Die Backen schwabbeln lassen: Bei „Aus voller Kehle“ ist das Publikum der Star: Ein Chorprojekt zum Mitsingen findet seine Gemeinde

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Nicht gesetzt„Aus voller Kehle“ ist kein Chorprojekt, sondern eine Verabredung zum gemeinsamen Singen. Man bezahlt fünf Euro Eintritt, sucht sich im Sudhaus-Saal einen Platz und wartet ab. Wie vor einem Konzert. Nur dass die Gruppe, die man erwartet, das Publikum ist und ich bin jetzt ein Teil davon. Der Saal ist fast voll, über 150 Singfreudige sind gekommen. Die meisten sind deutlich über 45 und auch wenn die Frauen in der Überzahl sind, sieht man erstaunlich viele Männer. Patrick Bopp fragt ab: die meisten sind zum ersten Mal hier.
„Fühlt euch frei, hier muss sich keiner schämen“, fordert er uns auf. Wir beginnen mit Einsingübungen: „Macht ein richtiges Kuhgesicht, das gibt dem Ton mehr Raum. Und jetzt müsst ihr die Backen richtig schwabbeln lassen.“ Der eine oder die andere wird froh sein, dass es im Saal halb dunkel ist.
Dann geht es los. „Take me home“ kennt hier jeder, wir klatschen uns selbst begeistert Beifall und stürzen uns voller Freude auf den nächsten Song, dessen Text auf der Leinwand erscheint. Noten gibt es keine. Udo Lindenberg wird mit dem „Sonderzug nach Pankow“ ein Ständchen zum 70. Geburtstag gebracht. „Hier ist es ganz wichtig, dass ihr den Mund nicht so weit aufmacht.“ Patrick Bopp gibt eine kleine Udo-Parodie zum Besten. Aber er bleibt im Hintergrund, leitet behutsam an, gibt ein paar Tipps und sorgt so dafür, dass dieser anarchistische Haufen im Laufe des Abends einen mehr als passablen Sound entwickelt.
Berührungsängste gibt es keine, der Mix ist wild und bunt und lustig, wir grooven uns ein. Auf „Shine like a diamond“ von Rihanna folgt „Die kleine Kneipe“ von Peter Alexander. Wir üben, das „r“ zu rrrrrollen, damit der Wiener Schmäh schön schmalzig rüberkommt: „Brrruno Brrraun brrrachte brrraune Brrrötchen.“ Dann ist Pause. Die Bar ist geöffnet, Bier rinnt durch durstige Sängerkehlen. Alle haben Spaß, alle sind wild entschlossen, sich zu amüsieren, alle mögen Patrick: „Es ist super, wie er die Leute abholt.“ Dazu kommen viele nostalgische Erinnerungen an alte Zeiten: „Das Lied habe ich vor dreißig Jahren zum letzten Mal gehört – aber eben war der ganze Text sofort wieder da.“
Die zweite Halbzeit startet schwärmerisch. Nach einem „Imagine“, das eigentlich ein paar Feuerzeugschwenker verdient hätte, vergessen wir vor lauter Ergriffenheit das Klatschen.
Auf das wunderbaren Rührstück folgt das Dschungelbuch. Die Affen rasen durch den Wald. Ich nehme eine Auszeit. So viel Schubidubidu schaffe ich nicht. Ich kann unmöglich meine ganze Kirchenchordisziplin so über Bord werfen. Aber das macht nichts. Nur Zuhören ist auch schön.
Zwischendurch wird es richtig schwierig. „Happy“ von Pharrel Williams ist anspruchsvoller als man denkt. Aber nachdem wir ein bisschen gübt haben, klingt es toll. Zu Erholung gibt es deutschen Schlager, der im Publikum eine erstaunlich große Fangemeinde hat. „Ich war noch niemals in New York... „ Hach! Man muss Udo Jürgens nicht unbedingt mögen, um seine Songs zu singen. Und Patrick Bopp versteht die Begeisterung für diese Sonderform deutschen Liedgutes: „Ihr dürft ruhig ein bisschen irre gucken!“ Ach, man hätte noch stundenlang weiter singen mögen.
Info: Der nächste Termin ist am 31. Mai um 20 Uhr im Sudhaus.