Die Seherin und das Schlitzohr
Gaildorf. Der Schlitz im Ohr wird größer. Und nicht nur das: Seit dem gestrigen Pferdemarkt ist der Gaildorfer Rathauschef Ralf Eggert, weil 40 Jahre alt geworden, auch ein echtes "schwäbisches Gscheidle".
Das gab es noch nie: Ein Gaildorfer Stadtoberhaupt feiert einen runden - den vierzigsten nämlich - Geburtstag just am Gaildorfer Pferdemarkt. So geschehen am gestrigen Montag, dem Tag, an dem im Limpurger Land der Ausnahmezustand herrscht.
Davon geprägt war selbstredend auch der Empfang geladener Regional-Prominenz zum hiesigen Nationalfeiertag. Und der begann - Premiere Nummer 2 - pünktlich, also ohne das traditionelle "akademische Viertel", und mit dem "Einritt" zweier Gratulanten, die Bardenhüte auf den Häuptern: Martin Zecha, Vorsitzender des Pferdemarkt-Ausschusses und Schöpfer des pfiffigen Pferdemarkt-Songs, und Dieter Brust waren niedrig zu (Stecken-)Ross gekommen, um die Veranstaltung "für edles Volk und auch für Pöbel" im altehrwürdigen Wurmbrandsaal des Alten Schlosses mit Rede und (Lob-)Gesang auf Rathauschef Ralf Eggert zu bereichern.
Und schließlich Premiere Nummer 3: Erstmals hatte ein Gaildorfer Bürgermeister am Pferdemarkt nicht uneingeschränkt das Sagen. Zumal - womit das Stichwort gefallen wäre - auch eine Wahrsagerin (mit bürgerlichem Namen Susanne Kreetz) zugange war. Die hatte es mindestens so faustdick hinter den Lauschern wie der Bürgermeister, dessen Zukunft sie in ihrer mitgebrachten Glaskugel zu erkennen vorgab: "Der mit dem größten Schlitz im Ohr, weist heute 40 Jahre vor", verkündete sie jedem, der es noch nicht gewusst haben mag.
Nun sah die weise Frau mit rotem Schopf und krummer Nas den Schultes, dessen Schwäche für Rosen (weil die ihm nicht so widersprächen wie die Gemeinderäte) zugenommen habe und der sich als "Rosenkönig von Gaildorf" fühle. Er lasse ganze Straßenzüge wegreißen, gestalte die Stadt neu mit Freiflächen und Parkplätzen; sie könne nun "ungestreift von der Sporthalle bis zum Häberlen gucken".
Visionen am Ende der ersten und an der Schwelle zur möglichen zweiten Amtsperiode? Im Schloss ein Nobel-Hotel, auf dem Moto-Cross-Gelände das "Rock-for-Nature"-Festival oder ein "riesengroßes" Krankenhaus - "aber halt, da laufen so viele mit Rollatoren!" -, das zum Seniorenheim geworden ist? Frisch angesiedelt die Märkte von OBI, McDonalds und IKEA? Ein durch Eingemeindung aller Limpurger Kommunen nun Oberbürgermeister gewordener Rathauschef, gleichzeitig Feuerwehr-Kommandant, Freibad-Chef, Trainer der Garden, Tourismus-Verbandsvorsitzender? Das Geburtstagskind, das sich im Sommer zur Wiederwahl stellt und seine zweite Amtsperiode in Angriff nehmen möchte, mag selber Gänsehaut bekommen haben ob dieses (vielleicht nicht ganz ernst gemeinten) Orakels.
Hintersinnig und messerscharf formuliert - beinahe wäre dabei des Bürgermeisters traditionelle Pferdemarktrede zur Nebensache geraten, hätte der schlitzohrige Rathauschef nicht noch eins draufgelegt und frecher gelästert als vor einem Jahr: Die versammelte Gästeschar lachte Tränen, als Eggert etwa mit seiner "Lieblings(europa)abgeordneten" Evelyne Gebhardt flirtete: Ob Bürgerrechte oder die Sicherheit von Kinderwagen auf der Rolltreppe, die Befreiung von Rundfunkgebühren, wenn ein Bürger in zwei EU-Staaten lebt - sie sei sich nicht zu schade, auch die simpelsten Bürgerfragen im Internet ernsthaft und ausführlich zu beantworten.
Dem Liberalen Dr. Friedrich Bullinger, auch Verbandschef der Wohnungs- und Immobilienunternehmen im Land, stellte er wie allen anderen gequälten Parlamentariern und Lobbyisten Rettung in Aussicht - dann wenn das Landesparlament zum Vollzeitparlament geworden sei. In Anspielung auf die Parteispende eines großen Hoteliers an die FDP und deren Einsatz für eine Steuerentlastung des Beherbergungsgewerbes äußerte Eggert die Hoffnung, dass die Schweinezüchter den Liberalen nicht plötzlich "wie wild Ferkel spenden". Zumal sich Bullinger irgendwann einmal für die Züchter des Borstenviehs stark gemacht haben soll.
Bullingers Kollegen Helmut W. Rüeck von der CDU - "Vielleicht geben sie ja doch noch zu, dass das Land die Werkrealschulen nur einführt, um Lehrerstellen einzusparen" - und Nikolaos Sakellariou - "Wenn es so weiter geht, ist die SPD bald da, wo die FDP immer hin wollte, bei 18 Prozent" - bekamen ihre Portion Fett weg.
Etwas milder verfuhr Eggert heuer mit Landrat Gerhard Bauer, der in den vergangenen Jahren - Stichwort Krankenhaus - viel einstecken musste. Deshalb wolle er diesem die Pferdemarktwurst nun persönlich servieren. Schließlich habe Bauer auch so genug gelitten: Das Straßenbauamt etwa habe beim Bau der Haller Westumgehung "die kleine Summe von 1,5 Millionen Euro" zu berücksichtigen vergessen, und schließlich "haben sie sich in aufopferungsvoller Pflichterfüllung eine Rippe lädiert" - bei einem Dienst-Fußballspiel. - Weitere Auszüge aus der Lästerrede in unserem "So ebbes - Extra".
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Autor: KLAUS MICHAEL OSSWALD | 09.02.2010
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Zwei der "besten Pferde" im Stall des Bürgermeisters: Dieter Brust (links) und Martin Zecha mit Wahrsagerin Susanne Kreetz. Fotos: Richard Färber
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