Wenn ein Stuhl in der Schulklasse plötzlich leer bleibt …

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Abgeschoben: Ein leerer Stuhl in einer vierten Klasse einer Ehinger Grundschule. Zwei Schüler sind mit ihrer Familie über das Wochenende abgeschoben worden. Die Schultasche des Schülers steht verlassen im Klassenzimmer. Foto: Bernhard Raidt  Foto: 

Ein Stuhl bleibt unbesetzt an diesem Montag in der vierten Klasse einer Ehinger Grundschule . . .  Ein Elfjähriger fehlt. Er sei mit seiner Familie kurzfristig abgeschoben worden, heißt es. Auch sein Bruder in der dritten Klasse ist nicht da. Es müsse über das Wochenende passiert sein, sagt die Lehrerin. Am Freitag hat die Klasse noch einen Ausflug unternommen. Der Junge hat seinen Ranzen in der Schule gelassen, weil es keine Hausaufgaben gab. Der Ranzen ist noch da, der Schüler nicht mehr. Erschrocken schauen die anderen Kinder auf die verwaiste Schultasche. Sie zeigen einem sofort Fotos ihres verschwundenen Klassenkameraden. Eltern setzen sich für die Abgeschobenen ein, heißt es.

Um Integration bemüht

Die aus Serbien stammende Familie sei sehr um Integration bemüht gewesen, berichten Menschen, die die Situation kennen. Der Vater habe bei der Ehinger Stadtgärtnerei in einem 1-Euro-Job gearbeitet. Sehr engagiert sei er dort gewesen. Ein „Arbeitstier“. Auch die beiden Jungs der Familie hätten sich sehr angestrengt in der Schule. Beim Ehinger Musikverein hat sich die Familie offenbar eine Trompete geliehen, damit die Kinder das Instrument lernen. Die Trompete konnte noch zurückgegeben werden. Abschiebungen seien häufiger geworden, sagt Heidi Porsche vom Ehinger Freundeskreis für Migranten. Betroffen sind etwa serbische und mazedonische Familien. Das liege einerseits daran, dass mehr Länder als sichere Herkunftsstaaten anerkannt seien. Andererseits denkt Porsche, könne das auch schon ein Stück Wahlkampf sein. Die Familien erhalten nach der endgültigen Ablehnung ihres Asylantrags eine Aufforderung, das Land zu verlassen. Wer nicht freiwillig geht, wird abgeholt. Die Beamten kommen in der Nacht, um die Menschen abzuholen, berichtet Heidi Porsche. Sie ist öfters bei Abschiebungen vor Ort. Nachts seien die meisten zu verdutzt, um sich zu wehren. Die Beamten seien anständig zu den Leuten. Doch immer wieder gebe es herzzerreißende Szenen, sagt Porsche. „Das nimmt mich ab und zu schon richtig mit.“

Porsche hat die abgeschobene Familie gut gekannt. Sie habe viel getan, um sich zu integrieren. Die beiden Kinder kamen am Nachmittag immer zum Nachhilfeunterricht. „Und jetzt noch Deutsch lernen“, habe ein Kind gefordert. Die Familie habe aber gewusst, dass die Abschiebung komme. Bereits zum dritten Mal sei sie in Deutschland gewesen, jeweils etwa für ein Jahr. Deshalb habe es auch keine Ankündigung vor der Fahrt zum Flughafen gegeben. Die Hoffnung der Familie war es, den Winter über noch da zu bleiben. Das habe nicht geklappt. Auch eine frühere Erkrankung der Mutter habe nichts daran geändert.

Schwer für die Kinder

An Entscheidungen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge gebe es oft etwas zu kritisieren, sagt Porsche. Trotzdem sieht sie Rückreiseaufforderungen auch als berechtigt an. „Wir haben Leute aus ganz schlimmen Gebieten hier. Die sind zum Teil schwer traumatisiert“, sagt Porsche. Denen müsse in erster Linie geholfen werden. Deshalb müsse es möglich sein, dass andere in Länder zurückkehrten, in denen Frieden herrsche. Aber es sei schwer, etwa für Kinder, die sich an einen Schulkameraden gewöhnt hätten. Porsche fordert, dass viel früher angesetzt wird. Den Menschen müsse geholfen werden, sich in ihren Heimatländern etwas aufzubauen.

Noch härtere Fälle

Michael Wichert. Sozialberater  der Caritas in Ehingen und Ulm, berichtet noch von härteren Fällen. Gerade habe er eine Mutter mit vier Kindern da gehabt, die nach Afghanistan abgeschoben werden sollen. Das sei schlimmer als eine Abschiebung ins friedliche Serbien. Es werde jetzt immer wieder passieren, dass Bürger mitbekommen, wie Menschen in ihrer Nähe von Abschiebungen betroffen seien. Wichert rät dazu, die Sache aufzuarbeiten. Etwa einen Experten zu einem Elternabend einzuladen, um sich die Sachlage erklären zu lassen. Wenn eine Abschiebung für die Kinder zu belastend sei, könne es helfen, Kontakt zu den abgeschobenen Klassenkameraden zu halten. Etwa mit Briefen und Fotos. Kinder könnten auch ein Paket, etwa zu Weihnachten, schicken – und die zurückgebliebene Schultasche nachsenden.

Im Bereich des Ausländeramts Ehingen (mit Griesingen, Öpfingen, Oberdischingen) hat es in diesem Jahr bereits deutlich mehr Abschiebungen gegeben als in den Vorjahren. 2016 sind bislang 28 Menschen abgeschoben worden. Hauptabschiebeland war Mazedonien. Betroffen waren 16 Erwachsene, zwei Jugendliche und zehn Kinder, berichtet die Stadt Ehingen. Schulpflichtig waren sieben der Kinder. Die Kinder und die Jugendlichen sind mit ihren Eltern abgeschoben worden. 2015 gab es sieben, 2014 nur fünf Abschiebungen. Auch hier waren Kinder betroffen, Hauptabschiebeland war jeweils Serbien.

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