Fichtenberg und Proszowice (2): Die Basis

Bis an das Tor zur Ewigkeit

Krakau.  Ein wichtiges Element der Beziehungen zwischen Fichtenberg und Proszowice ist das Bruder- Albert-Heim in Proszowice. Dort herrscht heute eine Normalität, die lange nicht selbstverständlich war.

Petersilienwurzelsuppe und Palatschinken mit frischem Salat hat Lee-Elisabeth Hölscher-Langner zubereitet, gegessen wird ungezwungen im Arbeitszimmer ihres Mannes Dr. Laurids Hölscher, dem ehemaligen deutschen Konsul in Krakau. Hölscher-Langner war einst Schauspielerin, ist eine glühende Humanistin, eine vorzügliche Köchin dazu, und eine, wie man heutzutage so schön sagt, taffe Dame mit einem großen Herz. Mit der Gemeinde Fichtenberg ist sie über das Bruder-Albert-Heim in Proszowice verbunden. Es handelt sich um eine von der polnischen Caritas getragene Tagesstätte für Kinder mit Behinderung, in der auch Obdachlose versorgt werden. Der Freundeskreis Proszowice unterstützt das Heim seit mehr als zehn Jahren - und er werde das auch weiterhin tun, erklärt Prof. Dr. Theo Simon während des Treffens.

Hölscher-Langner hat in den Neunziger Jahren begonnen, sich um alleinstehende ehemalige KZ-Häftlinge zu kümmern. Deren Lebensumstände waren katastrophal, bisweilen von unermesslicher Tragik. Anfangs, berichtet Hölscher-Langner, seien sie immer wieder zu spät gekommen - die Menschen waren einsam verhungert und verdurstet. "Sie" sind in diesem Zusammenhang junge freiwillige Helfer aus Deutschland und Polen, die über die Organisationen und Initiativen "Zeichen der Hoffnung", "Aktion Sühnezeichen" und "Christen für Europa" vermittelt wurden. Diese jungen Leute übernahmen die Betreuung dieser Menschen - "bis an das Tor zur Ewigkeit", sagt Hölscher-Langner. Wenn Not am Mann war, nahmen sie und ihr Mann die Sterbenden in ihrem Haus auf.

Hölscher-Langner und ihr Mann halfen selbstlos und - diplomatisch. Missstände offen anzuprangern wäre für die Polen überaus verletzend gewesen, sagt sie, zumal die Kritik von deutscher Seite gekommen wäre. Ihr offenes Handeln aber zeigt bis heute Wirkung.

1998 hörte Hölscher-Langner erstmals von den 200 behinderten Kindern von Proszowice. Nach offizieller Lesart wurden sie geschädigt, als ihre schwangeren Mütter bei der Kohlernte arbeiteten - was Hölscher-Langner bezweifelt. Die Kinder lebten vergessen, oft schamvoll verschwiegen, bei ihren Eltern; eine qualifizierte Betreuung war kein Thema. Sie habe keine Hemmungen gehabt, ihre Autorität als Gattin des Konsuls auszuspielen, sagt Hölscher-Langner. Sie fuhr hin, verlangte kategorisch, die Kinder sehen zu dürfen, herzte und küsste sie - und wurde von einem Arzt gewarnt, sie könne sich anstecken.

Während sich in Deutschland, nicht zuletzt als Resultat der grauenhaften Geschichte, in den letzten Jahrzehnten ein integratives Fürsorgeselbstverständnis entwickelt hat, gab es in dem Polen, das nach dem Zusammenbruch des Sozialismus aufgebaut wurde, für Menschen mit Behinderung zunächst keinen Platz, kein Geld, keine Strukturen und nur wenig Verständnis - einer jungen Frau mit vier Kindern, von denen drei behindert geboren worden waren, wurde erklärt, dies sei das Kreuz, das sie zu tragen habe, berichtet Hölscher-Langner.

Das offene Europa sorgte für Veränderungen. Es sei ein "Zeichen des Himmels" gewesen, als die Fichtenberger Niels Hueck und Franz Topp genau in jener Zeit unvermittelt bei ihr auftauchten und fragten, ob und wie sie helfen könnten, sagt Hölscher-Langner. Zunächst mit den polnischen Roten Kreuz, dann mit der polnischen Caritas begann der Aufbau des Bruder-Albert-Heims, wieder halfen Freiwillige aus Deutschland mit. Heute ist ist es ein schmuckes, modern eingerichtetes Gebäude in zentraler Lage, in dem die Kinder versorgt und betreut werden. Und in dem der Proszowicer Bürgermeister Jan Makowski und seine Gemeinderäte gerne und selbstverständlich ihre Gäste aus Fichtenberg empfangen und bewirten.


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Autor: RICHARD FÄRBER | 04.10.2011

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