Untermarchtal statt Toskana: Junger Waldrapp landet am falschen Ort

Blöd, wenn einem niemand den Weg zeigt: So scheint es einem jungen Waldrapp auf seinem Zug gen Süden ergangen zu sein. Denn statt in der warmen Toskana hockt der seltene Ibis-Vogel bei Untermarchtal.

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Über Schönheit lässt sich streiten. Außergewöhnlich sind Waldrappe, hier der Jungvogel bei Untermarchtal, allemal. Und stark gefährdet.  Foto: 

"Er ist total schön." Die Anwohnerin des Römerwegs in Untermarchtal ist begeistert. Seit Dienstag beobachtet sie einen Waldrapp, der sich am Ortsrand von Untermarchtal herumtreibt, nach Würmern pickt, immer mal wieder wegfliegt, wiederkommt. Wobei die Bezeichnung "schön" für einen Waldrapp wohl Ansichtssache ist: Im Englischen heißt der große schwarze Vogel mit dem langen rötlichen Schnabel "Bald Ibis" - glatzköpfiger Ibis. Eine Beschreibung, die ziemlich gut passt.

Dass sich der Waldrapp auf den Wiesen um Untermarchtal herumtreibt ist aus zwei Gründen bemerkenswert: Zum einen, weil er zu den am meisten bedrohten Vogelarten weltweit zählt, zum anderen ist das Donautal nicht der Ort, an dem ein Waldrapp Ende Januar sein sollte. Vielmehr überwintern die Zugvögel eigentlich in der Lagune von Orbetello in der Toskana. Wenn sie denn den Weg dorthin finden. Genau das ist das Problem. "Der hatte keine Ahnung, wo er hinfliegt", ist sich Dr. Johannes Fritz sicher. Der Biologe leitet das Waldrappteam im österreichischen Mutters bei Innsbruck. Das mehrfach ausgezeichnete Artenschutzprojekt hat es sich zur Aufgabe gemacht, in Europa wieder freilebende Waldrapp-Kolonien aufzubauen. Eine wichtige Aufgabe der Forscher ist dabei, den Vögel die Flugroute nach Süden zu zeigen. Das Waldrappteam hat deshalb bereits eine ganze Gruppe der Vögel mit Ultraleichtflugzeugen in die Toskana begleitet: Damit die Waldrappe so den richtigen Weg lernen, und damit sie dieses Wissen an kommende Generationen weitergeben.

Das Zugverhalten ist angeboren. "Fliegt ein Jungvogel alleine los, weiß er nicht, wo er hin soll", erklärt Fritz. Letztes Jahr sei einer seiner Jungvögel von Innsbruck nach Holland geflogen. "Aber er hat es geschafft. Er hat dort überwintert und ist im Frühjahr zu uns zurück gekommen." Der Biologe kennt die Aufenthaltsorte der Vögel deshalb so genau, weil sie alle mit einem Solarsender ausgestattet sind, die die jeweiligen GPS-Daten melden. Deshalb weiß Fritz auch, dass sich ein anderer Jungvogel letzten Sommer zwar zunächst einem erfahrenen Altvogel angeschlossen hatte und mit diesem auf den Flug nach Süden gestartet ist. "In der Schweiz muss er aber irgendwo falsch abgebogen sein. Jedenfalls hat er seinen Lotsen verloren. Aber auch er hat überwintert und ist zu uns zurückgekommen." Wer in der hochalpinen Schweiz den Winter überlebt, für den kann Kälte nicht das große Problem sein. "Waldrappe sind relativ witterungsbeständig", sagt Fritz: "Das Problem ist die Nahrung." Würmer und anderes Getier im Boden ist bei dauerhaftem Frost nicht so einfach zu finden. "Von was der in der Schweiz letztendlich gelebt hat, weiß ich ehrlich nicht."

Für den jungen Waldrapp bei Untermarchtal dürfte das - zumindest noch - kein Problem sein. Der Boden ist nicht so gefroren, dass er mit seinem kräftigen Schnabel nicht nach kleinem Getier in der Erde picken könnte. "Das tut er auch", sagt die Untermarchtalerin, die den Vogel im Auge behält. "Gestern waren drei Fotografen da, das ist ihm irgendwann zu viel geworden und er ist für eine Weile weggeflogen."

Johannes Fritz hat übrigens anhand des Senders herausgefunden, dass der Waldrapp im Donautal nicht von seiner Station stammt, sondern von der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle im oberösterreichischen Grünau, mit der sein Team zusammenarbeitet. "Unsere Vögel sind alle, wo sie sein sollen. In der Toskana", sagt Fritz mit einem gewissen Stolz in der Stimme. Nichtsdestotrotz macht ihn die Meldung über den Jungvogel in Untermarchtal nicht wirklich glücklich: "Desorientiert herumfliegende Waldrappe sind nicht das, was wir brauchen. Das ist kein ordnungsgemäßes Verhalten."

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