Demenz: Therapeuten auf vier Pfoten

Tiere tun dem Menschen gut. Sie helfen gegen Einsamkeit, sind treu, geben keine Widerworte – und können helfen, seelische Wunden zu heilen. Hunde wie Kira und Paddy zum Beispiel.

CORNELIA KAUFHOLD |

Viele Alte erkennen Jutta Ulrich nicht auf Anhieb, so ohne weiße Schürze. Heute ist sie in Kiras Begleitung. Die dreijährige Hündin zieht Blicke auf sich. Sie schaut sich um, nimmt mit dem Mann im Rollstuhl Blickkontakt auf, trottet zu ihm hin, stupst mit dem Kopf gegen seine Hand. Der Senior lächelt und krault dem Labrador das Fell. Er trägt ein rotes Tuch mit der Aufschrift „Therapiehund Kira“. Die Hundemarke identifiziert ihn als „Therapiehund Nr. 222“.

Das Wesen des Hundes sei ausschlaggebend, nicht die Rasse

Sein Frauchen, Jutta Ulrich, arbeitet in der Küche des Altenheims in Gschwend. Sie kam, nachdem ihre Kinder aus dem Haus waren, auf den Hund. Ein Labrador soll’s sein, fand ihr Mann. Kira zog als Welpe bei Ulrichs in Kaisersbach-Cronhütte ein. Jutta Ulrich absolvierte bei der Interessengemeinschaft Therapiehunde mit Kira nach der erfolgreich abgelegten schriftlichen und theoretischen Prüfung die Ausbildung zum Therapeuten. Die Voraussetzungen bei dem Vierbeiner sind anziehende Eigenschaften wie Freundlichkeit, Nervenstärke, Gehorsam, Belastbarkeit. „Die Beziehung zwischen Hund und Herrchen muss passen“, sagt Jutta Ulrich. Vor der Ausbildung wird der Hund einem Eignungstest unterzogen. Das Wesen des Hundes sei ausschlaggebend, nicht die Rasse. Ein Hundebesitzer mit therapeutischen Ambitionen sollte unbedingt Freude im Umgang mit Mensch und Tier haben und bereit sein, sich ehrenamtlich einzusetzen. Kiras Frauchen hat es zweifelsohne. Sie freut sich über „ihre“ Alten, die lächelnd dasitzen, Kira kraulen und die freudige Atmosphäre in ihrem Aufenthaltsraum genießen. An diesem trüben Mittwochvormittag ist Kira in der Seniorenheimat Schuppert nicht allein.

Paddy schmust gerne

Gabi Newman – sie arbeitet in der „Behüteten Station“, der für Demenzkranke in dem Altenheim – hat Paddy mitgebracht. Von seinem Huskie-Elternteil hat er das Fell geerbt, in das sich auch an diesem Vormittag viele Hände vergraben. „Die Wirkung von Paddy ist phänomenal“, sagt Gabi Newman. Behutsam greift sie die zur Faust verkrampfte Hand einer Seniorin. Bei der Berührung in Paddys Fell lösen sich langsam ihre Finger, ihr Körper entspannt sich sichtbar. Drei Mal wöchentlich besucht Gabi Newman die Demenzkranken. Denen scheint der Hund wichtiger als die Pflegerin zu sein. „Demenzkranke“, erklärt sie, „sind empfindsam. Wie Kinder spüren sie die Befindlichkeit von uns Erwachsenen – und Paddy ist ein Schmuser.“ Und einfühlsam obendrein. So hat Gabi Newman beobachtet, wie sich Paddy so lange an einen traurig wirkenden Menschen angeschmiegt hat, bis er ihn krault, sich ablenken lässt. Allerdings gibt es auch Tage, an denen Paddy eine Auszeit nimmt und sich weigert, Frauchen nach Gschwend zu begleiten. Natürlich darf er dann zu Hause bleiben – ohne gelben Schein. Auch Kira braucht ihren Feierabend. „Nach vier Stunden ist sie platt“, sagt Jutta Ulrich. Gestreichelt werden und nett sein kann emotionaler Stress bedeuten und ist damit eine echt harte Arbeit.
 

Tiergestützte Therapien

Therapie Tiergestützte Therapieverfahren sind alternativmedizinische Behandlungsmethoden zur Heilung oder Linderung der Symptome bei psychiatrischen und neurologischen Erkrankungen und Behinderungen, bei denen Tiere eingesetzt werden. Je nach Tierart wird tiergestützte Therapie in verschiedenen Einsatzgebieten praktiziert. Es gibt Angebote mit Delfinen, Hunden, Katzen, Pferden und Lamas.

Hippotherapie Speziell ausgebildete Pferde werden zur Physiotherapie eingesetzt, im Haller Sonnenhof beispielsweise.

Hundgestützte Therapie Die hundgestützte Therapie wird von ausgebildeten Fachkräften aus den Bereichen Therapie, Pädagogik, Soziales oder Medizin mit einer Fortbildung zum tiergestützten Therapeuten angewandt. In Bereichen, in denen keine oder nur minimale Verbalkommunikation etwa bei Sprachstörungen möglich ist, gilt die hundgestützte Psychodiagnostik bei ihren Anwendern als besonders effektiv.

Delfintherapie Die Delfintherapie ist eine umstrittene Therapieform ohne wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis. Sie soll besonders Kindern mit mentalen, körperlichen, vor allem aber mit seelischen Behinderungen helfen.

Lamatherapie Die Lamatherapie kann bei Menschen mit einer Behinderung, bei denen eine psychische Erkrankung vorliegt, Anwendung finden, ebenso bei Suchtkranken, bei einer Traumatisierung oder einer Verhaltensauffälligkeit.

Ob die Krankenkasse eine tiergestützte Therapie unterstützt, ist jeweils im Einzelfall abzuklären.

 

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