Nach 157 Jahren ist der Liederkranz Geschichte

Viele Generationen lang hat der Liederkranz Rottenacker das dörfliche Leben bereichert. Damit ist nun, nach 157 Jahren, Schluss. Altershalber löst sich der Verein auf. Seit Jahren fehlt ihm der Nachwuchs.

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Der Vorsitzende Hermann Stoll (stehend) erstattete in der letzten Jahresversammlung des Liederkranzes Bericht über den Stand der Vereinsauflösung. Foto: Moser

Traurige Mienen, Wehmut in der Luft - die letzte Stunde des Liederkranzes Rottenacker schlug jetzt in der Jahreshauptversammlung. Nach 157 Jahren kam das Aus, es wird keine Konzerte mehr geben, keinen Chorgesang mehr beim Dorfplatzfest oder Weihnachtsmarkt und auch nicht mehr bei der Beerdigung von verstorbenen Mitgliedern. "Es nützt alles nichts, wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen", gab der Vorsitzende Hermann Stoll mit belegter Stimme im Gasthaus Rössle zu bedenken. Alles Werben während der vergangenen Jahre war vergebens und nun, da die meisten der noch verbliebenen Sängerinnen und Sänger mehr als 70 Jahre alt sind, gibt es keine Zukunft für den Verein, in dessen Register gegenwärtig noch 85 Namen stehen.

Zuletzt erklangen noch ein Dutzend Stimmen. Auch jene von Franz Rapp aus Herbertshofen, der mit 95 Lenzen als ältester Sänger bis zum bitteren Ende durchgehalten hat. "Was machen wir nun am Dienstagabend?", hatte er seine Frau gefragt, die ebenfalls seit Jahrzehnten im Liederkranz Rottenacker singt.

Das Jahr 2013 war schwierig, kein Vorsitzender wickle gerne eine Vereinsauflösung ab, erklärte Hermann Stoll, der selbst seit 50 Jahren dem Chor angehört. "Es tut arg weh", ließ er wissen und teilte damit die Stimmungslage der etwa 40 Besucher. Doch das Vereinsrecht erfordert viele Regularien, auch eine abschließende Jahresversammlung gehört zum letzten Kapitel. Offiziell löst sich der Liederkranz zum 31. Dezember 2013 auf, die restlichen Tätigkeiten zur Abwicklung dauern mindestens noch ein halbes Jahr.

Der Liederkranz Munderkingen ist seit mehr als vier Jahrzehnten Partner des Rottenacker Vereins, mit ihm wurde voriges Jahr als Chorgemeinschaft noch das Jubiläumsjahr zum 175. Geburtstag gestaltet, gewissermaßen als krönender Abschluss der Vereinsaktivitäten. Das geschah auch Dirigent Wolfgang Oberndorfer zuliebe, der Ende 2013 nach 44 Jahren mit sehr vielen schönen Konzerten und Aktivitäten sowie einer guten Kameradschaft im Chor den Taktstock aus der Hand legte. Er bedauerte die Auflösung des Liederkranzes Rottenacker nach so langer Zeit. Schriftführerin Marlene Bosch ließ die Aktivitäten des letzten Jahres Revue passieren, Kassiererin Gerlinde Schacher legte den Kassenbericht vor. Nachdem der Verein noch seine Fahne restaurieren ließ und an die Rottenacker Kindergärten sowie den Kinderchor für die musikalische Frühförderung 1500 Euro gespendet hat, sind aktuell noch 5349 Euro in der Kasse. Dieser Betrag wird satzungsgemäß der Gemeinde übergeben und soll musikalischen Zwecken dienen.

"Wir nehmen dieses Geld treuhänderisch in unsere Obhut bis sich ein geeigneter Verwendungszweck findet", sicherte Bürgermeister Karl Hauler zu. Mit der Auflösung des Vereins ende in der Gemeinde die Ära des Chorgesanges, bedauerte er. Er hoffe, dass sich wenigstens am Totensonntag eine Reihe Männerstimmen für den Gesang am Kriegerehrenmal zusammenfinden und will nicht nur selbst mitsingen, wie schon seit einigen Jahren, sondern auch weitere Männer zum Mitmachen ermuntern. "Wenigstens diese Tradition sollten wir aufrecht erhalten", meinte der Bürgermeister. Wie so oft, wenn die Sängerschar im "Rössle" einkehrte, stimmten die Männer am letzten gemeinsamen Abend das Lied "Schöne Nacht" an - diesmal war es der traurige Abgesang auf einen Traditionsverein.

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