Mediator bringt Streithähne zum Gespräch an einen Tisch

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Wer war das gerade da drin, das war doch nicht ich?“ Diesen Satz hört Heinrich Wiker öfter nach einer erfolgreichen Mediation. Etwa wenn ausgesprochene Erzfeinde sich aufgrund des guten Zuredens von Freunden zur Mediation bereit erklären und eine neue Seite an sich erkennen: einen Menschen, der bereit ist, einen Kompromiss einzugehen. „Hinterher liegen sich manche in den Armen und weinen“, sagt Wiker.

Der Munderkinger ist im Raum Ehingen der einzige Mediator, der im Bundesverband Mediation organisiert ist (siehe Infokasten), der Konflikte schlichtet. „Anwälte gehen Konflikte systembedingt parteiisch an“, sagt Wiker. Mit dem Klienten sachlich besprochene Punkte führen dann schnell zu einem Schreiben des Anwalts an die Gegenpartei, was diese dann völlig unvorbereitet trifft und oft zu Überreaktionen drängt. „So schaukelt sich das schnell hoch.“

Er sei wie ein begleitender Moderator mit gewissen Spielregeln wie Offenheit, Zuhören und Ausreden lassen, sagt der 64-Jährige, der 35 Jahre Versicherungsmakler war und über einen Artikel in einer Fachzeitschrift auf das Thema kam. Wiker ließ sich in Freiburg in 220 Stunden ausbilden und wechselte nochmal den Beruf.

Nicht vergleichbar ist Wikers Arbeit mit der eines Schiedsgerichts. Dieses entscheidet in speziellen Fällen und besteht ausschließlich aus Fachleuten, doch auch hier steht am Ende ein Urteil. Die Herangehensweise eines Mediators sei dagegen, dass beide Seiten eine eigene Lösung finden. „Es geht darum ganz unparteilich beiden zuzuhören. Oft haben die Streitparteien das verlernt und können sich gar nicht mehr zuhören.“ Im Mediations-Verfahren, das von einer bis mehr als 20 Sitzungen reichen kann, schlüpfe er auch zwischendurch in die Rolle einer der Parteien um deren Position wiederzugeben. Das diene dazu tiefer gehende emotionale Beweggründe zum beiderseitigen Verständnis einzubringen.

Ob Vertragsverhandlung, Bebauungsgrenze, Betriebsaufspaltung oder Erbschaft: In vielen Fällen könne er helfen. Oft werde gemeinsam nach einem zertifizierten Verfahren, das allerdings unterschiedliche Herangehensweisen haben kann, eine doppelte Liste erstellt. Auf der einen Seite werden die Ängste, Wünsche und Prioritäten der einen Partei aufgeschrieben, auf der anderen die der anderen. Er stelle stets sicher, dass er unabhängig davon agiert, wer den Einsatz bezahlt – meist beide Parteien zu 50 Prozent, was vorher festgelegt wird. „Es geht nicht, dass die eine Seite mir telefonisch vorab groß und breit ihre Sicht erzählt, so etwas blocke ich ab.“ Die Listen werden abgearbeitet, manchmal nach und nach in mehreren Sitzungen. Lösungsansätze, die dann angenommen werden können oder nicht, wurden zusammen entwickelt und werden auf Wunsch vor dem schriftlichem Abschluss von jeder Seite parteiisch über deren Anwalt geprüft.

Nicht immer sind die Streitparteien gemeinsam da, es gebe auch eine telefonische „Shuttle-Mediation“. Nachgeben, Kompromisse finden sei nachhaltiger und für alle befriedigender als wenn ein Gericht ein Urteil fällt, das den einen zum Verlierer und den anderen zum Gewinner erklärt, sagt Wiker. „Danach geht der Streit am Zaun ja erst recht weiter.“

Viele Aufträge, zum Beispiel einen Streit zwischen einer Mutter und ihrem inhaftierten Sohn, erhalte er über eine Empfehlung anderer Kunden. Wikers Schwerpunkt liegt aufgrund des beruflichen Hintergrunds auch auf Firmen und vertraglichen Problemen, etwa mit externen Firmen oder Kunden. So habe er 144 Kunden-Anrufe nach Deutschland, in die Schweiz, „von Litauen bis nach Kanada“ für eine regionale Firma erledigt, die besondere Events anbot, aber diese nicht durchführen konnte. „Wenn ich da als neutraler Vermittler anrufe und ein Angebot mache, wie die Sache geregelt werden kann, ist das ein ganz anderes Gespräch als wenn der erboste Kunde mit der Firma spricht.“

Auch einen Fall, in dem ein Abteilungsleiter mehreren Mitarbeiterinnen aus persönlichen Gründen beim Chef schlecht machte, konnte Wiker klären. „Ich spreche dann Klartext und benenne die Probleme ohne jemanden in die Pfanne zu hauen.“ In vielen Firmen stimme das Betriebliche, allerdings gebe es menschlich Probleme. In Einzelgesprächen, einem so genannten Betriebsklima-Check oder auch per Mediation finde er heraus, wo der Schuh drückt und geht dies an. „Es ist so wichtig für die Produktivität, Konflikte zu lösen. Einzelne Reibungspunkte können sich auf die gesamte Belegschaft auswirken und so zum ,Buschbrand’ führen.“

Auch in Krisensituationen wie einer drohenden Insolvenz bietet Wiker Hilfe, etwa wenn die Betroffenen selbst gar nicht mehr klar denken können. „Deeskalation kann hier heißen: Ich rufe die beteiligten Partner an  und vereinbare zum Beispiel einen Aufschub für eine interne Ermittlung der Lage, und schon ist der Druck raus. Die Leute entkommen dem Negativ-Strudel.“ Mitleid zu zeigen nutze wenig, aber Empathie und Lebenserfahrung sind wichtige Werkzeuge des Vermittlers.

Alle Fälle sind schwierig

Seine Fälle seien alle schwierig, doch es gibt Wiker viel, anderen fair und sachlich zu helfen und quasi eine Entzündung im Zusammenleben zu lösen. „Große Entzündungen können ja durch kleinste Wunden entstehen, wenn man sie nicht richtig behandelt.“ Nicht für jeden sei Mediation etwas, räumt Wiker ein: „Mit einem Psychopathen kann ich nicht arbeiten. Und wenn ein Gerichtsverfahren schon läuft, die Parteien sich nicht zuhören wollen oder die Offenheit nicht da ist, dann kann ich auch nichts tun.“ Dann bleibe je nach Fall nur der Gang zum Gericht, was aber höhere Kosten und ein gewisses Risiko einbringe. Mediation übersetzt der Munderkinger mit „in die Mitte gehen“ (lateinisch „media“, die Mitte). Politisch sei derzeit nach dem Mediationsgesetz von 2012 eine weitere Verfeinerung in Vorbereitung, die darauf abzielt, die Gerichte durch Mediation zu entlasten. Heinrich Wiker könnte damit in den nächsten Jahren Zuwachs an Kollegen bekommen.

Schwerpunkt Heinrich Wiker ist seit 2010 Mediator mit Schwerpunkt Wirtschaftsmediation, Konfliktmanagement und Vermittlung in besonderen Fällen (innerbetriebliche Konflikte, externe Parteien, Verhandlungen). Er ist Mitglied im Bundesverband Mediation, seit 2013 Mitarbeiter in der Deutschen Stiftung Mediation. Ehrenamtlich ist er seit 13 Jahren Opferbetreuer im Weißen Ring (Ulm). Im Raum Ehingen sind der Redaktion noch Mediatoren in der Anwaltskanzlei Christ und Dewald bekannt. kam

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