". . . und wir feierten im Morgengrauen das Wiedersehen"

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Nach seiner Entlassung aus dem KZ Sachsenhausen im April 1945 und einer viertägigen Reise voller Abenteuer stand Albrecht Fischer endlich auf dem Bahnhof in Stuttgart und erkundigte sich nach den Zügen in Richtung Gaildorf und Hall:

"Man sagte mir, dass abends um 9 Uhr ein Zug abgehe, aber nur bis Murrhardt. Ich entschloss mich, ihn zu nehmen und in Murrhardt zu sehen, wie ich weiterkomme. Zuerst machte ich den Versuch, über den Bahntelegraph in Murrhardt einen Wagen zu bestellen, das wurde aber abgelehnt.

So setzte ich mich in den schon bereitstehenden Zug und aß von den Vorräten (Hartwurst und Brot), die ich von Berlin mitgebracht hatte. Der Zug kam etwa um Mitternacht in Murrhardt an. Am Bahnhof stellte ich fest, dass ein Warteraum hoch mit Strohschütten belegt war, dass man also notfalls dort schlafen konnte. Zunächst stellte ich mich mit anderen Wartenden an der Murr-Brücke auf, um vorüber kommende Fahrzeuge anzuhalten. Es kamen auch zahlreiche Wehrmachtsfahrzeuge, aber alle mit Order Gschwend-Gmünd. Endlich kam ein Lastwagen mit Ziel Gaildorf, der ein halbes Dutzend Leute und auch mich mitnahm. Der Fahrer - ein norddeutscher Soldat - hatte keine Ahnung vom Weg, und wir im Wagen konnten wegen der Plane, die sich über uns wölbte, nicht sehen, wohin er fuhr. Als Gaildorf ewig nicht kam, veranlassten wir ihn zum Halten und stellten fest, dass der Fahrer fehlgefahren war; er hatte sich den vor ihm fahrenden Wagen angeschlossen, und wir standen deshalb kurz vor Gschwend. Man setzte nun einen Ortskundigen neben den Fahrer, und so kamen wir wieder vom Berg herunter und etwa um 3 Uhr morgens nach Gaildorf. Dort blieb der Wagen stehen, und wir sollten nun warten, ob am Morgen sich eine Gelegenheit zum Weiterkommen bieten würde.

Ein junger Mann und ich entschlossen uns, jetzt einfach zu Fuß weiter zu pilgern. Wir setzten uns in Marsch und waren etwa einen Kilometer heraus, als hinter uns ein Lastwagen auftauchte, den wir zum Halten veranlassten. Er wollte nach Ottendorf und ließ uns aufsteigen, so kamen wir rasch weiter. Als er durch Ottendorf durchfuhr, ließ ich ihn halten und stieg ab. Er hatte Befehl, den Wagen in der Ortsmitte abzustellen. Ich dirigierte ihn noch dorthin (Platz vor der Kirche) und dann auf das Siedlungshäuschen zu, in das meine Familie verlagert war. Dort klopfte ich morgens um 4 Uhr an die Haustüre, und wir feierten im Morgengrauen das Wiedersehen meiner Rückkehr aus der Unterwelt."

So endet der ausführliche Bericht Albrecht Fischers "Erlebnisse vom 20. Juli 1944 bis 8. April 1945" über seine Inhaftierung im KZ Sachsenhausen und seine Entlassung.

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