Keiner muss draußen schlafen
Ulm. Bei Eiseskälte suchen Wohnungslose in Ulm vermehrt Schutz. Hilfseinrichtungen, Stadt und Polizei arbeiten zusammen, damit niemand draußen übernachten muss und sich auch tags aufwärmen kann.
Für Obdachlose, die zur Zeit im Freien übernachten, kann die Kälte lebensbedrohlich sein. Im Dezember 2009 erfror ein Wohnungsloser in der Friedrichsau, ein Jahr später einer in der Sedelhofgasse. Das soll sich in diesem Winter nicht wiederholen: Mit ihrem bewährten Konzept wollen Stadt, Polizei, das Deutsche Rote Kreuz (DRK) und andere Einrichtungen Obdachlose in Ulm vor dem Erfrieren bewahren. Denn die Stadt Ulm wird in einer landesweiten "Handreichung zum Erfrierungsschutz von Wohnungslosen" als vorbildlich gelobt.
Zum Konzept gehört, dass bei den derzeitigen Temperaturen kein Wohnungsloser abgewiesen wird. "Keiner muss draußen schlafen", versichert Barbara Beyer vom Fachbereich Bildung und Soziales der Stadt. Auch Übernachtungsverbote würden aufgehoben, solange die Kälte andauert. Die Bundespolizei toleriere den Aufenthalt von Obdachlosen sogar in der Bahnhofshalle, solange sie sich dort ruhig verhielten. Selbst für Obdachlose, die sich nicht von ihrem Hund trennen wollen, ihn aber aus hygienischen Gründen nicht ins Übernachtungsheim mitnehmen dürfen, gibt es eine Lösung: Tageweise können die Tiere in einem beheizten Zwinger im Tierheim untergebracht werden. Zu diesem Zweck hat die Polizei extra einen eigenen Schlüssel.
Manche Obdachlose wollen auch bei zweistelligen Minusgraden nicht ins Übernachtungsheim. Die 45-jährige Monika gehört dazu. Tagsüber häkelt sie in der Hirschstraße - auf dem Boden sitzend - Topflappen. Abends schläft sie in windgeschützten Geschäftseingängen. Wobei: "Man kann bei dieser Kälte gar nicht schlafen, das ist das Problem", sagt Monika. Ins DRK-Haus will sie nicht: "Wegen der Läuse." Seit drei Tagen habe sie niemand mehr angesprochen, nur einmal habe eine Frau sie zum Mittagessen in die Vesperkirche mitgenommen. "Hoffentlich bleibt es nur bis März kalt", sagt Monika.
Im DRK-Übernachtungsheim in der Frauenstraße gibt es durchaus gelegentlich Läuse, bestätigt dessen Leiterin Karin Ambacher. "Das bringt das Phänomen Wohnungslosigkeit leider manchmal mit sich." Dann reagiere man aber sofort mit Entlausungsaktionen. Ambacher versteht, dass es für manche Menschen eine Herausforderung ist, im Zwölf-Bett-Zimmer zu schlafen. In den letzten Tagen haben im DRK-Haus bis zu 34 Obdachlose pro Nacht Schutz vor der Kälte gefunden, sagt Ambacher. Damit sei das Haus bis an die Kapazitätsgrenze belegt. "Bei so vielen unterschiedlichen Menschen mit verschiedensten Problemen wird es schon schwierig, sowohl für die Gäste als auch für die Mitarbeiter."
Zehn Neuzugänge habe es aufgrund der Kälte innerhalb einer Woche gegeben, Notbetten mussten aufgestellt werden. Wenn der Platz nicht mehr ausreicht, könnten Obdachlose auch auf die städtische Unterkunft in der Römerstraße ausweichen, erläutert Ambacher. Wer aus persönlichen Gründen nicht ins Übernachtungsheim will, kann sich im DRK-Haus zumindest einen spendenfinanzierten Polarschlafsack abholen. "Die Schlafsäcke geben wir aber nur aus, wenn es wirklich nötig ist", betont Ambacher.
In der Caritas können sich Obdachlose tagsüber in der Teestube aufwärmen, sich selbst und Wäsche waschen und kostenlos frühstücken. "Ich gehe davon aus, dass alle versorgt sind", sagt Erwin Gürtler von der dortigen Fachberatungsstelle über die 30 bis 40 dauerhaft Wohnsitzlosen, die in Ulm leben. "Notfalls bekommt jemand auch ein Pensionszimmer bezahlt, bis die eisigen Nächte vorbei sind."
Tagsüber - bis 20 Uhr - aufwärmen kann man sich auch in der Bahnhofsmission. Diese ist im Ulmer Hauptbahnhof über den Bahnsteig an Gleis 1 zu erreichen. In einem kleinen Raum stehen eine Eckbank, zwei Tische, ein paar Stühle. Nebenan in der Küche bereiten hauptamtliche und ehrenamtliche Mitarbeiter der Bahnhofsmission Tee und Kaffee zu, reichen Gebäck und haben Zeit für ein Gespräch.
"Jetzt im Winter denken viele Ulmer, hier sei noch wie früher die Suppenküche für Obdachlose", sagt die hauptamtliche Mitarbeiterin Susanne Krneta. Richtig sei, dass die Bahnhofsmission eher eine Vermittlungsstelle ist. Sie sei eng vernetzt mit dem DRK-Haus, dem Frauenhaus und der mobilen Jugendhilfe. Sachspenden wie warme Kleidung und Schlafsäcke sollen die Bürger deshalb in den Kleiderkammern von DRK und Caritas abgeben.
Die Hauptaufgabe der Bahnhofsmission bestehe eher darin, älteren und gehbehinderten Reisenden beim Umsteigen oder beim Fahrkartenlösen zu helfen. Neu sei, dass immer mehr Kinder alleine mit dem Zug reisen, weil die Patchwork-Familien zunehmen. Oder, wenn derzeit wegen des Wetters Züge Verspätung haben, wärmen sich Familien mit Kindern bei einer Tasse Tee auf.
Aufgewärmt bei der Bahnhofsmission hat sich gestern auch der 55-jährige Roland, der zurzeit im Neu-Ulmer Nuißlheim lebt, einem Heim für Obdachlose. Er arbeitet nachts bei einem Nachtexpress im Lager. Sein Taschengeld kommt zusammen durchs Pfandflaschensammeln. Auch jetzt im Winter will Roland tagsüber "nicht im Heim rumsitzen". In der Bahnhofsmission trifft er Bekannte, liest Zeitung oder unterhält sich mit der Mitarbeiterin Ursula Schwab. Sie definiert die Bahnhofsmission daher auch als Anlaufstelle für sozial Schwache, "die sich viel draußen aufhalten".
So wie Rudolf P. Er hat zwar eine Einzimmerwohnung in Ulm. Aber der 55-Jährige bekommt Hartz IV, "weil ich zu 50 Prozent behindert und nicht mehr vermittelbar bin". Da das Geld vorne und hinten nicht reiche, angelt er sich Tag für Tag mit einer Greifzange intakte Pfandflaschen aus Glascontainern. Sein Tagesablauf auch jetzt bei der Kälte: Morgens um 8 Uhr verlässt er seine Wohnung, um in der Bahnhofsmission einen Kaffee zu trinken. Dann geht er auf Flaschensammeltour. Mittags kocht er sich etwas in seiner Wohnung. Danach ist er bis Mitternacht wieder draußen.
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Autor: CHRISTINE LIEBHARDT CAROLIN STÜWE | 09.02.2012
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