Natürliches Reiten ohne Zwang

Eugen Schmid reitet seine Pferde ohne Peitsche, Sporen oder Trense: In seiner Schule in Oberstadion unterrichtet er das RAI-Reiten – ohne Zwang.

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 Ganz entspannt läuft Eugen Schmid vor seinem Pferd her. Zügel hält er nicht in der Hand, Pferd España folgt ihm ganz von alleine. „Ich könnte so auch durch die Hauptstraße von Ehingen gehen“, sagt der Reitlehrer: „Sie würde mir immer hinterher laufen.“

Bleibt er stehen, hält auch España an. Damit das klappt, muss der Mensch zum Leittier des Pferdes werden. So kann sich das Tier entspannen – es muss nicht die Verantwortung für die Sicherheit übernehmen.

Schmid bildet seine Schüler in Oberstadion im RAI-Reiten aus, also im möglichst natürlichen Reiten ohne Zwang. Bundesweit gibt es ungefähr 20 Reitschulen, die diesen Stil unterrichten. Auf Peitsche, Sporen und Trense verzichten sie komplett. „Wenn die Harmonie zwischen Reiter und Pferd passt, dann brauche ich das nicht“, sagt der 56-Jährige.

Im Sommer leitet Schmid einige Ferienkurse, auch im Rahmen des Ferienprogramms der Winkelgemeinden veranstaltet die Reitschule einen Schnupperkurs. „Ich will das einfach mal ausprobieren“, sagt Teilnehmerin Lena Walter. Die Zehnjährige hat schon Erfahrung mit Pferden, seit zwei Jahren geht sie regelmäßig Dressur-Reiten.

Viel Erfahrung hatte Schmid selbst nicht, als er mit 50 Jahren zum RAI-Reiten kam. Seine Nichte hatte auf ihrem Hof ein junges Pferd, das als nicht reitbar und zu gefährlich galt: España. Vor sechs Jahren entschloss sich Schmid, das Pferd zu kaufen. „Ich wollte nicht, dass sie in Hände gerät, wo es ihr schlecht geht“, sagt er.

Durch Zufall stieß er dann auf ein Buch von Fred Rai, dem Gründer des RAI-Reitens. Zusammen mit España besuchte er bei ihm in Dasing einen Schnupperkurs – nach drei Tagen saß er sicher auf seinem Pferd. 2014 entschloss er sich, die Ausbildung zum Reitlehrer zu machen, Mitte 2015 eröffnete er schließlich seine Schule in Oberstadion.

Sein wichtigster Leitsatz: „RAI-Reiten muss man nicht erlernen, man muss es begreifen.“ Es gilt, die Psyche und das Gefühlsleben des Pferdes zu kennen. „Dann kann man auch unterscheiden, was Ungehorsam und was Angst ist und richtig darauf einwirken“, erklärt der Reitlehrer.

Aber auch beim natürlichen Reiten gibt es einen Sattel – einen speziellen RAI-Sattel. Der ähnelt dem beim Western-Reiten, ist aber deutlich leichter. Schmid legt España den Sattel auf den Rücken, das Pferd bleibt ruhig stehen. Der Reitlehrer fasst in eine Tasche und holt ein Leckerli heraus. „Hoho“, sagt er leise. Für das Pferd bedeutet der Ton, dass es eine Belohnung bekommt.

„Bei uns wird Positives belohnt, im Gegensatz zu anderen Reitweisen: Da wird Negatives bestraft“, erklärt Schmid. Dann zieht er España das so genannte „RAI-Bändele“ über den Kopf, einen leichten Schnur-Halfter. Damit kann er zwar auf das Tier einwirken, aber keine Schmerzen auslösen.

Schmid führt España auf den runden Reitplatz. Eine junge Frau schwingt sich auf den Pferderücken. Sie probiert RAI-Reiten heute zum ersten Mal aus, auch sonst hat sie keinerlei Erfahrung im Umgang mit Pferden. Trotzdem gelingt es ihr innerhalb von ein paar Minuten, España über den Platz zu lenken. Dreht sie den Oberkörper nach links, macht das Pferd eine Linkskurve. Lehnt sie sich zurück und ruft leise „Ho“, bleibt España stehen. Auf „Hoho“ holt sich das Tier seine Belohnung ab.

Noch nie ist eines der sechs Pferde in Schmids Stall durchgegangen. Sie sind alle speziell auf die RAI-Weise eingestellt. Der wichtigste Schritt ist, als Reiter zum Leittier zu werden. „Dann muss man nur noch lernen, die richtigen Reithilfen zu geben“, sagt Schmid. Und diese Hilfen muss das Pferd freiwillig annehmen. Innerhalb einer Woche kann er jedes Pferd auf den Reit-Stil einstellen.

Dabei geht es auch nicht darum, Pokale oder Urkunden zu gewinnen: Turniere gibt es nicht beim RAI-Reiten. „Ich muss nicht über Hindernisse springen oder mit meinem Pferd tanzen“, sagt Schmid: „Ich will mich mit meinem Pferd sicher in der freien Natur bewegen können.“

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