Der "Bücherverbrennung" bezichtigt
Gaildorf. Die Debatte um die Benutzungsordnung der Gaildorfer Stadtbücherei schlägt immer höhere Wellen - landesweit. Nun wurde sogar eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Bürgermeister angestrengt.
"Das Angebot ist politisch neutral, religiös unabhängig, neigt keiner Gruppierung oder Meinung zu und liefert wahre Sachinformationen in ausgewogener Art". Dieser Ausschnitt aus der Präambel zur Benutzungsordnung der Gaildorfer Stadtbücherei erhitzte in den vergangenen Wochen die Gemüter (wir haben berichtet). Mehr noch: Er brachte Bürgermeister Ralf Eggert und dem Gemeinderat den Vorwurf ein, Bücher zu selektieren - und damit gegen Bürgerrechte zu verstoßen, das Grundgesetz zu missachten. Hintergrund: Dem per Satzung formulierten Anspruch gemäß, ließ die Stadt Bücher aus dem Bestand der Bibliothek entfernen.
Konkret geht es um mobilfunkkritische Fachliteratur. Nach Auskunft von Bürgermeister Eggert handelt es sich um Druckerzeugnisse, die auf die so genannte Reflex-Studie (über möglicherweise erbgutschädigende Wirkungen von Mobilfunkstrahlungen) zurückgehen. Eben diese Studie ist deswegen in Verruf geraten, weil eine daran beteiligte Wiener Arbeitsgruppe - der zunächst "Fälschung" vorgeworfen worden war, was am Ende aber nicht bestätigt werden konnte - nicht sauber gearbeitet haben soll. Das wird vom Rat für Wissenschaftsethik der Medizinischen Universität Wien bestätigt. In dessen Stellungnahme wird mangelnde Sorgfalt einer Mitarbeiterin genannt, ebenso eine "wissenschaftlich nicht vertretbare Vorgehensweise". Dadurch werde die Studie in ihrer Aussagekraft reduziert.
Also wurden, wie der Bürgermeister einräumt, all diejenigen Medien aus dem Bestand entfernt, die sich "vollkommen unkritisch" auf diese Studie bezögen, die wiederum auf Daten beruhe, "die nicht nachvollziehbar und nicht reproduzierbar" seien - und deren Datenerhebung "mehrfach als nicht mit der guten, wissenschaftlichen Praxis übereinstimmend bezeichnet werden". Soweit Eggert.
Allerdings will der Bürgermeister die Bücher, "die die Reflex-Studie unkommentiert beinhalten", nicht der öffentlichen Diskussion entziehen. Sie können in Kürze wieder entliehen werden, versichert er, aber nur zusammen mit besagtem Bericht der Wiener Uni und einer Stellungnahme der Kommission für Wissenschaftliche Integrität, die den Werken beigelegt werde.
Dies wiederum mag einen Kreisrat aus dem Rems-Murr-Kreis nicht zufrieden stellen: Gerhard Geiger aus Fellbach von der Fraktion der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP) hat nämlich eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Eggert angestrengt - über das Regierungspräsidium Stuttgart, das die Angelegenheit am Donnerstag an das zuständige Landratsamt in Schwäbisch Hall zur Bearbeitung weiterleitete. Darin fährt Geiger schweres Geschütz auf. Original-Zitat: "Öffentliche Informationsunterdrückung durch die Stadtverwaltung. Bürgermeister der Stadt Gaildorf - durch Entfernung mobilfunkkritischer Studien aus dem öffl. Bücherbestand und Verdacht alternativer Förderung kommerzieller Interessen."
Zur Begründung führt Geiger eine auf mehreren mobilfunkkritischen Internet-Seiten platzierte Meldung an. Auszug: "Wie jetzt bekannt wurde, sind alle mobilfunkkritischen Bücher aus der Stadtbücherei Gaildorf entfernt worden. Stattdessen wurden Bücher des an der von Vodafone finanzierten Jakobs-Universität arbeitenden Mobilfunkbefürworters Prof. Lerchl angeschafft."
Bei den entfernten Büchern handle es sich um die Titel "Die verkaufte Gesundheit" des Arztes Hans-Christoph Scheiner und "Mobilfunk - Ein Freilandversuch am Menschen" von Thomas Grasberger und Franz Kotteder.
Gestern nun legte der empörte Kreisrat nach und fuhr schweres Geschütz auf: In seinem Schreiben an den Gaildorfer Rathauschef ist von "Bücherverbrennung" die Rede. Gleichzeitig wird Eggert, den Geiger als "Zensor" anspricht, aufgefordert, sich bis 20. Juni bei den Bürgern zu entschuldigen. Doch nicht genug: Ebenfalls gestern erhielt die Redaktion Kenntnis von einem auf den 6. Juni datierten Schriftstück, mit dem Geiger den Petitionsausschuss des Landtags anruft. Der Wortlaut entspricht dem seiner Dienstaufsichtsbeschwerde. In einem Geiger-Kommentar im Internet wirds schließlich noch härter: Der Vorgang in Gaildorf erinnere ihn an die "Bücherverbrennungen der Nazis".
Der dermaßen gescholtene Bürgermeister Eggert weist die Vorwürfe gelassen zurück: Tatsächlich, schreibt er in seiner Stellungnahmen an Landrat Gerhard Bauer, bestehe "aller Grund zu einem kritischen, vorsichtigen Umgang mit der Mobilfunktechnologie", ebenso zu einer umfassenden Information der Bevölkerung, einer Information, die "auf nachvollziehbaren Daten beruht, auf deren Basis beide Seiten gleichermaßen zu Wort kommen". Deshalb habe er Sabine Rombach, mobilfunkkritische Leiterin der Stadtbücherei, gebeten, auch solche Literatur aufzunehmen, die "keine extrem kritische Sichtweise zu dem Thema Mobilfunk widerspiegeln". Dies, so Eggert, habe sie "nicht umgesetzt".
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Autor: KLAUS MICHAEL OSSWALD | 11.06.2011
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Streit um Bücher gab und gibt es in jeder Gesellschaft. In Gaildorf hat ein solcher inzwischen recht bizarre Formen angenommen. Archivfoto: SWP
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