Überrascht und überwältigt

Ein Ereignis, das 25 Jahre zurückliegt - und doch kann sich jeder gut daran erinnern: der Fall der Mauer. Bei den von uns Befragten werden Erinnerungen an den Abend und die Zeit davor und danach wach.

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  • Der Fall der Mauer hat Petra Lehmann emotional sehr bewegt. 1/4
    Der Fall der Mauer hat Petra Lehmann emotional sehr bewegt.
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    Gott sei Dank: Hermann Lang war am Abend des 9. November erleichtert.
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    Gemischte Gefühle hatte die gebürtige Ostdeutsche Ursula Kneer.
  • Klara Gesele: Dann haben die Demos Sinn gehabt. Fotos: Jirmann 4/4
    Klara Gesele: Dann haben die Demos Sinn gehabt. Fotos: Jirmann
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Karl Weber lächelt und schüttelt immer noch etwas ungläubig den Kopf, wenn er an jenen historischen Tag zurückdenkt, der am morgigen Sonntag genau 25 Jahre lang Geschichte sein wird: der 9. November 1989. "Mann, ich kann mich noch genau an diesen Zettel erinnern, den der Schabowski ablas . . . dass die Grenze offen sei. Und wie er auf Nachfrage dann sagte, ,ja, ohne Einschränkung, das gilt . . . ab sofort - das war der Hammer, ich konnte es nicht glauben!" Der heute 66-jährige Erbacher weiß noch, dass ihn der Fall der Mauer, den er vor dem Fernseher verfolgt hatte, komplett überrascht habe, "trotz der Vorgänge kurz zuvor in Ungarn". Schließlich war es für ihn damals gerade ein, zwei Jahre her, als bei einer Busreise nach Ostberlin die Grenzkontrolleure die westdeutschen Reisenden peinlich genau daraufhin überprüft hatten, "ob auch jeder auf dem Sitzplatz hockt, der in der Meldeliste stand, und falls nicht, hätten wir länger warten müssen. Wahnsinn, oder?". Dass der Mauerfall zur Wiedervereinigung führen sollte, damit habe er an jenem Abend noch nicht gerechnet.

"Man hat ja geahnt, dass sich etwas tut, aber so schnell und so gewaltig! Ich dachte nur: Gott sei Dank!" Hermann Lang aus Munderkingen gesteht auf gut Schwäbisch: "I bin mit 'm Fiedla ans Sofa nabäbbt und nemme weg." Die Reaktion der Leute, die Freude der Menschen, die noch am 9. November auf die Mauer geklettert waren und gejubelt hatten - "da hat man sich selbstlos mitgefreut", erinnert sich der 64-Jährige.

Bei dem Ehinger Otto Braig schwang neben der Freude auch etwas Sorge mit, "dass zu viele auf einmal rüber wollen". Am meisten erstaunt hat den 68-Jährigen, "dass alles so friedlich abgelaufen ist".

"Dann haben die Demos also doch Sinn gemacht. Das hätte ich nicht gedacht." Dieser Gedanke ging Klara Gesele an jenem Tag durch den Kopf, als sie an diesem Abend vor 25 Jahren wie gebannt die Nachrichten vor dem Fernseher verfolgte. "Ich habe mich für die Menschen gefreut, aber mich auch gefragt: Was fangen die nun an mit ihrer neuen Freiheit?" Obwohl die heute 88-Jährige keine Verwandten in Ostdeutschland hat, findet sie rückblickend: "Es war ein echtes Ereignis."

Für Ursel Kneer war es auch "die Nachricht", aber eine, die sie damals mit gemischten Gefühlen aufgenommen hatte. Die Ehingerin ist 1941 in Mecklenburg-Vorpommern geboren und lebte dort bis ins Jahr 1959, als ihr Vater dann samt Familie in den Westen "rübermachte". Einerseits hatte sie an jenem 9. November 1989 die Hoffnung, dass nun in ihrer Heimat alles besser wird und bald zusammenwächst, was zusammen gehört, wie das der populäre Alt-Kanzler Willy Brandt damals in zwei Interviews bewertet hatte. Andererseits befürchtete Ursel Kneer damals auch, dass es auch zu Gewaltausbrüchen kommen könnte. Daher habe sie eine emotionale Achterbahnfahrt erlebt - zwischen Hochgefühl und Sorge, wohin die Entwicklungen führen werden. Und heute, 25 Jahre nach diesem historischen Ereignis, findet sie: "Das Wir-Gefühl ist immer noch nicht so richtig da."

Petra Lehmann sieht das anders: "Wir gehören jetzt wirklich zusammen, da macht man keine Unterschiede mehr." Die 45-jährige Verkäuferin, die aus Warthausen kommt, hat mehrere Kolleginnen aus Ostdeutschland, die "alle super nett" sind und die sie nicht missen möchte. Wenn sie an die Bilder von dieser Nacht mit den vielen Menschen auf der Mauer zurückdenkt, "dann kommen mir immer noch die Tränen", sagt sie. Dabei sei ihr damals gar nicht richtig bewusst gewesen, dass die DDR eine Diktatur war. "Vieles hat mich da noch nicht so interessiert. Ich weiß nur noch, wie meine Oma in den Jahren zuvor häufig versucht hatte, ihre Nichte im Osten anzurufen, und sie stundenlang wählte, aber nicht durchgekommen ist."

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