Prominenter Dichter hat im Schmiechtal geangelt

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Josef Victor von Scheffel war eine gebildeter Unterhalter, der in Talsteußlingen Forellen fing, die gelegentlich im Baum landeten. Beim Frauenfrühstück berichtete Ulrich Köpf über den Dichter. „Er war beim Forellenfischen zu heftig“, berichtet Hermann Stork über seinen Freund Viktor von Scheffel (1826-1886). „Manchmal kam ihm eine aus“. Wenn der ungeübte Angler zu sehr an der Schnur riss, dann flogen die schweren Forellen in den nächsten Baum und Kollege Stork musste auf dem Baum klettern, um den Fang herunterzuholen. Die Köchin im Talsteußlinger Gasthaus „Löwen“ bereitete die Forellen zu und die beiden Männer genossen ihre Sommerfrische.

Den „Biedermeier“ erfunden

Beim Ehinger Hausfrauenfrühstück berichtete Ulrich Köpf über das Leben von Victor von Scheffel, der ein angesehener Dichter, Hofbibliothekar, Jurist und Gesellschafter war. Der Karlsruher Literat gilt als Schöpfer des Begriffs „Biedermeier“, weil er in der Person des Gottlieb Biedermaier eine Figur erfand, die das Spießbürgertum des Biedermeier trefflich charakterisierte. „Der Mensch war zu dieser Zeit kleingeistig, brav und floh ins Private“, erzählte Ulrich Köpf über den Literaten, der sich mit seinen Dichtungen wie „Der Trompeter von Säckingen“ (1853) oder „Ekkehard (1855) den Nachruhm sicherte.

Victor von Scheffel schien das Leben genossen zu haben und als Gesellschafter eine angenehme Erscheinung gewesen zu sein. Jedenfalls lud ihn der Münchner Angelbedarfshändler Hermann Stork zur Sommerfrische ins Schmiechtal nach Talsteußlingen ein. Hermann Stork war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der führende deutsche Angelbedarfshändler und kannte offenbar auch Fischgewässer, in denen selbst ein ungeübter Angler erfolgreich sein konnte.

Stork hatte das Fischwasser an der Schmiech gepachtet und verbrachte dort mit Victor von Scheffel die Sommerfrische. In den „Münchner Neuesten Nachrichten“ von 1903 wird über den „Löwen“ und die Sommerfrischler berichtet. Demnach schliefen Stork und Scheffel „in einem großen Gastzimmer mit großem Himmelbette“. Man könne im Löwen das Scheffelzimmer noch besichtigen, erzählte Ulrich Köpf, „aber in das Schlafzimmer können Sie nicht rein, denn das ist das Schlafzimmer der Familie Simmendinger“.

Die Simmendingers gab es damals schon und in den Münchner Neuesten Nachrichten wird ein 80-jähriger Simmendinger zitiert, der Scheffel und Stork sein Leid mit den Knechten klagt. So seien die Knechte früher zufrieden gewesen, wenn man ihnen Wasser und Essig aufs Feld gebracht habe. Neuerdings verlangten sie jedoch Bier. „Scheffel zeigte ein warmes Herz für die Landwirtschaft“, schreibt die Zeitung. Offenbar hat der Akademiker geduldig zugehört und sich seinen Reim auf die Landbevölkerung gemacht. In einigen seiner Lieder werden Natur und Ernte geradezu verklärt.

Beim Frauenfrühstück sangen die Damen unter anderem das Lied „Wohlauf, die Luft geht frisch und rein, wer lange sitzt, muss rosten“, das mit seinem Kehrvers „Vallerie, vallera, vallerie, vallera“ ordentlich ins Ohr geht. Ulrich Köpf ging auch auf die damalige Populärliteratur ein, die nach dem immer gleichen Strickmuster aus „Adel-Erotik-Klerus“ gestrickt gewesen sei. Auch Victor von Scheffel hielt sich an die Erfolgsmasche. „In fast jedem der damaligen Romane kam ein Satz wie ‚nehmen Sie die Hand von meinem Knie, sprach die Gräfin zum Kardinal‘ vor“, beschrieb Köpf die damalige Biedermeier-Literatur.

In Morgentoilette beim Angeln

Von Victor von Scheffel sagt man, dass er im Talsteußlinger „Löwen“ erst aufstand, wenn die Sonne durch das Zimmerfenster fiel. Dann sei er nach dem Frühstück noch in Morgentoilette auf der Schmiechbrücke beim Angeln gestanden. „Später zog er sich an“. Solche Urlaubsgefühle kann man auch heute noch an selbiger Brücke nachempfinden. Allein, die lärmenden Bauern, die bierselig tagsüber schon Trinklieder grölten und über die Scheffel sich aufregte, die könnten heutzutage fehlen. Christina Kirsch

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