Schweigen in allen Sprachen

Missbrauchsopfer haben geredet. Nun stoßen sie auf neues Schweigen. Das ist die Erfahrung von Katharina B., die seit acht Jahren ein Notruf-Telefon für Opfer sexueller Gewalt von Kirchenmitarbeitern betreibt.

ELISABETH ZOLL |

Es ist ein extrem harter Kontrast: Die Gemütlichkeit, die jeder Winkel des verwunschenen Häuschens ausstrahlt, und die Sätze, die in diesen Räumen gesprochen werden. Hier, tief in der bayerischen Provinz, prallen Welten aufeinander. Ausgerechnet dort, wo die Grenzen zwischen Gut und Böse scheinbar noch jedermann bekannt sind, finden menschliche Tragödien Worte, die schlimmer nicht sein könnten. "Was die Kirche Menschen angetan hat, habe ich erst durch meine Arbeit voll und ganz erfahren." Katharina B. nennt sich die Frau, die seit acht Jahren für die kirchliche Laienbewegung "Wir sind Kirche" ein Notruf-Telefon für sexuell Missbrauchte betreut. Schon in dieser Zeit schwappte eine Welle von Missbrauchsskandalen in den Kirchen über das Land. Berührt hat das damals wenige, Konsequenzen daraus gezogen wurden so gut wie keine. Die Berichte von Betroffenen wurden ausgesessen, Hilfen oft genug verweigert. Nur die Laienorganisation schaltete einen telefonischen Beratungsdienst. "Wir dachten für Kinder, die sich übergriffiger Pfarrer und kirchlicher Mitarbeiter nicht erwehren können." Doch es rufen ganz andere Menschen an.

"Darf ich Ihnen etwas erzählen." "Mir ist auch etwas passiert. . ." Dutzende Male hat Katharina diesen Satz allein in den vergangenen Monaten gehört. "Die neue Welle ist wie ein Unwetter über mich hereingebrochen." Seit im Januar in Berlin der Jesuitenpater Klaus Mertes das Thema Missbrauch in der katholischen Kirche öffentlich angesprochen und die Opfer gebeten hat, sich zu äußern, stand auch bei Katharina B. an manchen Tagen das Telefon nicht mehr still. "Ich brauchte gar nicht mehr zu kochen. Dafür blieb keine Zeit mehr."

Der durchdringende Klingelton des Notrufes plärrt: "Bin ich bei Ihnen richtig?" Menschen - nun vermehrt Männer - im Alter von 50 bis 70 Jahren ringen dann um Worte. Sie versuchen das Unfassbare aus Kindertagen in Sätze zu fassen. Die meisten haben zuvor noch nie über ihre Erlebnisse gesprochen. Auch nicht die heute 86-jährige Frau, die 80 Jahre nach der Katastrophe ihres Lebens, Katharina erstmals erzählte, was ihr als Mädchen widerfahren ist. Nichts hatte sie vergessen in all dieser Zeit. Nicht die Kirche, in die sie ihre Mutter ein bis zwei Mal die Woche geschleppt hat, nicht die Gesichter der sechs Pfarrer und Kapläne, die dort auf sie warteten, nicht der Tisch im Nebenraum der Kirche, auf den sie gelegt wurde, nicht die jahrelangen Vergewaltigungen - und auch nicht, dass ihre Mutter jedes Mal, wenn sie das Mädchen abholte, einen weißen Umschlag nach Hause trug.

Es sind furchtbare Erlebnisse, von denen Katharina hört. "Die Mehrzahl der Anrufer berichtet Grauenhaftes. Mein Vorstellungsvermögen reichte dafür nicht aus." Dabei war die 68-jährige Katharina auf einiges vorbereitet. Während ihres Dienstes in einer großen Universitätsklinik hat die gelernte Hebamme viel gesehen und auch als Notfallseelsorgerin in Krisensituationen. Doch auf diese Realität war sie nicht vorbereitet. "Die Palette der sexuellen Abartigkeiten habe ich erst von den Opfern gelernt."

Katharina hegt keinen Zweifel, dass das was am Telefon formuliert wird, auch geschehen ist. Zu ungelenk sei die Ausdrucksweise der Anrufer. "Vielen fehlt die Sprache für Sexualität." Worte wie "Vergewaltigung" und "Penis" kommen ihnen kaum über die Lippen. "Das ist nicht wie bei Jugendlichen von heute, die einen Wortschatz für Sexualität haben." Zudem ist der Notruf nicht kostenfrei. Das schreckt jene ab, die sich mit Schauergeschichten die Zeit vertreiben. Aber nicht unbedingt Täter. Auch sie rufen an. Sie wollen erklären und rechtfertigen, was sie Kindern angetan haben, erhoffen von der fremden Stimme vielleicht sogar eine Art Absolution. Katharina schaudert. Reumütige Täter habe sie nicht am Telefon. "Die sind sich ihrer Sache viel zu sicher." Sie kenne keinen Täter, der von sich aus seine Schuld bekenne. Auch nicht unter Priestern.

