Wie Lindenhallenchef Michael Streibl seine erste Saison als Narr erlebt

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In der Fasnetzeit hat er viel zu tun: Neben seinem Job als Chef in der Lindenhalle ist Michael Streibl als Dämon unterwegs.  Foto: 

Es gibt wenig „Reingschmeckte“, die an der Fasnet in den Reihen der Dämonen, Kügele oder Hölla-Hexa unterwegs sind. Einer, der es als Zugezogener in ein Ehinger Häs geschafft hat, ist Michael Streibl. Der 26-Jährige war 2013 wegen seines Jobs in der Lindenhalle nach Ehingen gezogen. An seinem neuen Arbeitsplatz kam er dann mit der Ehinger Fasnet zwangsläufig in Berührung.  „Ich hab’ mir erst mal alles angeschaut.“ Nach zwei Jahren hat es ihn dann  doch selbst gekitzelt: „Das Vielfältige, Bunte, Schöne – ich war fasziniert, was hinter den Gruppen steckt.“ Als der damalige Zunftmeister Lothar Huber ihn zu einem Dämonentreffen einlud, ging er hin – es war sein Geburtstag – und wurde von rund 100 Dämonen geschlossen mit einem Ständchen begrüßt. „Das war ein Klick-Erlebnis für mich. Ich hab’ gemerkt: Hier fühl’ ich mich heimisch.“

Mitglieder wählen neue Narren

Doch auch er wusste, dass die Hürden für den Beitritt in eine Narrengruppe nicht zu unterschätzen sind. „Es ist nicht so, dass man sagt: ,Ich will zur Narrenzunft‘ und wird dann sofort aufgenommen.“ Die Anfrage ist da, sagt Peter Kienle, Zunftmeister der Ehinger Narren. Aber es sei kein Geheimnis, dass die Gruppen eigentlich nicht weiter wachsen wollen. Es werde meist nur die Fluktuation ersetzt.

Bei den meisten Gruppen wählen alle Mitglieder die neuen Narren. Sprich: Wer vorher positiv aufgefallen ist, etwa bei den Arbeitsdiensten mitgeholfen hat – der hat die besten Chancen als aktives Mitglied akzeptiert zu werden. „Man muss sich auf seine Mitglieder verlassen können“, sagt auch Elvira Mall, Vorsitzende der Ehinger Kügele. Damit man nicht alleine dasteht, wenn es darum geht, etwas vorzubereiten oder einen Umzug zu laufen. „Es sollte halt ein ordentlicher Kerle sein“, fasst Kienle großzügig zusammen.

Bekannt sein und das Vertrauen der Narren haben – diese Vorteile haben meist diejenigen, die schon seit ihrer Kindheit die Gruppe besucht haben und sich dann mit ihrer Volljährigkeit entscheiden, dem Verein aktiv beizutreten. „Die meisten kennen das Leben als Narr von Kindheit an“, sagt Mall. „Jemand, der die Fasnet mit 25 Jahren zum ersten Mal erlebt, tritt keiner Gruppe mehr bei.“ Dabei gelte aber auch das Gegenteil. Wenn Jugendliche keine Lust mehr haben, sollten sie auch die Courage haben zu sagen, dass sie nicht mehr wollen. „Man muss schon eine Neigung für den Brauchtum mitbringen“, sagt Kienle. Und vom Typ her passen: „Ein total introvertierter Mensch würde bei uns wahrscheinlich nicht glücklich werden.“

Dass Auswärtige sich schwer tun – dessen ist sich Narrenchef Peter Kienle bewusst. Allein der Dialekt könne bei manchen zum Hindernis werden. Allerdings wolle man auch keine Inzucht, sagt Kienle. „Wir sind für frisches Blut von außen offen.“

Das brachte der junge Lindenhallenchef, der schon in seiner Kindheit in Salem am Bodensee im Fasnetverein aktiv war, mit. „Nachdem ich das närrische Treiben in der Lindenhalle drei Jahre beobachtet habe, wurde meine Sehnsucht und Begeisterung für die Fasnet wieder geweckt.“ Ihm hatte das schon früher Spaß gemacht, deshalb sei er auch nicht sehr aufgeregt gewesen vor seiner Bewerbung. „Ich dachte: ,Wenn es dieses Jahr nicht klappt, probier’ ich es eben das nächste Jahr wieder oder im Jahr darauf.‘“ Als er direkt beim ersten Versuch in die  Dämonengruppe gewählt wurde, war er überrascht. Dass er in seinen Antrag als Beruf „Veranstaltungsleiter der Lindenhalle“ schreiben konnte, habe ihm natürlich einen gewissen Vorteil verschafft, gibt Streibl zu.

Er sei schließlich superherzlich aufgenommen worden, erzählt er von seiner ersten Saison als Dämon. „Die Atmosphäre ist familiär, unter den Narren duzen sich alle, egal ob Bürgermeister oder Liebherr-Arbeiter.“ Die bewegendsten Momente seines Dämonen-Daseins? Es gibt mehrere: Die Enthüllung der Stelen am Groggensee vergangenen Herbst; die Zusammenarbeit mit 300 Leuten, die in der Lindenhalle die Narrenbälle vorbereiten und genau wissen, was jeder zu tun hat; oder „während der Ausgrabung des Groggentälers mit hunderten Dämonen mit Fackeln auf der anderen Seite des Groggensees zu stehen“. Und: „Wenn man Bar-Dienst hat, stehen alle Helfer beim letzten Lied auf dem Bartisch, schunkeln zusammen und das ganze Zelt grölt mit. Da krieg’ ich Gänsehaut.“

Party und Alkohol nicht im Fokus

Dabei hat es ihm neben dem sozialen Umfeld durchaus auch die Tradition angetan: „Die Ehinger Fasnet ist etwas ganz anderes. Hier wird ganz viel Wert auf Brauchtum und Werte gelegt.“ Schließlich ist die Fasnet als Teil der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN) auch immaterielles Kulturgut.  Es geht nicht um Party und Alkohol, betont Zunftmeister Kienle. Wer der Zunft beitreten will, solle die Geschichten kennen, die hinter den Bräuchen stecken. Zum Beispiel, dass der Groggentäler das ganze Jahr über im Groggensee verschwindet und eigentlich nur vom Glombigen bis zum Fasnetsdienstag auftaucht. Oder die Kügele, die früher eigentlich ein Arme-Leute-Essen waren und heute am Umzug in die Zuschauermenge geworfen werden. „Den Brauchtum zu leben ist für Narren ganz wichtig“, sagt auch Kügele-Chefin Mall.  „Man muss es im Herzen haben und im Blut.“

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