Kafkaeske Szenen im Amtsgericht

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Manchmal schlägt das Schicksal schonungslos zu, gerade wenn man eine besonders noble Absicht verfolgt. Diese bittere Erkenntnis musste ein Ehinger nun machen; seine Hilfsbereitschaft endete mit einem Einspruch gegen einen Strafbefehl vor dem Amtsgericht. Der 31-Jährige hatte dem Falschen geholfen.

Vor dem Gericht sagte der Mann am Dienstag aus, dass er nichts davon gewusst habe, dass die Kupferrohre, die sein Bekannter im Juli vergangenen Jahres auf dem Fahrrad transportierte, gestohlen waren. Wie also hätte er wissen sollen, dass er sich da eben an einem Diebstahl beteiligte, als er dem anderen Mann half, das Kupfer zu transportieren?

Der 31-Jährige legte Einspruch gegen den Strafbefehl ein, der gegen ihn erlassen wurde. „Ich hab´ damit nichts zu tun“, versuchte er Richter und Staatsanwalt zu überzeugen. Die machten allerdings aus ihrer Skepsis keinen Hehl, hatte der Mann doch bei der polizeilichen Vernehmung kurz nach dem unglücklichen Zwischenfall schon gestanden, dass er mit seinem Bekannten zusammen das Kupfer aus einem Container bei einer Baustelle am Sternplatz geholt hatte. Sie seien aber davon ausgegangen, dass es sich dabei um Schrott handelte. Schließlich sei der Container geöffnet gewesen. Der offensichtlich neue Seitenschneider, den sein Bekannter bei sich trug, habe auch in dem Container gelegen.

Vor Gericht allerdings hörte sich seine Geschichte ganz anders an: Er habe den Mann, der die Rohre bei sich hatte, nur zufällig getroffen und ihm geholfen, die offensichtlich schwere Last zu transportieren.

Eine Polizistin war als Zeugin geladen, sie hatte die Männer damals während einer Streiffahrt gesehen. „Beide Männer schoben ihre Räder. Einer hatte die Rohre auf dem Rad festgebunden, der andere hatte nur wenige Rohre, so viel wie er eben mit der Hand festhalten konnte.“ Offensichtlich kannten sie sich.

Er sei doch damals aber heimgeschickt worden, seine Unschuld sei ihm bescheinigt worden, warf der 31-Jährige ein, der sich offensichtlich wie in Kafkas Prozess fühlte. Er sei weggeschickt worden, weil er ungehalten wurde und eine Eskalation vermieden werden sollte, entgegnete die Beamtin am Dienstag ungerührt – keineswegs, weil er als Unbeteiligter galt.

Eine Pointe, die Kafka würdig gewesen wäre, konnte der Prozess auch aufweisen: Die etwa 10 Kilo schweren Kupferrohre, die die Männer transportiert hatten, waren etwa 30 Euro wert – ein Bruchteil dessen, was der Prozess wohl kostet. In zwei Wochen wird er fortgesetzt, um einen zusätzlichen Zeugen zu hören.

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