Gut gestimmt

Die Walcker-Orgel ist wegen der Reinigung des Pedalwerks eingerüstet. Kantor Friedemann Johannes Wieland aber kümmert sich auch um die Gründung der "Musikstiftung Ulmer Münster".

Auch Königinnen frieren. Die unmusikalisch kühle Temperatur von einem Grad Celsius muss die Orgel, die Königin der Instrumente, im Ulmer Münster trotzdem aushalten. Die Walcker-Orgel hat jedoch ein ganz anderes Problem: Noch nie seit dem Einbau von 1967 bis 1969 ist das Pedalwerk gereinigt worden, und es ist von nicht weniger als rund 1000 Pfeifen die Rede. Staub, Schmutz, Feuchtigkeit, Schimmelgefahr, nach 43 Jahren ist einiges zu tun - hörbar. Da zieht Kantor Friedemann Johannes Wieland zum Beispiel das Register Bombard 32 mit seinem Presslufthammer-Sound und tritt aufs Pedal, aber manche Pfeifen sprechen erst mit sekundenlanger Verspätung an - und manche gewünschten Töne erklingen gar nicht.

Und so sind nun die Orgelbauer im Münster am Werk, und zwar sichtbar: Seit vergangener Woche ist die große Walcker-Orgel aufwendig eingerüstet, mit einer doppelten Plattform, damit die Handwerker die Pfeifen in schwindelnder Höhe zur Reinigung auch ausbauen und ablegen können. Bis zur Karwoche sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Bis dahin wird auch die Orgel komplett gestimmt, was wegen der augenblicklichen Extremkälte und andererseits der globalen Erderwärmung mit oft ziemlich warmen Monaten (schon im April, Mai) nicht so einfach ist. Schließlich muss ein stabil schwingender Frequenzbereich (440 Hertz) fixiert werden.

Das alles kostet rund 80 000 Euro, wobei der Münsterbauverein einen großen Teil davon aufbringt. Münsterorganist Wieland, im dritten Jahr nun in Ulm und, wie er sagt, noch immer neue Klangfarben des Instruments entdeckend, freut sich schon auf das Ergebnis: "Dann weiß man wieder, wie die Orgel ursprünglich geklungen hat."

Wieland kümmert sich in diesen Wochen aber noch um ein ganz anderes Projekt: um die "Musikstiftung Ulmer Münster". Das großartig kathedralische Bauwerk zu erhalten, ist die eine Sache, es mit Leben zu erfüllen eine andere: Zu einem "Leben im Glauben und in der Musik!" etwa bekennt sich der Ulmer Generalmusikdirektor und Kirchenmusiker Timo Handschuh in einem Grußwort für die Werbebroschüre dieser Musikstiftung, die am 21. Juli, am Tag des Schwörkonzerts, feierlich gegründet wird.

Die Kirchenmusik am Münster leidet nämlich unter Sparzwang, zum Ende des vergangenen Jahres lief auch die befristete 0,5-Stelle von Steffen Mark Schwarz als Assistent Wielands aus. Ohne neue Mittel sei jedoch, so Wieland im Gespräch, das große, einer überregional beachteten Kirche angemessene Musik-Angebot nicht möglich - dazu gehörten 2011 zum Beispiel allein 436 Orgeldienste. Deshalb diese Initiative der Münstergemeinde: Aus den Zinsen der Musikstiftung, die auf einem Kapitalstock von 500 000 Euro fußt, solle die kirchenmusikalische Arbeit am Münster gefördert werden. Ein sehr ambitioniertes Ziel? Wieland berichtet von "sehr positiven Reaktionen" und davon, bereits ein Drittel des Geldes finanziert zu haben. Rund 100 000 Euro aus Eigenmitteln (Rücklagen, Zukunftsgroschen, eine Erbschaft) bringt die Kirchenmusik am Münster selbst auf.

Deren hohes Niveau lässt sich eben nicht nur halten, indem die Pfeifen der Orgel gereinigt werden.


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Autor: JÜRGEN KANOLD | 09.02.2012

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