„Fahrverbote allein bringen es nicht“

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Johannes Schmalzl ist neuer Geschäftsführer der IHK Stuttgart. Am Montag wird er offiziell ins Amt eingeführt.  Foto: 

Johannes Schmalzl wird am Montag offiziell als neuer Hauptgeschäftsführer der IHK Region Stutgart eingeführt. Seine Wahl war in der Vollversammlung umstritten. Im Interview äußert er sich zum Umgang mit den Kammerrebellen der Gruppe Kaktus und deren Positionen. Er ist skeptisch gegenüber Fahrverboten zur Luftreinhaltung.

Herr Schmalzl, wenn Sie jetzt als Hauptgeschäftsführer offiziell loslegen, was steht als Erstes an?

Johannes Schmalzl: Ich bin kein  Freund von solchen Regierungsprogrammen. Es geht um Inhalte, die sowieso auf der Agenda stehen. Zuvorderst das Thema Ausbildung. Wir müssen schauen, dass wir gemeinsam genügend Auszubildende für unsere Betriebe finden. Die Digitalisierung spielt beim Fachkräftemangel eine Rolle, aber auch beim Thema, wie die Unternehmen in die digitale Phase hinüber kommen.

Was sind die größten Herausforderungen der nächsten Jahre?

Beim Thema Ausbildung bin ich zuversichtlich, dass wir es schaffen, dem Trend zu trotzen und weiterhin genügend Auszubildende für unsere Unternehmen finden werden. Dazu müssen wir uns aber gewaltig anstrengen. Da müssen wir auch in die Schulen gehen.

Zu welchem Zweck?

Wir müssen den jungen Leuten zurufen: „Im Zweifel fährst du mit einer guten betrieblichen Ausbildung besser als mit einem zu theoretischen Studium.“

Sie halten also wenig vom Studium?

Ich glaube, es gibt viele Politiker, die den Bologna-Prozess und die weltweite Tendenz zur Akademisierung als sehr kritisch einstufen. Ich teile diese Grundskepsis bei aller Wertschätzung für ein Studium. Wir müssen uns überlegen, wie wir noch genügend junge Leute in die Betriebe bekommen. Da spielen die Eltern eine große Rolle. Wir müssen über die Elternabende in allgemeinbildenden Gymnasien für eine berufliche Ausbildung werben können. Viele wissen gar nicht, wie weit man im Leben mit einer guten dualen Ausbildung kommen kann.

Wie steht’s bei der Digitalisierung?

Wir brauchen schnelles Internet in der Fläche. Wir wollen nämlich dem weltweiten Trend zur Verstädterung nicht auch noch dadurch Vorschub leisten, dass die Gewerbetreibenden ihre Betriebe wegen einer schlechten Internetanbindung in die großen Städte verlagern müssen.

Und in den Betrieben?

Wir haben eine große Bandbreite bei 160 000 Mitgliedsbetrieben in der Region. Wenn wir die kleinen und mittleren Betriebe anschauen, stellen wir fest, dass wir da die größte Aufgabe haben, nicht nur zur Vernetzung beizutragen, damit man voneinander lernt, sondern tatsächlich auch hervorragende Beratung zu bieten. Viele können die Herausforderung für ihr Unternehmen noch nicht genau einschätzen.

Sie sind skeptisch gegenüber Fahrverboten zur Luftreinhaltung?

Mit dem Thema hatte ich schon als Regierungspräsident zu tun. Ich glaube, die Erkenntnis ist vorhanden, dass man nur mit einem Bündel von Maßnahmen auch die Ziele erreichen kann. Ich möchte daran erinnern, dass wir beim Thema Feinstaub einen Weg des Erfolgs hinter uns haben.

Inwiefern?

Es gibt nur noch eine Messstation in Stuttgart, an der die Grenz­werte überschritten werden. Und bei den Stickoxiden sind wird abhängig von der Entwicklung der Technologie. Wichtig ist der IHK, dass man das Thema nicht nur lokal betrachtet, sondern dass man den regionsweiten Ansatz auch sieht. Fahrverbote alleine bringen es nicht. Wie sollen Arbeitnehmer zum Arbeitsplatz kommen, wenn immer wieder das S-Bahnsystem zusammenbricht.

Ihre Wahl war umstritten. Die Gruppe Kaktus störte sich am Auswahlverfahren bei der Suche nach dem Nachfolger von Andreas Richter und bremste den ersten Wahlversuch.

Ich kann es nur als Betroffener sehen. Ich habe das Verfahren als fair empfunden. Personalangelegenheiten werden nun einmal im vertraulichen Kreis beraten.

Werden Sie mit dem Kammerrebbellen das Gespräch suchen?

Ja natürlich. Dass man die Mitgliedsbetriebe der Vollversammlung rasch kennen lernen möchte, das habe ich immer signalisiert. Da gehören die Mitglieder der Kaktusgruppe dazu.

 Werden Sie die Positionen der IHK differenzierter darstellen?

Dazu sind wir verpflichtet. Das ist etwas, was ich als Regierungspräsident quasi mit der Muttermilch aufgesogen habe. Wenn es in der Vollversammlung unterschiedliche Ansichten zu einer Fachfrage gibt, werden wir das auch so kommunizieren.

Bereuen Sie, nach Stuttgart gewechselt zu sein, nachdem möglicherweise Ihre FDP-Parteifreunde im Bund den Finanzminister stellen werden?

Ach Gott, überhaupt nicht. Das war die richtige Entscheidung. Ich möchte mich mit voller Kraft auf diese Herausforderung konzentrieren, obwohl ich natürlich meine Aufgabe im Bundesfinanzministerium vermisse.

Sie haben angekündigt, dass Ihr Gehalt offengelegt werden kann ...

Ich habe zugestimmt, dass mein Gehalt veröffentlicht werden kann. Es war immer öffentlich, seit ich in den Landesdienst eingetreten bin. Es zu veröffentlichen, ist nicht meine Aufgabe als Betroffener, sondern die der IHK-Präsidentin Marjoke Bräuning und des Präsidiums. Das wird auch geschehen.

Beruf Der Jurist Johannes Schmalzl war von 2008 bis 2016 Regierungspräsident des Regierungsbezirk Stuttgart. Nachdem die grün-schwarze Landesregierung das FDP-Mitglied in den vorzeitigen Ruhestand versetzte, arbeitete er seit Oktober 2016 als Ministerialdirektor im Bundesfinanzministerium. Er wurde im Mai 2017 zum Hauptgeschäftsführer der IHK Region Stuttgart gewählt.

Privat Der 52-jährige Schmalzl ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt im Kreis Böblingen.

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