot sich ein Spaziergang durch die Parkanlagen in der Graf-Pückler-Straße natürlich bestens an. Es gab viel Frühlingshaftes zu entdecken, und alle erfreuten sich an der warmen Sonne oder an einer Bank im kühleren Schatten. Sehr treffend formulierte eine Besucherin nach der Rückkehr an den Tisch im Clubraum: "Das war aber eine schöne Bänklesrunde."

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