"Besser, sie hätten mir ins Gesicht geschlagen"

Sylvia Hamacher ist eine junge Frau, die sich auf das Abitur vorbereitet. Kaum vorstellbar, welch schwere Zeit sie bereits hinter sich hat. In Gaildorf berichtete sie über ein erschütterndes Kapitel ihres Lebens.

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Brigitte Hamacher schilderte die Leidensgeschichte der gemobbten Schülerin aus dem Blickwinkel der Mutter.

Eineinhalb Jahre lang, gerade einmal vierzehn, wird Sylvia Hamacher von Mitschülerinnen gehänselt, beleidigt und beschimpft. Im Unterricht, auf dem Schulhof und vor allem im Internet. Auslöser war eigentlich ein eher freudiges Ereignis, das einen völlig unerwarteten Verlauf nahm - nämlich die Party zu ihrem 14. Geburtstag - und schließlich völlig eskalierte.

Es sei der schlimmste Abschnitt ihres Lebens gewesen, und sie habe sich oft nach dem Warum gefragt. "Ich habe nie eine Antwort gefunden", berichtet sie den Zuhörern im voll besetzten Kernersaal der Gaildorfer Limpurghalle. Vor allem im Internet verhielten sich ihre Mitschülerinnen und Mitschüler besonders hemmungslos - zum einen, weil dort die Anonymität gewahrt werden kann, zum anderen, weil hier eine weltweit zugängliche Plattform vorherrscht. Die Aussage "Die Schlampe machen wir fertig" gehörte noch zu den eher harmlosen und "gepflegteren" Ausführungen.

Sylvia ist daran innerlich fast zerbrochen. Sie fühlte sich bloß gestellt, wollte sich aber ihren Eltern nicht vollständig anvertrauen, weil sie Angst hatte, dadurch die Familie zu zerstören. Sie glaubt aber auch, dass es ihren Klassenkameraden nicht bewusst war, was sie mit einem solchen Verhalten anrichten.

Vor allem im seelischen Bereich verspürte sie einen großen Schmerz: Ignoriert zu werden oder das Lästern in der Gruppe, wenn sie daneben stand, das Gefühl, "ich kann mich nicht wehren" - das hat ihr sehr wehgetan. "Besser, sie hätten mir ins Gesicht geschlagen!"

Allerdings, und dies betonte sie auch einen Tag vor ihrem Gaildorfer Auftritt bei Frank Plasberg im Fernsehen ("Hart aber Fair"), hat sie im Internet auch Unterstützung bekommen: "Wir fühlen mit dir, trauen uns aber nicht, dies öffentlich zu sagen."

Während die Eltern die Sache ernst genommen haben, waren Schule und Lehrer überfordert - letztere sind ja auch nicht dafür ausgebildet. Dennoch kommen einige Pädagogen nicht allzu gut weg. So spricht sie von ihrem inkompetenten, völlig unfähigen Klassenlehrer, der sich für die Schüler als "Fischfutter" erwiesen hatte. Auch stellt sie fest: "Lehrer glauben nur das, was sie glauben wollen". So ging ein Gespräch mit der Klasse in die Hose, weil sich der Klassenlehrer nicht durchsetzen konnte. Beim Schüleraustausch mit England eskalierte die Sache dann vollends. Nach ihrer Rückkehr hatte sie sogar Angst vor tätlichen Angriffen - und das nicht nur von Schülerinnen ihrer eigenen Klasse, sondern von der gesamten Schule.

Aber wie hat das Mädchen dann doch noch die Kurve gekriegt? "Man glaubt mit der Zeit, was gesagt wird. Ich begann, mich selbst zu hassen. Ich bin ein schüchternes Mauerblümchen geworden, das sich zuhause versteckt hat, weil ich mich dort sicher fühlte." Die Folge waren konkrete Suizidgedanken. Sie handelte nur deshalb nicht, weil sie wiederum Angst hatte, die Familie zu zerstören. Hilfe bekam sie schließlich von einer Kinderpsychologin, die sie ihre Emotionen verarbeiten ließ. Ein Schulwechsel unterstützte das Ganze. Wenngleich dort eine Fortsetzung drohte. Die neuen Mitschülerinnen nahmen ihr Buch als Anleitung, um die Sache zu wiederholen. Allerdings reagierte an dieser Schule die Schulleitung schnell und kompetent.

Die Botschaft der Sylvia Hamacher - und das war auch im Kernersaal zu spüren - ist einfach und verständlich zugleich: "Es gibt kein typisches Mobbingopfer, es gibt aber auch nichts, was Mobbing rechtfertigen kann, egal wie ich mich verhalte. Das hat mit der menschlichen Würde zu tun".

Ihr Buch "Tatort Schule" zeigt auch: Es muss sich etwas verändern, damit der Einzelne sich mehr traut, die Dunkelziffer der Gemobbten geringer wird. Sylva Hamacher hat sich getraut, sie ist mit ihrem Schicksal durch ihr Buch an die Öffentlichkeit gegangen, um diese zu sensibilisieren. Nur wenn die Menschen sich öffentlich zum Thema Mobbing bekennen, dann kann man Druck auf die Politik ausüben. Deshalb berichtete auch Brigitte Hamacher aus der Sicht einer Mutter über die Tortur.

Dass die Einladung von Sylvia Hamacher nach Gaildorf durchaus Sinn macht, das weiß Streetworker Markus Akilli aus eigener Erfahrung. In einer von ihm 2010 angestrengten Zielgruppenanalyse an den Schulen im Gaildorfer Raum gaben mehr als die Hälfte der Befragten an, selbst schon einmal jemanden gemobbt zu haben, etwa 33 Prozent aller befragten Schüler waren schon einmal Opfer einer Mobbingattacke.

Natürlich sei diese Befragung mit Vorsicht zu genießen, gibt Markus Akilli zu, da das Wort "Mobbing" unterschiedlich definiert werden kann. Was Mobbing ist, hängt nur von der Einschätzung des Opfers ab. Und Akilli weiß auch: "Alle Schularten werden mit dem Problem in ähnlicher Intensität konfrontiert". Egal ob Hauptschule, Realschule oder Gymnasium - das berufliche Schulwesen könne in diese Aufzeichnung getrost eingefügt werden -, die Auswirkungen für gemobbten Schüler seien die gleichen: Das Selbstwertgefühl der Betroffenen sinke gegen Null, der Rückzug werde angetreten, die Leistungen ließen nach, körperliche Begleiterscheinungen machten sich bemerkbar . . .

Dass man dies verhindern muss - diese Botschaft haben an diesem Abend mit Sicherheit alle aus dem Kreis der großen Zuhörerschar begriffen.

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