Vor 25 Jahren hat Ehingen die Fühler nach Osten ausgestreckt

1990 hat Ehingen erste Kontakte zur ungarischen Stadt Esztergom geknüpft – der Beginn einer langen Partnerschaft. An ihre Anfänge erinnern sich Alt-OB Johann Krieger und Wolfgang Brzoska.

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Die weite Entfernung schadet der Partnerschaft nicht: Alt-OB Johann Krieger und Gemeinderat Wolf Brzoska vor dem Esztergom-Hinweiser vor der Lindenhalle in Ehingen.  Foto: 

 

Wer das Ehinger Rathaus besucht, stößt auf mehrere Belege für die Partnerschaft mit Esztergom: Gemälde des Künstlers László Vincze, eine Büste von Maria Theresia sowie die Gründungsurkunde – Sinnbilder für eine lebendige Partnerschaft. Diese aus der Taufe zu heben, war hingegen eine schwere Geburt. „Mühsam war’s“, erinnert sich der damalige Oberbürgermeister Johann Krieger. Und Gemeinderat Dr. Wolfgang Brzoska nickt: „Langwierig.“

25 Jahre ist es her, als Krieger und die Kommunalpolitiker Brzoska (Freie) und Helmut Steinhof (CDU) zu ersten Sondierungsgesprächen Esztergom besucht hatten. Ein dreiviertel Jahr nach dem Berliner Mauerfall fanden sie vor Ort noch ein politisches Chaos vor – „aber im positiven Sinne“, beschreibt Krieger. Es waren schließlich die ersten Gehversuche hin zur Demokratie. Als das sowjetische Reich zusammenbrach, wollte man von Ehingen aus die Fühler nach Osten ausstrecken. Wegen seiner Vorreiterrolle habe sich Ungarn angeboten. Eine Stadt mit gemeinsamer Geschichte, ebenfalls an der Donau gelegen, sollte es sein. So kam Brzoska auf die Königsstadt Esztergom. Die Sprachbarrieren sowie die weite Entfernung galten zwar als Hürden, schildert Krieger, doch man wollte dokumentieren: „Europa hört nicht am Eisernen Vorhang auf.“

So einfach die Auswahl der Stadt, so schwer die Umsetzung der Partnerschaft. Der Esztergomer Pál Koditek vom Reisebüro Faktotum sollte sich bald als Schlüsselfigur herausstellen. Er wartete zunächst mit einem Stadtführungsprogramm für die drei Besucher aus Ehingern auf; doch „irgendwie passierte nichts Konkretes“, schildert Brzoska. Erst als die Ehinger um ein Gespräch mit den Vertretern der Gemeinderatsfraktionen baten, kam heraus, dass die Esztergomer zwar an Kontakten nach Deutschland interessiert waren, doch es gab zwei Lager zu geben: Das Ehepaar Éva und Ferenc Szóda und weitere waren für Ehingen als Partnerstadt, andere für Maintal bei Frankfurt.

Mit den Ehingen-Befürwortern einigte man sich rasch darauf, dass die gewünschte Partnerschaft keine Verwaltungspartnerschaft, sondern eine zwischen den Vereinen, den Schülern und Künstlern, sprich den Bürgern der beiden Städte, werden sollte. Der gebürtige Ungar Dr. Csaba Gaal aus Ehingen knüpfte erste Kontakte mit dem Esztergomer Gymnasium, die Ehinger Kunstgruppe Iris zu ungarischen Künstlern, und schon bald gab es erste gegenseitige Besuche von Schülern und Kunstschaffenden. Auch Paul Guter von den Maltesern war sehr engagiert, organisierte später beispielsweise für das neue Krankenhaus 120 Betten aus Ehingen.

Im Herbst 1990 sollte dann eine ungarische Delegation nach Ehingen kommen. Die kam auch – allerdings in Form eines einzigen Stadtrats namens Hazai samt Ehefrau und kleinem Sohn sowie einer Dolmetscherin. „Das war eine dünne Besetzung“, sagt Brzoska. So hielt sich, vornehm gesagt, auch die Begeisterung im Ehinger Gemeinderat in Grenzen, und Krieger fühlte sich bemüht, um Verständnis für die ungarische Situation zu bitten. Bei den dort anstehenden Kommunalwahlen mussten beispielsweise sämtliche Wahlunterlagen noch von Hand geschrieben werden, schildert Brzoska. „Das muss man sich mal vorstellen. Herr Lingg vom Vermessungsbüro schenkte ihnen daher einen Kopierer.“ Aus der Wahl ging Dr. László Könözsy als neues Stadtoberhaupt hervor, den Krieger und Brzoska loben: sehr kompetent und sympathisch sei er gewesen. Und für die Partnerschaft mit Ehingen. Man müsse Demokratie von den Deutschen lernen, habe Könözsy damals gesagt. Dazu waren die Ehinger gern bereit, auch wenn diese Aktivitäten manchmal mit Spott begleitet wurden. So war Brzoska damals als „Feierabend-Außenminister“ betitelt worden. Die Initiatoren beschlossen deswegen, den Gesprächsfaden zwar weiterzuspinnen, in Ehingen selbst darüber aber Stillschweigen zu wahren.

Als Brzoska bei einem seiner vielen Ungarnbesuche den Reisebürobesitzer Koditek wiedersah, erfuhr er, dass es weiterhin keine Mehrheit weder für Ehingen noch für Maintal gebe. Also schlug Brzoska vor, mit beiden Städten eine Partnerstadt zu schließen. So kam es, dass an einem Donnerstag im Herbst 1991 beide Städte eine Gemeinderatssitzung hatten. Zuerst die Ungarn: Angesichts der neuen Situation stimmten die Ehingen-Befürworter für die Partnerschaft, die Maintal-Befürworter enthielten sich. „Noch in der Sitzung wurde das Fax mit dem Ja zur Partnerschaft nach Ehingen rausgeschickt, und Frau Fähnle ging damit in die Gemeinderatssitzung und legte es auf den Tisch des OB, der es dann gleich vorlas“, schildert Brzoska. Angesichts dieser neuen Tatsachen beschloss das Gremium, eine Sondersitzung einzuberufen, auf der dann auch von Ehinger Seite die Zustimmung gegeben wurde. Somit war der offizielle Startschuss gefallen. Bis zur Unterzeichnung der Urkunde sollte es allerdings noch mehr als ein Jahr dauern. In Esztergom war es am 21. November 1992 so weit, in Ehingen am 27. März 1993.

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