Eingeräumt werde der Missbrauch erst, wenn dem Täter im übertragenen Sinn das Messer an die Gurgel gesetzt wird. Dieser Dimension sei sich die Kirche oft nicht bewusst. Da werde auf Therapien für Täter verwiesen, dabei sei Pädophilie nicht heilbar. "Die Täter müssen in die Forensik und dort solange auseinandergenommen werden, bis sie kapieren, dass sie sich nie mehr alleine Kindern nähern dürften." Vom Ausschluss der Täter hält Katharina nichts. "Die Kirche hat diese Männer in Verantwortung genommen, ohne sich um deren Sexualität zu kümmern. Jetzt ist sie auch für sie verantwortlich."

Doch mit der Verantwortung ist das so eine Sache. Katharina glaubt nicht, dass die katholische Kirche die Ernsthaftigkeit des Problems wahrhaben will. "Inzwischen schweigt die Kirche schon wieder in allen Sprachen." Immer neue Hotlines würden geschaltet, ausdauernd werde auf den Runden Tisch verwiesen. Nicht willens sei man dagegen, Opferorganisationen an einen Tisch zu rufen und mit ihnen ehrliche Hilfen zu erarbeiten. "Warum ist es nicht möglich, dass in den Bistümern eine Handvoll Menschen ausgesucht werden, die bei entsprechendem Wunsch Opfer aufsuchen und mit ihnen sprechen und ihnen ganz pragmatische Hilfe anbieten?" Katharina: "Die Opfer wollen Resonanz auf ihr Sprechen." Vertröstungen schaffen nur "Racheengel".

Auf utopische Schadenersatzforderungen wie in den USA stößt Katharina B. bei ihren Gesprächspartnern selten. Die meisten Betroffenen wollen, dass man ihnen glaubt und ihnen klar macht, dass nicht sie, sondern die Täter schuldig sind. Viele hätten das Gefühl, als Kind versagt zu haben, ihr Leben lang mit sich herumgetragen. Oft wurden sie von den Tätern entsprechend manipuliert: "Du bist schuld, wenn wir erwischt werden." "Der liebe Gott will das so." Die Niedertracht kennt da keine Grenzen.

"Die Seelen dieser jungen Menschen wurden mit einem Schlag zerstört." Manche Kinder haben sich davon nie mehr erholt. "Viele Betroffene haben ihr Leben nicht gelebt." Sie haben ihre Gefühle ausgeschaltet, haben vielleicht funktioniert am Arbeitsplatz oder in der Familie. Doch selbst das ist nicht gewiss. "In vielen von ihnen ist ein immerwährendes Schreien von etwas", beschreibt Katharina die innere Not ihrer Gesprächspartner. Die Frau mit dem ungestümen, weißen Lockenkopf weiß wovon sie spricht. Zwischen 120 und 150 ausführliche Gespräche hat sie allein seit Anfang des Jahres geführt.

Es sind Anrufe, die oftmals ein bis eineinhalb Stunden dauern. Da wird geredet, gestammelt, geschwiegen, geweint. "Meine Aufgabe ist es den Menschen mit Empathie zuzuhören." "Die Seele streicheln", nennt das die Notfallseelsorgerin.

Juristische Beratungen oder Therapiegespräche führt sie nicht. "Ich kenne meine Schallmauer." Aber Tipps gibt sie, wenn ein Opfer beispielsweise eine persönliche Entschuldigung will. Manchmal stellt sie im Auftrag eines Opfers auch eine Verbindung zum zuständigen Bischof her. Ihre Erfahrungen damit sind durchaus gemischt. Sie erinnert sich an eine ungewöhnlich schnelle und unkomplizierte Reaktion des Beauftragten der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Stefan Ackermann, bei einem selbstmordgefährdeten Opfer. Aber auch daran, dass sie als anonyme Mittlerin mit dem Namen Katharina B., genau dort beim Sekretär gescheitert ist. Der war nicht einmal bereit, das Anliegen eines Opfers über eine dritte Person anzuhören.

Das sind Momente, in denen die gläubige Katholikin am Hochmut und an der Arroganz ihrer Amtskirche verzweifeln könnte. Ihren wirklichen Namen nennt Katharina B. aber selbst in diesen Momenten nicht. "Ich muss mein normales Leben weiterleben können." Trotz der furchtbaren Schilderungen und trotz der Unfähigkeit mancher Kirchenmänner, darauf endlich angemessen zu reagieren.

Info Notruf: 0180/3 00 08 62

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