Schlachtet Mickey Maus!

Animation bedeutet meist modernste Computertechnik. Auf dem Internationalen TrickfilmFestival Stuttgart verschmelzen diesmal - zur Feier des 30-Jährigen - aber Blicke auf gestern, heute und morgen.

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  • 1984 drehte Thomas Meyer-Hermann in der Stuttgarter Pionier-Trickfilmklasse von Albrecht Ade "Flammender Pfeil im Reich der schnellen Bilder" (Mitte). Heute sorgen auf dem Stuttgarter Trickfilm-Festival animierte Gestalten aller Art für Aufsehen: Die linke Spalte zeigt Szenen aus "Where dogs die", "A Monster in Paris" und "Der Lorax", die rechte aus "Jock of the Bushveld", "Flamingo Pride" und "Damned". Fotos: Trickfilm-Festival 1/2
    1984 drehte Thomas Meyer-Hermann in der Stuttgarter Pionier-Trickfilmklasse von Albrecht Ade "Flammender Pfeil im Reich der schnellen Bilder" (Mitte). Heute sorgen auf dem Stuttgarter Trickfilm-Festival animierte Gestalten aller Art für Aufsehen: Die linke Spalte zeigt Szenen aus "Where dogs die", "A Monster in Paris" und "Der Lorax", die rechte aus "Jock of the Bushveld", "Flamingo Pride" und "Damned". Fotos: Trickfilm-Festival
  • Albrecht Ade (links) mit Dittmar Lumpp, dem kaufmännischen Leiter des Trickfilmfestivals, und Ehrenpreis Trixi. 2/2
    Albrecht Ade (links) mit Dittmar Lumpp, dem kaufmännischen Leiter des Trickfilmfestivals, und Ehrenpreis Trixi.
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"Wir müssen Mickey Maus schlachten!" So lautete in den frühen 80ern ein geflügeltes Wort Prof. Albrecht Ades in seiner Trickfilm-Klasse. Der Dozent für Grafik-Design baute an der Stuttgarter Kunstakademie eine Arbeitsgruppe für Animationsfilm auf, scharte junge Talente um sich und gab ein Feindbild vor: die niedliche Figürlichkeit, den schablonenhaften Erzählstil und die gleichförmige Ästhetik vieler Disney-Produkte.

Nun, das Studio mit der Maus gibt es noch immer, sogar erfolgreicher denn je. Doch Ade gelang in Stuttgart mit seinen motivierten Jungfilmern der Start in eine neue Epoche: Der moderne deutsche Trickfilm wurde - vor allem nach tschechischem Vorbild - geboren.

Mit seiner Klasse legte Ade letztlich die Grundlage für den heute blühenden Animations- und Medienstandort Baden-Württemberg. Er baute von 1990 an nicht nur die Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg auf, sondern setzte sich auch dafür ein, dass dort Animation und High-Tech-Ausstattung zu zentralen Bausteinen wurden.

Nicht zuletzt hatte Ade auch das Trickfilmfestival gegründet - vor 30 Jahren. Und was ist daraus geworden! Sechs Tage lang sind in Stuttgart nun 1000 der besten Animationsfilme der Welt zu sehen, 70 000 Euro Preisgelder werden ausgeschüttet, gut 70 000 Besucher erwartet. Vom international bedeutenden Branchentreff der Effekt-Industrie - der FMX - nebenan im Haus der Wirtschaft ganz zu schweigen.

Kein Wunder, dass Ade vom künstlerischen Festivalleiter Ulrich Wegenast für seine "Pionierleistung" gewürdigt wurde: Er sei gleichermaßen künstlerisch und technologisch visionär gewesen. Tatsächlich hatte Ade bereits 1986 vom Bund Gelder für die Entwicklung von Computer-Animation erhalten. So ist es nur angemessen, dass die 16-Millimeter-Filme aus der legendären "Klasse Prof. Ade" jetzt für die Nachwelt digitalisiert wurden. 18 dieser Kurzfilme von 1980 bis 1991 waren am Donnerstagabend zu sehen: "Animation im Süden".

Der Anti-Disney-Effekt ist nur zu deutlich: Ade war es wichtig, visuelle Gestaltung und Story-Entwicklung zusammenzubringen, er propagierte künstlerischen Anspruch und totale Offenheit. Es ging um "Witz und Subversion verbunden mit Handwerk und Professionalität", wie es Wegenast ausdrückte.

Der Bogen reicht von übersteigerter und selbstreflexiver Comic-Ästhetik in "Flammender Pfeil im Reich der schnellen Bilder" über pointiert-bissige Gesellschaftskritik in "Ein Jäger aus Kurpfalz" bis zur traurigen Elvis-Hommage "Der König ist tot". Eine bemerkenswerte Rückschau: inhaltlich immer wieder polemisch-politisch, formal oft plakativ, dabei stets fantasievoll.

Spannend zu sehen, wie diese analogen Stuttgarter Anfänge in direkter Linie zur aktuellen weltweiten Produktion ambitionierter Trickfilme führen. Das Festival 2012 lässt nichts aus: Tschernobyl und Fukushima, afrikanisches Flüchtlingselend und argentinische Junta-Gewalt. Und es ist gerade die Wahl erzählerisch und ästhetisch extremer Mittel - die Groteske, Überzeichnung, Verfremdung, Verdichtung -, die den Kern eines Themas umso deutlicher hervortreten lässt.

Natürlich, es gibt auch viele spielerische Miniaturen: In "Atlas" wird antiker Mythos köstlich augenzwinkernd persifliert, und in "Flamingo Pride" muss der einzige Hetero-Vogel in einem schwulen Schwarm zu seiner Identität finden.

Aber ernste Kost dominiert: Da bringt sich ein Zivi "366 Tage" lang an den Rand der Erschöpfung, da sieht man in "The Pub" anhand wild verzerrter Gesichter, was es heißt, von früh bis spät am Tresen zu stehen, und "Princesse" führt ins Martyrium einer verunstalteten, gefangenen Frau. Trotz der Dominanz der Computertechnik sind es dabei auch mal simple Strichzeichnungen, Legetricks oder gar Figuren aus Kaffeepulver auf Sand, die anrühren, aufwühlen, erschrecken.

In dieser Form des modernen Animationsfilms - im kommerziellen Kino meist mit Familienfilm gleichgesetzt - geht es auffallend oft um essentielle, persönliche, sogar um letzte Dinge. Ja, es wird gelitten und gestorben. Mickey Maus und seine Freunde aber leben noch immer.

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