Wo die Kartoffel zum Aideepfl wird

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Am Anfang war die „Godde“. Vor mehr als 40 Jahren hat die Patentante von Ludwig Dorners Ehefrau Klara mit ihrem trockenen Witz den Anstoß dafür gegeben, dass der heute pensionierte Lehrer angefangen hat zu sammeln. „Die hat vielleicht Sprüche losgelassen  . . .“, erzählt Dorner über die ledig gebliebene Schwester von Klara Dorners Mutter, die im württembergischen Allgäu einem früh verwitweten Bruder den Haushalt geführt hatte – mit einem steifen Knie und schmerzender Hüfte, aber einem Humor, der seinesgleichen suchte. Und weil alle meinten, so etwas müsse man aufschreiben und erhalten, hat Ludwig Dorner das getan. „A Brilla ka em dimmscha Gsichd a vornehms Oussäa vrleia“ steht nun ziemlich weit vorne in dem 598 Seiten dicken Buch mit mehr als 3000 Redensarten und Lebensweisheiten, die Dorner seither zusammengetragen hat.

Vor einer Woche ist dieses Buch nun in den Handel gekommen. Für Dorner war das ein erhebender Moment, der vorläufige Abschluss einer langen Arbeit, die er 1984 mit einem Schneider CPC 464 systematisch begonnen hatte, einem der ersten Heim-Computer, wie das Magazin Chip den Rechner damals gefeiert hatte. Mit einer Datenbank von Data Becker hat Dorner angefangen, seine gesammelten Schätze zu speichern, und diese dann später noch einmal auf Windows übertragen müssen.

Von Liebe bis Landwirtschaft

Zum Schluss war es eine Excel-Datei, die Dorner bei der Biberacher Verlagsdruckerei eingereicht hat, die daraus mit Unterstützung des Fördervereins „Schwäbischer Dialekt“ und der Oberschwäbischen Elektrizitätswerke und mit einem passenden Titelbild von Florian Achberger ein schönes Buch gemacht hat.  Inhaltlich geordnet nach Kapitel von Liebe, Erotik und Partnerschaft über die Fasnet, Kinderreime und Auszählverse bis zu Sprüchen aus der Landwirtschaft und übers Essen und Trinken sind alle Beiträge nach dem gleichen Muster aufgebaut: Ein oberschwäbischer Spruch wird so aufgeschrieben, dass man ihn lautmalerisch lesen und verstehen kann, dann folgt eine möglichst genaue Übersetzung ins Schriftdeutsche und schließlich eine Erklärung. Die nicht immer notwendig ist, denn ein Spruch wie „I ka it scheißa und Grout hacka und noch no em Bfarrer d Hand gäa“ versteht fast jeder als ein klares Plädoyer gegen neuzeitliches Multitasking.

Vier Sprachräume

Er will bewahren, sagt Dorner, und auch ein bisschen Mut machen, sich wieder zu Schwäbisch als Sprache zu bekennen. Wobei es in Oberschwaben vier Sprachräume gibt, wie er in der Einleitung schreibt, das Allgäu, den Bereich Schussen, den um die Riß und schließlich den an der Donau mit Munderkingen und Ehingen. Und was auf Hochdeutsch Kartoffeln sind, wird so entweder zu Bodabirra oder zu Aideepfl. Auch in solche Feinheiten nimmt Dorner seine Leser mit.

Ludwig Michael Dorner: Etz isch noch go gnuag Hai hunta! Biberacher Verlagsdruckerei, 598 Seiten, 19,80 Euro

Beispiele In Dorners Buch finden sich auch Spottverse. Einige betreffen Munderkingen:

En Mondrkenga en dr Renna,
do danzet dr Gockeler mit de Henna!
Dorner übersetzt das mit „In Munderkingen in der (Straßen-)Rinne, da tanzt der Gockel mit den Hennen!“ und wertet das als Spottvers auf die bäuerliche Struktur. Etwas derber:

En Mondrkenga ouf dr Brugg,
do hot dr Ma sei Weib verdruggd.
En Monderkenga en dr Schdadt,
do hanget no dr Kuttlasack.
Ond wenn där Kuttlasack it wär,
no wär ganz Mondrkenga leer.

Ein anderer Spruch betrifft das Dreieck zwischen Laupheim, Unter- und Obersulmetingen sowie Rißtissen:
Kua vo Laupa, s Hai von Semmadenga, s Weib vo Dissa: noch bisch dreimal beschissa!

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