Schwäbischer Schöpfer
Die Theaterei Herrlingen ohne Walter Frei? Undenkbar! Auf der kleinen Bühne hat er mehr als 30 Rollen gespielt. Die "Schwäbische Schöpfung" hat er gut 300 Mal gesungen. Am Montag wird Walter Frei 75.
Er ist ein Vollblutmime, ein Charakterdarsteller, der in unzähligen Rollen reüssierte, ein knorriger Typ, der einen immer wieder mit höchst feinsinnigen Einwürfen verblüfft. So einer muss doch schon sein Leben lang auf der Bühne stehen? Eben nicht - oder doch. Bei der Theaterei stieg Frei erst 1990 ein - mit 54 Jahren. Die Schauspielerei war aber schon immer sein Traum. Nach dem Abitur studierte er Theaterwissenschaften und nahm Schauspielunterricht, schwenkte dann aber aufs Lehramt um. Warum? "Ich hatte mich damals in meine spätere Frau verliebt, und deren Vater war ein schwäbischer Notar, der nicht sehr froh gewesen wäre, einen Schauspieler als Schwiegersohn zu bekommen."
Also Lehrer. Frei studierte Deutsch, Geschichte und Politik, leitete auch die Theatergruppe des Ehinger Gymnasiums, übernahm 1966 die Leitung der dortigen Volkshochschule und frönte seiner Leidenschaft für Literatur, organisierte Lesungen, gab selbst Rezitationsabende - bis 1978. Da wurde Frei ans Lehrerseminar nach Weingarten berufen, als Ausbilder für die Referendare.
Und die Theaterei? "Das war eher Zufall. Ich hatte ein Gastspiel der Theaterei in Ehingen gesehen. Danach kam ich mit Wolfgang Schukraft ins Gespräch." Und? "Ein paar Wochen später rief er mich an, ob ich nicht mal Regie führen wolle." Einfach so? "Nein, zuvor hatte sich Schukraft bei meinem Freund Karl-Otto Schöfferle über mich erkundigt." "Der Frei, der schwätzt so gscheit daher, versteht der was vom Theater?", soll Schukraft gefragt haben. Das Stück, das Frei für Schukraft in Szene setzen sollte, war Büchners "Leonce und Lena". "Ein wunderbares Stück, da kann kein Theatermann widerstehen", erzählt Frei. Und wie es bei kleinen Theatern eben so ist: Natürlich fehlte ein Darsteller für die Rolle des Königs. Die übernahm dann der Regisseur selbst. Der Beginn einer 21-jährigen Erfolgsgeschichte, in der Frei mehr als 30 Rollen spielte, aber auch acht Produktionen inszenierte.
"So ein kleines Theater ist ein Glücksfall, da spielt man Rollen, an die man in dieser Dichte in größeren Häusern gar nicht rankommt," schwärmt Frei. "Wir hatten auch das Glück, dass keine Produktion dabei war, die untergegangen ist." Seine Paraderolle spielte Frei mehr als 300 Mal: Jörg Ehnis Einmann-Inszenierung von Sebastian Sailers "Die schwäbische Schöpfung".
Die zweite Karriere startete der Gymnasiallehrer also erst mit 54. Bereut er nicht, erst so spät seine alte Leidenschaft verwirklicht zu haben? "Ich bereue gar nichts. Ich war sehr gerne Lehrer, ich habe auch gerne die Referendare ausgebildet." Aber als jugendlicher Liebhaber stand er nie auf der Bühne? "Gott sei Dank. Ich wollte das auch nie. Vielleicht war die unterbewusste Angst davor sogar einer der Gründe, warum ich als junger Mensch so schnell aufs Lehramt umgeschwenkt bin", sagt Frei. "Ein jugendlicher Liebhaber muss von sich überzeugt sein, selbstbewusst und siegessicher sein, das war ich aber nie. Ich bin eher ein schüchterner und zurückhaltender Mensch, schon damals wollte ich viel lieber Charakterrollen spielen."
Überhaupt: Frei liebt die Abwechslung, die ihm eine kleine Bühne wie die Theaterei ermöglicht. "Ich glaube, ein Schauspieler hat den Drang, etwas zu erleben. Auf der Bühne erlebt man Lebensläufe, die nie die eigenen sind. Das erfüllt mit Lebenslust", sagt der nun bald 75-Jährige, der aber noch nicht ans Aufhören denkt. "Ich mache weiter, solange es gut geht", sagt er - nicht nur als Schauspieler und Regisseur, sondern auch als Literaturkenner, der seine Leidenschaft in kundigen Lesungen und Rezitationen weitergibt. Und dann kokettiert Frei etwas: "Ich bin froh, wenn ich etwas zu tun habe. Ich bin zu fantasielos, um mich selbst zu beschäftigen." Na ja, wers glaubt . . .
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar
Autor: HELMUT PUSCH | 22.10.2011
| Artikel twittern |
|
|
MEISTGELESENE ARTIKEL
Zwischen Bachtal-Schönheit und Miss Deutschland
Sie ist Miss Bayern. Jetzt tritt sie auch bei der Wahl zur schönsten Frau Deutschlands an. Die Rede ist von Sarah-Lorraine Riek aus Syrgenstein. Ob sie nun die Krone ins Bachtal holt oder nicht – die 19-Jährige ist gewappnet.... mehr
Schwerer Vorfahrtunfall auf neuer Kreuzung bei Brenz
Weil eine Autofahrerin die Vorfahrt nicht beachtete, kam es am Dienstag zu einem verheerenden Unfall auf der neuen Bundesstraße 492: Die Unfallverursacherin wurde lebensgefährlich verletzt.... mehr
Motorradfahrer bei Streifzusammenstoß schwer verletzt
Illerberg Zu einem schweren Verkehrsunfall mit einem Motorradfahrer ist es am Sonntagmittag gegen 13 Uhr zwischen Illerberg und Witzighausen gekommen. Dieser war zwar lediglich an einem entgegenkommenden Auto vorbeigestreift, erlitt dabei jedoch schwere Verletzungen.... mehr
Familie muss ausziehen - Fünf Kinder in Wohnungsnot
Neu-Ulm Eine Alleinerziehende steht am 8. Juli mit ihren fünf Kindern auf der Straße, wenn sie keine Wohnung findet. Bisher ohne Erfolg, trotz professioneller Unterstützung der Wohnberatung der Neu-Ulmer Diakonie.... mehr
Amok-Alarm an Schule in Memmingen - Fahndung nach Täter läuft
Memmingen Amok-Alarm hat am Dienstagnachmittag ein 15-jähriger Schüler der achten Klasse in Memmingen (Bayern) ausgelöst. Der Junge hatte die Lindenschule, eine Grund- und Hauptschule, mit zwei scharfen Waffen betreten und mehrere Personen bedroht. Auch ein Schuss fiel.... mehr

ZURÜCK