LEITARTIKEL · VETTEL: Komet mit Bodenhaftung
Affären-anfällig ist das Promi-Leben. Poker-Face Boris Becker etwa kann das "Besenkammer-Lied" anstimmen. Oder der Fußball-Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus: Bei dem interessant-polyglotten Franken, der sich in Deutschland häufig missverstanden fühlt, weiß man nicht so recht, ob er das weibliche Begleitpersonal schneller wechselt oder den zu trainierenden Verein. Zur Wiesn-Zeit auf dem Münchner Oktoberfest war Dessous-Model Joanna Lothars Herz-Dame, offen ist, ob dies gestern Abend bei Redaktionsschluss auch noch der Fall war.
Nun ist Sebastian Vettel noch nicht einmal halb so alt wie der 50-jährige Matthäus. Aber der 24-jährige Red-Bull-Pilot, der morgen im japanischen Suzuka zum jüngsten Doppel-Weltmeister der Formel-1-Geschichte werden kann, behält die Bodenhaftung trotz seines überfliegerischen Talents. Schon Platz zehn genügt dem Heppenheimer zum zweiten WM-Coup, diesem einzigartigen Bravourstück. Wohlgemerkt: Der Große Preis von Japan ist das fünftletzte Rennen der Saison. Vettel ist trotz seines kometenhaften Aufstiegs der natürliche Lausbub von nebenan geblieben - zumindest bis zum heutigen Tag -, obgleich gerade in der skandalträchtigen, milliardenschweren Welt der Formel 1 ein Fettnäpfchen neben dem anderen wartet.
Top-Models reißen sich um die Pole-Position auf dem Laufsteg der "Königsklasse des Motorsports", der auch als ein Matthäus-Paradies durchgehen könnte. Doch Sebastian Vettel vertraut seiner langjährigen Freundin Hanna aus gemeinsamen Schultagen. Zu Rennen nimmt er sie höchst selten mit, weil dies nur vom Job ablenke, erklärte der Blondschopf. Stattdessen ist Vater Norbert fast immer an seiner Seite.
Während Fußballer sich heutzutage bereits in der Landesliga einen Spielervermittler leisten, hat Sebastian Vettel 2008 sogar das Angebot des Schumacher-Managers Willi Weber ausgeschlagen, der versprach, ihn zum Millionär machen zu wollen. Der Jungspund vertraut bis heute seinem Vater - und das mit Erfolg. Die Geldmaschine läuft auch ohne einen Manager. Im Augenblick verhandeln die Vettels über eine vorzeitige Vertragsverlängerung bei Red Bull, dem Rennstall des österreichischen Brause-Milliardärs Dietrich Mateschitz, sogar bis zum Jahr 2016. Hintergrund: Ab 2014 wird in der Formel 1 mit Sechszylinder-Motoren gefahren. Mit der Reduzierung um zwei Töpfe entsteht eine besondere Herausforderung für Fahrer und Teams. Dass Vettel und Red Bull-Renault sich mit solchen technischen Neuerungen arrangieren können, haben sie mehrfach bewiesen. Ein Beispiel: Als Kers erlaubt wurde, ein System zur Rückgewinnung der Bremsenergie, verzichtete man bei Red Bull auf einen Einsatz und war dennoch am schnellsten, weil das Gesamtpaket einfach passte. Eine schallende Ohrfeige für die Konkurrenz.
Obwohl er rein fahrerisch bereits im vergangenen Jahr die Dominanz hatte, wie unter anderem zehn Pole Positions belegen, ging der WM-Gewinn dennoch beinahe schief, weil sich Vettel noch zu viele Fehler erlaubt hatte. Aus denen hat er die richtigen Lehren gezogen. Das beeindruckt auch die Rivalen der Rennbahn, schließlich hatte Vettel erst beim Großen Preis von Indianapolis in den USA 2007 in der Formel 1 debütiert und gleich den ersten WM-Punkt geholt. 75 Starts später nun wird er morgen wohl zum zweiten Mal Weltmeister. Welch eine Motorsport-Karriere im Raketen-Tempo, die mit ein Garant dafür ist, dass die TV-Quoten bei RTL wieder kräftig steigen.
Wie dies der 24-Jährige alles verkraften wird? Bleibt Sebastian Vettel seinem Weg treu, umkurvt die Fettnäpfchen und öffnet keine Besenkammern, dann muss einem nicht bange sein um den Lausbub aus Heppenheim. THOMAS GRUBER
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Autor: SWP | 08.10.2011
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