Über die Wahrheit im Buch
Gaildorf. Das Thema Wahrheit im Zusammenhang mit dem öffentlichen Auftrag einer Bibliothek sorgte im Gaildorfer Gemeinderat für Wirbel.
Wegen eines kleinen Formfehlers musste der Gaildorfer Gemeinderat am Mittwochabend erneut über die neue Benutzungsordnung für die Stadtbücherei abstimmen. In der Sitzung am 20. April war beschlossen worden, ab sofort keine Entleihgebühr mehr zu erheben (wir haben berichtet). Entsprechend musste nun der Zeitpunkt des Inkrafttretens dieser Ordnung auf den 21. April festgelegt werden, weil eben die Gebührenregelung Bestandteil der selben ist. Eine Formsache also.
Offene Liste-Stadtrat Bernhard Geißler - zwar verheiratet mit Bibliothekarin Sabine Rombach, aber laut Gemeindeordnung bei diesem Thema nicht befangen - hätte die neuerliche Beschlussfassung gerne vertagt. Der Grund: Er nahm Anstoß am Vorwort der Satzung, in der - siehe Wortlaut in nebenstehendem Kasten - aus seiner Sicht einige Formulierungen realitätsfern sind.
Etwa die Aussage über "wahre Sachinformationen", die die Bücherei liefern soll. Wer, so Geißler, "ist denn der Erleuchtete, der entscheidet, was die Wahrheit ist?" Keine Bibliothek "hat so etwas in ihrer Benutzungsordnung stehen". Denn man könne für den Inhalt eines Buches ja nicht garantieren. Auch die erklärte Religionsneutralität macht in seinen Augen keinen Sinn: Das Neue Testament etwa - "ist das religiös neutral?" Solche Passagen, wie sie in der Präambel nachzulesen sind, könnten "nie in die Praxis umgesetzt werden".
Bernhard Geißler riet nun dazu, die Fachstelle für das öffentliche Bibliothekswesen beim Regierungspräsidium in Stuttgart einzuschalten. Bis zu deren Stellungnahme und Bewertung solle man die Beschlussfassung über die Benutzungsordnung einfach zurückstellen. Geißler formulierte dies als Antrag, konnte sich aber nicht durchsetzen. Nur er und sein Listenkollege Ernst Kronmüller stimmten dafür. Die große Ratsmehrheit war dagegen, schloss sich dem Vorschlag der Stadtverwaltung an und verabschiedete den Text bei zwei Gegenstimmen.
Zuvor hatte SPD-Rätin Margarete Nagel-John erklärt, dass die Einleitung schon einen Sinn habe: So sei das Bemühen um Neutralität "wichtig und richtig". Und eben diese Neutralität möchte sie auch in der Stadtbibliothek verwirklicht sehen - was sie mit Blick auf Literatur zum Thema Mobilfunk offensichtlich vermisst, wie sie eine ihrer Beobachtungen schilderte. Bürgermeister Ralf Eggert konkretisierte: "Neutralität heißt, wir bieten gleichgewichtige Informationen".
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Autor: KLAUS MICHAEL OSSWALD | 20.05.2011
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