Walter Frei spielt seine Traumrolle

Ein Rolle zum 78. Geburtstag: Walter Frei spielt den Dorfrichter Adam aus Kleists "Der zerbrochne Krug". Möglich gemacht haben dies Wolfgang Schukraft von der Theaterei - und viele, viele Spender.

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Der Ehinger Schauspieler Walter Frei in der Rolle von Kleists Dorfrichter Adam bei einer Probe im Theaterei-Zelt in Blaustein.  Foto: 

Der Dorfrichter Adam, heißt es, sei Ihre Traumrolle . . .

WALTER FREI: Nun ja, ich hatte wohl anlässlich meines 75. Geburtstags geäußert, dass ich noch nie so eine klassische Bombenrolle gespielt habe. Als älterem Herrn fällt einem da natürlich Kleists Dorfrichter Adam ein, vor allem, wenn man figürlich dafür disponiert scheint. Für mich ist das die Erfüllung eines Wunsches. Es ist ein Geschenk in jeder Hinsicht.

Was gefällt Ihnen eigentlich an diesem unmöglichen Typen?

FREI: Es ist eine wunderbare Charakterrolle! Eigentlich ist dieser Adam ja ein unangenehmer, sogar böser Mensch. Aber er ist dennoch einer, der es versteht, Lachen zu erzeugen. Man amüsiert sich ja gerade deshalb, weil man Anstoß nimmt an seinem Tun.

. . . wir sprechen von einem Dorfrichter, der ein Mädchen bedrängt, auf der Flucht vor ihrem Verlobten einen Krug zerstört und dann - in seiner Eigenschaft als Richter! - versucht, die Tat einem anderen in die Schuhe zu schieben.

FREI: Was der alles anstellt, ist in der Tat nicht sehr menschenfreundlich. Deshalb ist Kleist ja ein so moderner Dichter, denn in diesem Stück ist beileibe nicht nur der Krug zerbrochen. Es beschreibt eine Welt, die nicht mehr intakt ist. Da besteht kein Vertrauen zwischen den Menschen mehr, und auch das Rechtssystem ist längst mehr Schein als Sein: Der Gerichtsrat Walter, der Adam auf die Finger sehen soll, wäre sogar bereit, ihn zu retten und gibt das erst auf, als wirklich nichts mehr zu retten ist. Das Stück pendelt zwischen Wertvorstellungen und der Feststellung, dass diese schon zerbrochen sind.

Wie kam so etwas im frühen 19. Jahrhundert beim Publikum an?

FREI: In Weimar fiel es erstmal durch. Was aber vor allem an Goethe lag, der das Ganze nach seinen klassizistischen Vorstellungen in drei Akte einteilte und dadurch in die Länge zog. Was Kleist hier macht, ist aber gewissermaßen schon realistisches Theater, das auf Tempo laufen muss.

Deshalb ist es wahrscheinlich auch ziemlich schwierig zu spielen, oder?

FREI: Ja, speziell wegen der verschiedenen Tempi und der gebrochenen Verse, die Kleist verwendet; ein Vers ist manchmal auf drei oder vier Sprecher verteilt. Diese Sprache ist so präzise, dass sie keinerlei Abweichungen erlaubt, das Stück ist ein Gefüge, aus dem man nicht heraustreten kann. Außerdem spricht jede Figur anders. Den raffiniertesten Satzbau hat natürlich Adam, der mit unheimlicher Phantasie und Gewandtheit versucht, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

Wie spielen Sie diesen Mann?

FREI: Als einen unerschütterlichen Optimisten, der bis zum Schluss glaubt, dass er davonkommt. Erst am Ende, als es eng für ihn wird, bekommt er etwas Beißendes, Rattenhaftes.

Wie übersetzt man das ins Heute?

FREI: Wir mischen die Zeitebenen. Um Adams Perücke kommt man nicht herum, aber der Gerichtsrat wird einen Anzug tragen. Unser Bühnenbildner hat die Handlung in eine Gartenwirtschaft verlegt. Der Garten wird bei uns zu dieser weiten Welt, in der man sich so verlaufen kann, dass man sich "an den Haaren aufhängen" möchte, um mit Frau Marthe zu sprechen. Ungefähr mit Kleist beginnt der moderne Mensch zwar, aus seiner "selbstverschuldeten Unmündigkeit" - nach Kant - herauszutreten, doch dann steht er eben auf sehr dünnem Eis. Kleist hat früh gewusst, dass das ein unsicherer, gefährlicher Weg ist.

Freuen Sie sich?

FREI: Die schönste Freude ist die, vor der man auch ein bisschen Respekt hat. Eine respektlose Freude ist nichts wert.

Premiere im Theaterei-Zelt in Blaustein
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