Als das Publikum aufs Dach stieg

Eva und Gerd Daiß haben den "Musikwinter" in Gschwend von Anfang an begleitet. Beide waren und sind stark ins Organisatorische eingebunden, auch in die Programmplanung.

Eine Ausstellungsidee für ein Hallenbad stand am Anfang von Gerd Daiß Engagement beim Musikwinter. Das war 1987. Er und Martin Mühleis kannten den 1983 gestorbenen Maler Peter Jakob Schober. Zum 90-jährigen Geburtstag wollten sie eine Ausstellung mit seinen Werken organisieren. Die standen in seinem Atelier im Haus in Billensbach noch unkatalogisiert.

Einmal im Jahr wurde im Gschwender Hallenbad das Wasser abgelassen. Die Idee war, in dieser Zeit die Ausstellung dort stattfinden zu lassen. Um das Becken herum sollten die Bilder zu sehen sein. Im Becken war eine Art Café geplant. Musikveranstaltungen um das Café sollten die Veranstaltung ergänzen.

Der Gemeinderat lehnte das Ansinnen mit einer Stimme Mehrheit ab. Übrig blieben die Musikveranstaltungen, die man nun im "Ochsen" und in der Gemeindehalle stattfinden ließ. Daraus war der eigentliche Musikwinter entstanden.

Die Ansprüche seien höher geschraubt worden, so Eva Daiß. Ihr und den anderen Machern war es ein Anliegen, Leute von außerhalb auf das Land zu holen. Dahinter steckte die Vorstellung, die Menschen auf dem Land an Kunst heranzuführen. Deshalb gab es anfangs auch noch eine Finanzierung über Spende statt Eintritt.

Durch eine frühere Mitarbeit bei einem Münchner Plattenlabel waren Kontakte vor allem zu Jazzmusikern entstanden, darunter Eberhard Weber. Der machte bei "Jazz und Lyrik" mit. Lehrer Lothar Schumacher rezitierte Hermann Hesse, und Eberhard Weber improvisierte dazu auf dem Kontrabass.

Als Jan Garbarek in der Gemeindehalle auftreten sollte, kamen die Musikwinter-Veranstalter allerdings an die Grenze des großzügigen "Spende statt Eintritt". Viele Garbarek-Fans mussten vor der Halle bleiben. Einige waren verärgert auf das Dach gestiegen und trampelten dort während des Konzerts herum. Um den Andrang zu kanalisieren, wurde danach ein Pfandscheinsystem eingeführt.

Einige Engagierte wollten auch sonst mehr Struktur in die Veranstaltungsreihe bringen. Dazu gehörte die Gründung eines Vereins sowie nach einer Weile die Suche nach einem Gebäude. Das war das unter Denkmalschutz stehende Ensemble des heutigen Restaurants "Herrengass" und des "Bilderhaus"-Gebäudes. Beide Gebäude waren vom Gemeinderat für den Abriss vorgesehen - trotz Denkmalschutz. Ein Supermarkt sollte Einzug halten. Martin Mühleis und Gerd Daiß sahen das als Herausforderung. Mühleis kaufte die beiden Gebäude. Sie wurden renoviert, zunächst von Mitarbeitern der von seinem Vater geerbten Baufirma und danach durch Engagement der Vereinsmitglieder.

Vom Programm her wollte man Schwerpunkte setzen. So wurden Länder kulturell näher betrachtet oder etwa Instrumente. Das betraf besonders die Konzerte mit klassischer Musik. Sabine Meyer stellte die Klarinette musikalisch vor, Albrecht Mayer die Oboe, Ludwig Güttler die Trompete, Kim Kashkashian die Viola, Robyn Schulkowsky Perkussionsinstrumente.

Es gab die Dekaden: eine Reihe, die sich mit jeweils zehn Jahren im 20. Jahrhundert beschäftigte. Dafür wurde sogar ein heute noch existierender und für Interessierte offener Lesekreis gegründet. Eine Rendezvous-Reihe für, so Eva Daiß, "neugierige Erwachsene" wurde ins Leben gerufen, in der Referenten Themen aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchteten.

In der Anfangszeit gab es viel Skepsis von Journalisten und Künstlern. Ein FAZ-Mitarbeiter fragte, ob das etwas Seriöses sei. Der Jazzmusiker Joey Baron war mit seiner Band völlig erschöpft in die noch leere Gemeindehalle gekommen und fragte nur: "Glaubst du wirklich, da kommt heut jemand? Wo sollen die Leute alle herkommen?"

Aber sie kamen - wie auch weitere Jazzer: Charles Lloyd, Charlie Haden, Dave Holland, Renaud Garcia-Fons, Don Byron oder Gerardo Nu·ez, mit dem man extra eine Formation für den Musikwinter zusammengestellt hatte.

Viele Gäste waren begeistert. Joachim Gauck fand, dass die Bilderhaus-Idee beispielhaft für ganz Deutschland sei und verzichtete auf sein Honorar, auch Antje Vollmer.

Der Schriftsteller Peter Turrini sei über das Werkstattgespräch mit ihm total begeistert - und darüber, dass nicht wie befürchtet irgendwelche Bankdirektoren vor ihm gesessen waren. Die Rückmeldungen vom Publikum seien bisher auch toll gewesen, meint Eva Daiß, Mitglieder aus Gesangvereinen etwa seien vom Hillard Ensemble völlig begeistert gewesen. Ralf Snurawa


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06.03.2010

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