Werke zwischen Politik und Fantasie

Aus zwei sehr unterschiedlichen Büchern las Andrej Kurkow im Ehinger Buchladen. Politisch aktuell war sein "Ukrainisches Tagebuch" und skurril der Roman "Jimi Hendrix live in Lemberg".

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Autor Andrej Kurkow hat nach seiner Lesung Bücher signiert.  Foto: 

Manche fiktive Geschichten haben reale Folgen. So wurde Andrej Kurkows Roman "Jimi Hendrix live in Lemberg" verfilmt, weil bisher niemand auf die Idee gekommen war, die noch existierenden Alt-Hippies in Lemberg zu beleuchten. Etwas amüsanter ist die Tatsache, dass aufgrund der neuen Popularität nun "alle Lemberger Hippies ihre Memoiren schreiben", schmunzelte der Autor im Ehinger Buchladen. Diese Tatsache amüsierte Kurkow, der seine Romane mit fantastischen Ideen und überraschenden Einfällen bühnenreif ausstattet.

Der in Russland geborene und in Kiew lebende Autor las zunächst zwei Episoden aus dem neuen Roman, in dem Lemberger Hippies posthum einen Arm von Jimi Hendrix verehren. Selbst ein ehemaliger KGB-Hauptmann outet sich bei einem konspirativen Treffen auf dem Friedhof als Fan des Musikers aus dem Land des Kapitalismus. Von den sechs Helden des Romans seien drei wahre Lemberger, erläuterte Kurkow. Und die seien nun mächtig stolz auf ihre literarische Würdigung. Andrej Kurkow las im Buchladen auf Deutsch und man merkte seiner Sprachmelodie die osteuropäischen Wurzeln an.

Das Hauptaugenmerk des Abends lag jedoch auf Kurkows ukrainischem Tagebuch, das die Ereignisse am Majdan in Kiew von November 2013 bis April 2014 beschreibt. Die "Aufzeichnungen aus dem Herzen des Protestes", so der Untertitel, verweben private Ereignisse wie eine Wanderung oder den Wunsch des Sohnes nach einem leistungsstärkeren Tablet-PC mit den Protesten der ukrainischen Bevölkerung. Andrej Kurkow lebt mit seiner aus England stammenden Frau und den drei Kindern fünf Gehminuten vom Zentrum des Protestes in der ukrainischen Hauptstadt entfernt.

Das Tagebuch sei bisher in mehrere Sprachen übersetzt worden, sagte der Autor, "aber noch nicht in Russisch und Ukrainisch". Vor diesen Übersetzungen müsse er die privaten Dinge entfernen, "denn man kennt mich und meine Familie ja". Der Grundton des Tagebuches ist nicht von Aufbruchstimmung, sondern von Pessimismus geprägt: "Wir haben wieder einmal keine Zukunft", schreibt der Verfasser.

Auch in der anschließenden Fragerunde zur politischen Lage gab sich Kurkow wenig optimistisch. "Putin wird keinen Schritt zurückgehen", ist der Schriftsteller überzeugt. Er stelle sich auf einen langen Konflikt ein. Die russischen Medien verschwiegen, was für ein Chaos in der Republik Donezk herrscht. Ob er sich schon einmal überlegt habe, das Land zu verlassen, wollte ein Ehinger wissen. Ja, die Überlegung habe es gegeben, "aber es wäre ein schlechtes Zeichen, wenn nun auch die Schriftsteller das Land verlassen", meinte Andrej Kurkow.

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