125 Jahre "Krankenstation" und soziale diakonische Dienste in Fichtenberg

Mit einem Gottesdienst in der Kilianskirche wurde am Sonntag an das 125-jährige Bestehen der ehemals unter dem Begriff "Krankenstation Fichtenberg" bekannten sozialen Einrichtung gedacht.

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Sie setzen ein umfangreiches Erbe fort: Mitarbeiter der Diakonie-Station Fichtenberg im Jubiläumsjahr mit Pfarrerin Ursula Baxmaier (rechts) und Pfarrer Hans-Joachim Lenke vom Diakoniewerk Schwäbisch Hall (Vierter von rechts).  Foto: 

"Wir sind froh, dass auch noch heute Menschen für andere Verantwortung übernehmen", sagte Pfarrerin Ursula Braxmaier. In der nur mäßig gefüllten Kirche erinnerte die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes, Schwester Margarete Mühlbauer, an die Anfänge der Diakonie vor mehr als 100 Jahren. Schon damals hatten die Angehörigen pflegebedürftiger Menschen aufgrund des Arbeitslebens oft keine Möglichkeit, sich um die Kranken zu kümmern.

So sei es vorgekommen, dass diese sich selbst überlassen worden seien: "Nicht gewaschen, nicht verbunden oder mit Nahrung versorgt." Als Reiseprediger habe Pfarrer Hermann Faulhaber das Elend erkannt und gründete die Fränkische Diakonissenanstalt, die am 1. Februar 1886 eröffnet worden sei. Fichtenberg sei nach Langenburg, Dörzbach und Hall die vierte Station gewesen.

Gelebte Christenpflicht

Drei Jahre später habe der Fichtenberger Pfarrer Wilhelm Keerl Kontakt zum Haller Diakonissenhaus aufgenommen und um eine Gemeindeschwester für die "Diakonissenstation Fichtenberg" gebeten. Die war seinerzeit ziemlich groß: Fichtenberg, Viehhof, Hofloch, die Stöckenhofer Sägmühl, Waldeck, Diebach, Buschhof, die Ehrlenmühle, der Gehrhof, Michelbächle, Kleehaus, Mittelrot, Ölhaus, Reute, Kronmühle, Rauhenzainbach, Viehhaus, Glattenzainbach, Vorder- und Hinter-Langert, Plapphof, Dappach und das Wörbelhöfle gehörten dazu - und mussten von der Schwester sämtlichst per pedes erreicht werden. Fichtenberg besaß damals zwar eine Eisenbahnstation, aber weder Arzt noch Apotheke.

1912/1913 pflegte die Gemeindeschwester 234 Menschen in diesem Sprengel. Ein Fahrrad sei ihr erst in den 30er Jahren vom Mutterhaus gestattet worden. Zuvor sei es als unsittlich verboten gewesen. Ein Mofa für 544 Mark wurde sogar erst in den 50er Jahren angeschafft.

1900 sollte Station aufgelöst werden

Dabei ging so manche Rechnung nicht auf. In den Anfängen der Diakonissenstation hatte Pfarrer Faulhaber noch damit kalkuliert, dass die Menschen aus Dankbarkeit genug spenden, um die Diakonissin bezahlen zu können. Aber die Rechnung ging nicht auf und so musste die Gemeinde jährlich 500 Mark ans Mutterhaus zahlen. Offenbar fehlte es der Gemeinde an Barem, denn Schwester Margarete berichtete, über Fichtenberg habe das Damoklesschwert der Schließung geschwebt: "1900 wurde sogar angekündigt, die Station aufzulösen, falls Fichtenberg seiner Zahlungsverpflichtung nicht nachkomme."

Heute sind es oft die Gesetze, die es einem Laien schwer bis unmöglich machen, zu erkennen, wann ihm Hilfe zusteht und wo er sie erhält, berichtete Schwester Andrea vom Pflegeteam Rottal-Kochertal über die aktuellen Problemen. Ihr Team betreut als eines von insgesamt vier der kirchlichen Sozialstationen derzeit etwa 90 Menschen: "Wir sind in den vergangenen Jahren nicht nur mehr Helfer, sondern als Pflegefachkräfte immer mehr zum Berater und Sozialarbeiter geworden." Beratungen zu Leistungen der Pflegeversicherung und Krankenkasse gehörten ebenso zum Aufgabenfeld wie die Beachtung zahlreicher gesetzlicher Vorschriften bei der Einsatzplanung und Mitarbeiterführung.

Dennoch sei aber - trotz aller Veränderungen - Grundlegendes geblieben: "Unser gemeinsames Anliegen von Kirche und Diakonie ist immer noch dasselbe wie im 19. Jahrhundert und gewinnt besonders in diesen Zeiten, in denen viele Menschen weniger mit Kirche anfangen können, mehr an Bedeutung."

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